21.02.13

Notenbanken

Die Zauberlehrlinge erschrecken vor ihrem Tun

Gelddrucken war bislang das Krisenrezept der Währungshüter. Doch bei der Fed in den USA scheinen die Herren des Geldes langsam Angst vor der eigenen Courage zu haben. Die Märkte knicken ein.

Von Frank Stocker
Foto: Infografik Die Welt

Die lockere Geldpolitik hat die Bilanzen der Notenbanken aufgebläht
Die lockere Geldpolitik hat die Bilanzen der Notenbanken aufgebläht

"Walle, walle, manche Strecke, dass, zum Zwecke, Geld nun fließe und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Wirtschaftsaufschwung sich ergieße." So könnte man Goethes Gedicht vom Zauberlehrling ein wenig abwandeln, um das Motto der Notenbanken der vergangenen Jahre zu beschreiben. Sie überschwemmen die Finanzmärkte mit Geld, indem sie die Zinsen auf absurd niedrigem Niveau halten und unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen. Alles, damit endlich die Konjunktur wieder nach ihrem Willen tanzt.

Doch allmählich scheint einigen mulmig zu werden, angesichts des Ausmaßes, das diese Politik angenommen hat. Wie aus nun veröffentlichten Protokollen des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (Fed) hervorgeht, diskutierten die Mitglieder bei ihrer letzten Sitzung Ende Januar intensiv darüber, ob die bisherige Strategie noch angemessen sei. Einige Vertreter äußerten demnach die Einschätzung, beim Aufkauf von Staatsanleihen überwögen die Risiken inzwischen den Nutzen. Die Börsen reagierten daraufhin am Donnerstag mit deutlichen Verlusten.

"Der Finanzmarkt verstand die Protokolle als ein Zeichen, dass die Notenbank das Anleihenkaufprogramm früher beenden könnte als bisher gedacht", sagt Harm Bandholz, US-Chefökonom der Unicredit. Bislang war es offizielle Haltung der Fed, die Käufe erst zu beenden, wenn die Arbeitslosenrate in den USA unter 6,5 Prozent gesunken ist. Bis dahin sollen Monat für Monat 85 Milliarden an Anleihen am Markt aufgekauft werden. Da die Arbeitslosenrate derzeit noch bei 7,9 Prozent steht und es noch mindestens ein Jahr dauern dürfte, bevor sie auch nur annähernd an die Marke von 6,5 Prozent herankommt, bedeutete dies, dass ein Ende der Käufe nicht absehbar war.

Anleihekäufe schüren Verlustängste

Doch nun sieht alles plötzlich ganz anders aus. Denn offenbar stellen einige Mitglieder des Offenmarktausschusses die Höhe der Arbeitslosenrate als entscheidendes Kriterium in Frage. Für sie ist wichtiger, ob die Anleihenkäufe das Funktionieren der Finanzmärkte beeinträchtigen und ob die Fed sich Verlustrisiken aussetzt, wenn sie die Anleihen eines Tages wieder verkaufen muss.

Diese Frage stellt sich allerdings nicht nur für die amerikanische Notenbank. Sämtliche westliche Notenbanken lassen seit Jahren die Druckerpressen rotieren. Die Bilanzsumme der Zentralbanken der USA, der Euro-Zone, Großbritanniens, Japans und der Schweiz hat sich seit Anfang 2006 insgesamt fast verdreifacht. Zuletzt war auch noch die japanische Notenbank auf den Zug aufgesprungen, die sich zunächst lange zurückgehalten hatte.

Das hatte dazu geführt, dass der Yen stark aufwertete. Daher verkündete die neue Regierung im Dezember einen abrupten Kurswechsel. Die Notenbank wurde weitgehend ihrer Unabhängigkeit beraubt und muss nun auch die Budgetschulden durch die Notenpresse finanzieren. Der Yen hat seither deutlich an Wert verloren, wie von Tokio gewünscht.

Der Goldpreis dürfte weiter nachgeben

Sollte die USA tatsächlich früher als bisher gedacht die Notenpresse anhalten, so dürfte dies zum einen den Dollar deutlich aufwerten lassen. Schon direkt nach der Veröffentlichung der Protokolle hatte er kräftig zugelegt, der Euro ist inzwischen nur noch rund 1,32 Dollar wert, erst Anfang Februar hatte er ein Zwischenhoch bei 1,36 Dollar erreicht. Parallel zu einem steigenden Dollarkurs dürfte der Goldpreis weiter nachgeben. Auch hier hat sich in den vergangenen Tagen der Abwärtstrend schon beschleunigt. Seit Anfang Februar hat der Preis um rund 100 Dollar auf gegenwärtig rund 1570 Dollar verloren.

Die Aktienmärkte dürften bei einem Kurswechsel der Notenbanken zu Verlusten neigen, da der stete Geldstrom bislang auch in diesen Markt floss. Die Renditen für Staatsanleihen würden andererseits steigen, da die Notenbank als Käufer dann wegfielen. Genau dieser Effekt dürfte die Geldhüter aber bis auf weiteres noch vor diesem Schritt zurückschrecken lassen. Denn steigende Zinsen wären für die Konjunktur derzeit sicher nicht förderlich.

In fast allen westlichen Industriestaaten war die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal des vergangenen Jahres zurückgegangen. Auch in den USA war das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit dem Krisenjahr 2009 wieder geschrumpft. Es sank zwischen Oktober und Dezember aufs Jahr hochgerechnet um 0,1 Prozent - was nur nach einer kleinen Delle aussieht, aber dennoch Sorgen über die Zukunft der weltgrößten Volkswirtschaft nährte.

"Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los"

Daher halten die meisten Beobachter eine Abkehr der Fed von ihrer bisherigen Politik bis auf Weiteres auch für unwahrscheinlich. Zumal die Befürworter des Gelddruckens, die so genannten "Tauben", im Offenmarktausschuss nach wie vor in der deutlichen Mehrheit sind. Und diese äußerten den Protokollen zufolge ihre Sorgen um die Risiken eines vorzeitigen Endes der Anleihenkäufe mindestens ebenso lautstark wie ihre Opponenten, die "Falken". Sie verwiesen dabei vor allem auf Beispiele aus der Vergangenheit, als die Notenbank zu früh den Hebel umgelegt habe, mit negativen Folgen für die wirtschaftliche Erholung.

Und schließlich haben die Notenbanker das Problem, dass sie gar nicht genau wissen, wie sie überhaupt den Ausstieg aus der bisherigen Strategie schaffen sollen. Irgendwie müssten sie eigentlich irgendwann die in den Bilanzen aufgehäuften Billionen wieder abbauen. In einer der früheren Sitzung war dafür mal ein Zeithorizont von fünf Jahren angedacht gewesen. Doch das halten einige wohl inzwischen auch für illusorisch, wie die Protokolle zeigen. Vielleicht kennen sie auch einfach Goethes Zauberlehrling: "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los."

Verbinden Sie sich mit dem Welt-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

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