07.02.13

Anlageexpertin

"Chinas Wirtschaftsmodell muss erneuert werden"

Am Wochenende feiert China den Beginn des Jahrs der Schlange. Das Tierkreiszeichen steht für Veränderung. Und genau das braucht China auch dringend, sagt die Fondsspezialistin Christina Chung.

Von Frank Stocker
Foto: picture alliance / dpa

Chinas Straßen sind mit roten Laternen geschmückt. Am Wochenende feiert das Reich der Mitte Neujahr
Chinas Straßen sind mit roten Laternen geschmückt. Am Wochenende feiert das Reich der Mitte Neujahr

In den kommenden Tagen wird in China gefeiert. Das traditionelle Neujahrsfest ist der Höhepunkt des Jahres, zu vergleichen mit Weihnachten im westlichen Kulturkreis. Diesmal wird das Jahr des Drachens durch das Jahr der Schlange abgelöst. Die Schlange steht für Veränderung und Wandel. Genau darauf hoffen viele Chinesen, aber auch ausländische Investoren. Die China-Expertin Christina Chung von der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors erklärt, was an Reformen nötig wäre, was anderenfalls zu erwarten ist, und was das für Anleger bedeutet.

Die Welt: Das zu Ende gehende Jahr des Drachen war in China allenfalls durchwachsen. Die Börsen des Landes blieben sogar hinter den meisten anderen zurück. Was hat der Drache falsch gemacht?

Christina Chung: Es kamen mehrere Probleme zusammen. Zum einen sank die Wachstumsrate auf Werte zwischen sieben und acht Prozent. Investoren waren jedoch über Jahre an zweistellige Zuwächse gewöhnt. Zusätzlich stand ein politischer Wechsel an. Auch wenn dieser in China gewöhnlich keine Überraschungen birgt, so waren damit diesmal doch einige Fragen verbunden. Welches Lager gewinnt die Oberhand? Wie gehen die Reformen weiter? Oder ganz absurd: Wo ist eigentlich Xi Jinping? Im September war der designierte Staatschef ja zwei Wochen lang verschwunden. Das zeigt, wie nervös große Teile der Finanzwelt auf China schauten. Nach dem Parteitag im November hat sich das aber allmählich gelegt.

Die Welt: Und im Jahr der Schlange wird nun alles besser?

Chung: Die Wirtschaftsdaten haben sich schon ein wenig verbessert. Konjunkturell dürfte 2013 dennoch nicht so viel besser werden als 2012, das Wachstum dürfte erneut zwischen sieben und acht Prozent liegen. Aber die Stimmung unter den Investoren ist eine andere. Während vorher für viele das Glas halb leer war, ist es jetzt halb voll. Und das ist entscheidend für Anleger.

Die Welt: Was hat die Stimmung drehen lassen?

Chung: In China selbst sind wir an einem Punkt der Kapitulation der Anleger angekommen. An den inländischen, für Ausländer nicht zugänglichen Börsen, war ja vor einigen Jahren eine Blase geplatzt. Dabei haben viele Geld verloren, einige hatten dann noch Hoffnung, die gute Zeit komme zurück. Doch im vergangenen Jahr ist nun erstmals die Zahl der Privatdepots zurückgegangen. Immer, wenn ein solcher Punkt erreicht ist, dann ist das eine gute Basis für eine Wende. Zudem erwarten wir, dass die neue Regierung, die ab März endgültig im Amt ist, schon bald für neue Dynamik sorgen wird.

Die Welt: Sie glauben an weitere Reformen?

Chung: Die Liberalisierung des Finanzmarktes wird sich fortsetzen, die Freiheiten bei der Zinsgestaltung für die Banken dürften weiter ausgeweitet werden. Dadurch wird sich der Wettbewerb unter den Banken verschärfen. Diese werden sich zudem verstärkt der Vermögensverwaltung widmen, denn hier gibt es einen großen Bedarf. Sie dürften vor allem auch die Erlaubnis erhalten, ihren Kunden Anlagen im Ausland zu ermöglichen, und umgekehrt dürfte ein Investment an den chinesischen Börsen für Ausländer leichter werden. Und schließlich werden Unternehmen noch stärker als bisher Anleihen begeben und so diesen Markt vergrößern.

Die Welt: Das klingt jetzt aber alles nicht nach dem großen Wurf. China bräuchte doch eigentlich weit einschneidendere Reformen.

Chung: Das stimmt. Aber die beschriebenen Reformen sind relativ einfach durchzuführen, daher werden sie ganz oben auf der Agenda stehen. Alles andere ist weit schwieriger. Die Staatsbetriebe, die immer noch die Wirtschaft dominieren, müssten eigentlich privatisiert werden. Auch das so genannte Hukou-Systen ist überholt. Es ordnet Menschen jenen Regionen zu, in denen sie geboren sind, und nur dort genießen sie die vollen Rechte. Das verhindert, dass die Millionen Wanderarbeiter in den Städten, in denen sie arbeiten, heimisch werden. Ein solcher Schritt zu einer weiteren Urbanisierung könnte der Wirtschaft jedoch einen neuen Schub geben. Dann müssten aber auch die Sozialsysteme in den Städten ausgebaut werden.

Die Welt: Das klingt nach einer Herkulesarbeit.

Chung: Klar, es geht immerhin darum, dass Wirtschaftsmodell Chinas völlig zu erneuern. Letzten Endes muss China weg von der Dominanz des Exports und der Investitionen, hin zu einer mehr durch Konsum getriebenen Wirtschaft.

Die Welt: Das ist aber auch keine neue Erkenntnis, davon reden China-Experten seit Jahren. Zuletzt ist der Anteil der Investitionen an der Wirtschaftsleistung aber sogar noch gestiegen.

Chung: Eine solche Neuausrichtung geht auch nicht über Nacht. Investitionen spielen eine solch überragende Rolle, dass sie nur ganz langsam zurückgefahren werden können. Entscheidend ist aber, dass der Weg dahin beschritten wird. Daher kommt es entscheidend darauf an, was die neue Regierung ab März sagt und plant.

Die Welt: Und was steht am Ende dieses Weges, den China jetzt einschlagen soll oder wird?

Chung: Die großen Vorbilder sind für die Führung sicher Singapur und Hongkong. Genau wie diese will China den Sprung von der reinen Industrieproduktion zu einer Dienstleistungsgesellschaft schaffen. Das bedeutet: Mehr Automatisierung, hochwertigere Produktion, einen Platz am oberen Ende der Wertschöpfungskette. Deshalb werden in den kommenden Jahren solche Firmen im Fokus der Anleger stehen, Unternehmen, die beispielsweise stark in der Internetwirtschaft sind, IT-Firmen oder auch die Finanzindustrie.

Die Welt: Und was ist mit dem Konsum? Der soll doch vor allem zulegen?

Chung: Ja, aber die Frage ist, ob dies den Firmen zugute kommt. Denn deren Margen sind oft sehr gering, da ein starker Wettbewerb herrscht. Zudem ist die Zahl der Konsumgüter-Firmen an der Börse begrenzt, und alle haben sich in den vergangenen Jahren auf sie gestürzt. Dadurch sind sie sehr hoch bewertet. Kasinos wären vielleicht noch eine interessante Ausnahme. Gerade jetzt zu Neujahr werden die entsprechenden Spielstätten in Macao ja wieder voll mit Besuchern vom Festland sein.

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Foto: Investment Promotion Bureau of Taicang

Über 180 Firmen aus Deutschland haben sich inzwischen in der Stadt nahe Shanghai angesiedelt.

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Die Wirtschaftslage der Schwellenländer
  • Türkei

    Manches, was die islamisch-konservative Regierung in gesellschaftspolitischer Hinsicht tut, mag suspekt sein. Eines kann man ihr aber nicht absprechen: Sie hat die türkische Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren grundlegend reformiert und auf einen nachhaltigen Wachstumspfad gebracht. Die Inflation ist gezähmt, die Börse boomt. Nur ein Problem bleibt Die negative Leistungsbilanz. Um sie auszugleichen, muss das Land permanent Kapital anziehen. Das macht anfällig für Krisen, denn Kapital ist bekanntlich ein scheues Reh. Doch immerhin gelang es zuletzt, auch dieses Problem zu mildern, rechnet man die Kosten für Ölimporte heraus, ist die Leistungsbilanz inzwischen sogar ausgeglichen. Der Aufschwung kann daher weitergehen.

    Bevölkerung: 78 Millionen

    Wachstum 2011: 8,5 Prozent

    Marktkapitalisierung Börse: 0,2 Billionen Dollar

  • Brasilien

    Unter den BRIC-Staaten ist Brasilien derzeit das aussichtsreichste Anlageziel. Es er zielt hohe Einnahmen durch seine Rohstoffe, die recht gut auf die Bevölkerung verteilt werden und so den Konsum befördern. Das größte Problem war bisher stets die mangelhafte Infrastruktur. Sie verhinderte Wachstumsgewinne, die sich aus einer Effizienzsteigerung ergeben. Doch auch hier tut sich nun Entscheidendes. Denn zur Vorbereitung der Fußball-WM (2014) und der Olympischen Spiele (2016) investiert das Land kräftig. Und im Gegensatz zu früheren Versuchen, die Infrastruktur zu verbessern, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es diesmal gelingt. Denn sonst würde sich die Nation vor aller Welt blamieren – dies erzeugt den notwendigen Druck.

    Bevölkerung: 187 Millionen

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  • Südafrika

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    Bevölkerung: 1210 Millionen

    Wachstum 2011: 7,1 Prozent

    Marktkapitalisierung Börse: 1,1 Billionen Dollar

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    Bevölkerung: 1330 Millionen

    Wachstum 2011: 9,2 Prozent

    Marktkapitalisierung Börse: 3,2 Billionen Dollar

  • Thailand, Malaysia, Indonesien

    Südostasien war für Aktienanleger zuletzt die gewinnträchtigste Region. Indonesien profitiert vom starken Binnenkonsum und von Rohstoffexporten, Malaysia bietet eine gute Infrastruktur und entwickelt sich mehr und mehr zu einem Standort für Hightech-Produzenten, und in Thailand führte der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe vom Vorjahr zu einem kleinen Wirtschaftsboom. Hinzu kommt nun, dass die Öffnung von Myanmar (Birma) eine wahre Goldgräberstimmung unter Investoren ausgelöst hat, die vor allem auf den Nachbarn Thailand zurückwirkt. Die Region gilt daher nach wie vor als eine der aussichtsreichsten unter den Schwellenländern, allerdings sind die Aktienkurse bereits recht stark gestiegen.

    Bevölkerung: 67 Millionen/28 Millionen/243 Millionen

    Wachstum 2011: 0,1 Prozent/5,1 Prozent/6,5 Prozent

    Marktkapitalisierung Börse: 0,3 Billionen Dollar/0,4 Billionen Dollar/0,4 Billionen Dollar

  • Russland

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    Bevölkerung: 134 Millionen

    Wachstum 2011: 4,3 Prozent

    Marktkapitalisierung Börse: 0,8 Billionen Dollar

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