25.02.13

Börsenwerte

Italien-Wahl schreddert weltweit 20 Milliarden Euro

Die Börsianer freuten sich zu früh über den Sieg des Reformbündnisses. Jetzt sind die Machtverhältnisse wieder unklar. Die Folge des Wahlkrimis: Die Börsen schließen weit im Minus, der Euro stürzt ab.

Von Holger Zschäpitz
Foto: Bloomberg

Der Kurs des Euro ist innerhalb weniger Stunden abgestürzt
Der Kurs des Euro ist innerhalb weniger Stunden abgestürzt

Italien schafft es, selbst die hart gesottenen Börsianer zu überraschen. Noch bevor die Wahllokale in Italien am Montagnachmittag überhaupt geschlossen hatten, feierten die Märkte den Sieger: das Mitte-Links-Bündnis um den Sozialisten Pier Luigi Bersani.

Bereits gegen 13:30 Uhr begannen die Renditen der italienischen Staatsanleihen deutlich zu sinken. Ein Vertrauenssignal, das nur bedeuten konnte, dass der Wunschkandidat der Marktakteure gewonnen hatte und nicht Börsenschreck Silvio Berlusconi. Doch im Laufe des Handels wirbelte der italienische Wahlkrimi die Märkte kräftig durcheinander.

Bersani hatte erklärt, er werde die Maßnahmen zur Reform der Wirtschaft fortführen. Er galt für die Finanzmärkte daher als einziger Garant für die Fortsetzung des von Premierminister Mario Monti gestarteten Kurses. Die Kurse italienischer Anleihen verzeichneten daher auch zunächst eine kräftige Rallye. Spiegelbildlich sanken die Renditen um bis zu 0,3 Prozentpunkten.

Mailänder Börse legte in der Spitze vier Prozent zu

Auch die Aktienmärkte verzeichneten zunächst eine kräftige Erleichterungsrallye. Der italienische FTSE MIB legte in der Spitze um mehr als vier Prozent zu. Einzelne Aktien gewannen an der Mailänder Börse sogar um bis zu zehn Prozent. Der Dax gewann vorübergehend 2,6 Prozent und arbeitete sich bis auf elf Punkte an sein bisheriges Jahreshoch heran.

Als sich wenig später jedoch herausstellte, dass das Mitte-Links-Bündnis die Mehrheit im Senat verfehlt haben könnte, und ein politisches Patt droht, stieg die Nervosität der Märkte wieder deutlich. Die Renditen der italienischen Anleihen setzten sich wieder deutlich von den Tiefständen ab. Die Aktienmärkte gaben einen Gutteil der Gewinne wieder ab. Der italienische FTSE MIB schloss nur noch mit einem minimalen Plus von 0,4 Prozent. An der Wall Street verloren die Aktien sogar deutlich. Der S&P 500 rutschte fast zwei Prozent ab.

Der Senat ist in Italien gleichberechtigt. Ohne die zweite Parlamentskammer, in der die Regionen vertreten sind, können im Stiefelstaat keine Gesetze verabschiedet werden. Wer das Land stabil regieren möchte, braucht daher eine Mehrheit in beiden Kammern.

Politische Börsen haben keine kurzen Beine mehr

Die Nervosität spiegelte sich auch am Devisenmarkt. Der Euro begab sich zu Wochenbeginn auf Berg- und Talfahrt. War er unmittelbar nach Schließung der Wahllokale über die Marke von 1,33 Dollar gesprungen, rutschte er nur wenige Stunden später unter die Marke von 1,31 Dollar. Zwischenzeitlich markierte er ein Tief bei 1,3048 Dollar. Investoren hassen die erneute Unsicherheit. "Jetzt drohen Neuwahlen", meint Alberto Gallo von der RBS in London.

Die heftigen milliardenschweren Bewegungen machen deutlich, welchen Einfluss die Politik inzwischen auf die Märkte hat. Vergessen scheinen die Zeiten, als politische Börsen noch kurze Beine hatten. In nur wenigen Stunden wurden beispielsweise an der Börse in Mailand erst rund 16 Milliarden Euro an Aktienwerten geschaffen, bevor sich später gut 15 Milliarden wieder in Luft auflösten. Und an der Wall Street vernichtete die Wahl in Italien Aktienwerte von umgerechnet 25 Milliarden Euro.

"Die Politik dominiert die Märkte", erklärt Stephen Jen, Hedgefondsmanager bei SLJ Macro Partners in London. Deshalb seien die Akteure beispielsweise so fixiert auf jede Wendung der italienischen Wahlen.

Das EU-Gründungsmitglied Italien leidet seit Jahren unter einer Rezession und einer hohen Verschuldung, die in der Euro-Zone nur noch von Griechenland übertroffen wird. Das südeuropäische Land ist die drittgrößte Volkswirtschaft in der Währungsunion. Die Wahlen gelten daher als Schicksalsabstimmung mit Signalwirkung für die gesamte Euro-Zone.

Italienische Börse eine der schwächsten in Europa

Der bisherige Premierminister Mario Monti hatte eine Arbeitsmarktreform verabschiedet, die nach Berechnungen der Wirtschaftsorganisation OECD die Produktivität des Landes um 0,4 Prozentpunkte jährlich steigern könnte. Die hat das Land dringend nötig. Italien ist der einzige Staat in der Euro-Zone, der in den vergangenen zehn Jahren einen Rückgang bei der Produktivität verkraften musste.

Das reflektiert sich auch im anämischen Wirtschaftswachstum des Landes. So kann eine Ökonomie entweder durch mehr Arbeitskräfte wachsen oder dadurch, dass die bestehenden Arbeitskräfte mehr erwirtschaften, sprich die Produktivität steigt.

Ein geringes Wirtschaftswachstum schlägt sich auch in den Unternehmensgewinnen nieder. So gehört die italienische Börse zu den schwächsten in Europa. Während der Deutsche Aktienindex Dax in den vergangenen fünf Jahren um 16,1 Prozent zulegte, verlor das italienische Pendant FTSE MIB im gleichen Zeitraum fast 40 Prozent an Wert.

Die Märkte hatten daher auf einen klaren Sieg der Reformkräfte und drauf gesetzt, dass eine neue gewählte Regierung Wachstumskräfte freisetzen werde. Analysten zeigten sich in ersten Stellungnahmen zumindest erleichtert über die sich abzeichnende Niederlage Berlusconis.

"Alles ist besser als Berlusconi"

"Das Horrorszenario einer Rückkehr von Berlusconi in das Amt des Ministerpräsidenten tritt nicht ein", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Noch gebe es aber keinen Reformdurchbruch. Den erwarte er auch nicht vom heterogenen Bündnis Bersanis.

"Aber alles ist besser als Berlusconi, der seine Glaubwürdigkeit verspielt hat." Aus Sicht von Matthias Thiel von MM Warburg wird es jede Regierung in Rom schwer haben, Arbeitsmarkt und Verwaltung in den Griff zu bekommen.

Börsianer sind nicht die besseren Demoskopen

Ähnlich sieht das Roger Bootle, Stratege bei Capital Economics. "Es ist nicht damit getan, einfach die von Monti begonnen Reformen so laufen zu lassen. Es muss mehr geschehen." Nach Ansicht von Bootle müssten die Reformen auch wirklich umgesetzt werden, damit die Wachstumskräfte stimuliert werden. Er rechnet damit, dass das Land tiefer in die Rezession rutschen wird und Italien nichts anderes übrig bleibt, als die Partner in der Euro-Zone um Hilfe zu bitten.

Diese Erkenntnis war es dann auch, die die Feier der Börsianer am Montag dann zum abrupten Ende brachte. Viele mussten auch lernen, dass Börsianer keineswegs die besseren Demoskopen sind.

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