19.02.13

Börse

Insider misstrauen der laufenden Aktien-Rallye

Vorstände trennen sich verstärkt von Papieren ihrer Firma. Die Verluste der vergangenen Jahre stecken den Investoren in den Knochen. Dazu kommt eine Art finanzielle Euro-Phobie.

Von Daniel Eckert
Foto: Infografik Die Welt

Die Marke von 8000 Punkten ist für den Dax ein Angstgegner
Die Marke von 8000 Punkten ist für den Dax ein Angstgegner

Angst ist bekanntlich das Lieblingsgefühl der Deutschen. Die Börse gibt ihnen derzeit einigen Anlass, ihr Lieblingsgefühl auszuleben. Nicht weil die Kurse fallen, sondern weil sie steigen. Das aber kann nach Meinung der meisten Bundesbürger nicht mit rechten Dingen zugehen – und kündigt mutmaßlich kommendes Unheil an.

"Die Erfahrungen der vergangenen Jahre stecken den Deutschen in den Knochen", sagt Joachim Goldberg von der Firma Cognitrend. Goldberg ist Experte auf dem Gebiet der Behavioral Finance: Er studiert, wie Aktienmarkt und Seelenleben zusammenhängen. Kurz gesprochen: Er ist Börsenpsychologe.

"Für die Psychologie der Geldanlage wäre es sinnvoll, die Vergangenheit einfach zu vergessen, doch das gelingt den allerwenigsten", sagt Goldberg. Mit Vergangenheit spielt er auf die schlimmen Kurseinbrüche der zurückliegenden 13 Jahre an. Schon zweimal hat der Deutsche Aktienindex (Dax) ähnliche Niveaus wie jetzt erreicht – und zweimal stürzte er danach ab. Das erste Mal 2003 auf 2200 Punkte und das zweite Mal 2009 auf unter 3700 Punkte.

Dax nur noch 400 Punkte von seinem Rekord entfernt

Am Dienstag stieg der Dax um 1,5 Prozent auf 7740 Zähler. Damit ist er noch etwa 400 Punkte von seinem bisherigen Rekordhoch entfernt. Im Laufe der vergangenen zwölf Monate erlebte das Börsenbarometer eine Berg- und Talfahrt. Allein 2012 betrugen die Ausschläge von oben nach unten fast 2000 Punkte. "Das Angenehmste aus Sicht der Anleger wäre eine stetige Aufwärtsbewegung, aber das ist an der Börse nun einmal die Ausnahme", sagt Goldberg.

Anlass für die aktuelle Anleger-Furcht ist nicht so sehr die deutsche Wirtschaftslage, die sich trotz einer Schwäche im vergangenen Quartal als äußerst robust erwiesen hat. Doch jenseits der Grenzen scheint aus Sicht des bundesrepublikanischen Normalanlegers alles den Bach runterzugehen. Anlage-Berater sprechen von einer Euro-Phobie.

"Die Anleger sind derzeit ziemlich verunsichert, was die weitere Konjunkturentwicklung in Europa anbelangt", sagt Birgit Miehle, Asset-Managerin bei der Münchener Vermögensverwaltung BMS Finanz Consulting. In der Wahrnehmung der Anleger rücke die Schuldenkrise wieder in den Vordergrund. Viele fürchteten, dass Spanien, Italien und auch Frankreich die deutsche Wirtschaft mit nach unten ziehen.

Nähe zu den Dax-Höchstständen schreckt Anleger ab

Konkret ängstigt die bevorstehende Wahl in Italien. Dort könnte mit Silvio Berlusconi ein Politiker an die Macht zurückkehren, der das fragile Gebilde der Euro-Rettung zum Einsturz bringt. Auch die am Dienstag bekannt gewordenen zweitgrößte Pleite in der spanischen Immobilienbranche bestätigt die Pessimisten in ihrer Skepsis.

Kürzlich hat eine Untersuchung erbracht, dass nur noch rund zehn Prozent der Deutschen Aktien für interessant halten. Die Aufgeschlossenheit gegenüber Sachwerten wie Gold oder Häusern ist deutlich höher. "Dabei scheint die Gefahr, mit Sachwert auf die Nase zu fallen, beträchtlich", sagt Goldberg.

Selbst die Minderheit, die Aktien grundsätzlich positiv gegenübersteht, hält sich derzeit zurück. Sie sagen sich "Ich müsste eigentlich stärker in Aktien gewichtet sein" – aber die Nähe der historischen Höchststände schreckt viele Anleger ab. "Keiner will sich die Blöße geben, nahe am Hoch zu kaufen und später rote Vorzeichen in seinem Depot zu haben. Das ist wieder eine Art Angst", sagt Goldberg, der gerade ein Buch über intelligentes Investieren auf den Markt gebracht hat ("Genial einfach entscheiden. Besser denken, handeln und investieren im täglichen Entscheidungsdschungel", ISBN 3898797961).

Größte Verkäufe bei Deutsche Bank und Beiersdorf

Sogar viele Institutionelle wie Versicherungen, Fonds oder Stiftungen, die auf Geld zum Investieren sitzen, warten auf die große Korrektur. Ob die aber jemals kommt, ist vollkommen offen. Doch nicht nur Privatanleger, auch Vorstände und Aufsichtsräte scheinen derzeit eher auf der skeptischen Seite zu sein: Denn die Manager und ihre Familien haben in den vergangenen Wochen deutlich mehr Aktien verkauft als gekauft. Das geht aus den sogenannten "Directors' Dealings" oder "Insider-Daten" hervor, die der Finanzaufsicht laut Paragraf 15a Wertpapierhandelsgesetz (WpHG) gemeldet werden müssen.

Die größten Verkäufe gab es den Veröffentlichungen nach Paragraf 15a zufolge bei dem Konsumgüterhersteller Beiersdorf und bei der Deutschen Bank. Auch beim Technologiekonzern Siemens stießen einige Angehörige der höchsten Führungsebene Aktien ihres Unternehmens ab. Bei der Deutschen Bank belief sich das Volumen der Verkäufe auf 5,5 Millionen, bei Beiersdorf sogar auf 6,8 Millionen Euro.

Allerdings sieht Goldberg die Skepsis allerdings auch mit einem lachenden Auge: "Im Umfeld des Zweifels lässt sich am besten investieren". Er selber hält es für wahrscheinlich, dass der Dax dieses Jahr ein neues Jahreshoch markiert. Damit die Anleger die negativen Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts und die Angst hinter sich lassen, sind nach Auffassung des Börsenpsychologen aber Dax-Niveaus erforderlich, die weit über den bisherigen Höchststand hinausgehen, zum Beispiel bei 8500 Punkte oder mehr.

Daniel Eckert ist Währungsexperte und twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan

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