03.02.13

Demografie

Chinesische Bombe platzt zwischen 2015 und 2020

Die Zahl der erwerbsfähigen Menschen wird in China bis zum Ende des Jahrzehnts spürbar zurückgehen. Die Auswirkungen sind dramatisch – für die Weltwirtschaft, die Aktienmärkte und deutsche Sparer.

Foto: Infografik Die Welt

Bevölkerungsentwicklung in China: In den kommenden Jahren wird sich die Situation deutlich verschlechtern
Bevölkerungsentwicklung in China: In den kommenden Jahren wird sich die Situation deutlich verschlechtern

In den kommenden Tagen ist wieder ganz China in Bewegung. Denn das traditionelle Neujahrsfest steht vor der Tür, und dafür begeben sich Millionen Menschen in ihre Heimatdörfer und -städte. Dort überreichen sie sich dann kleine rote Umschläge mit Geldscheinen als Inhalt.

Beschenkt werden üblicherweise die jungen, unverheirateten Familienmitglieder. Die Geste soll ihnen Glück auf dem Weg ins Erwachsenenleben bringen.

Mit dem wachsenden Wohlstand in den vergangenen Jahren sind die roten Umschläge immer dicker geworden. Doch neuerdings werden sie nun auch immer weniger. Denn China ist an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen.

Wie das nationale Statistikamt jetzt bekannt gab, ist die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter 2012 erstmals geschrumpft. Der demografische Wandel trifft damit nun auch das Reich der Mitte mit voller Wucht. Und dies hat mittelfristig drastische Auswirkungen für Wirtschaft und Finanzmärkte in der ganzen Welt.

Den Angaben zufolge ist die Zahl der 15- bis 60-Jährigen im vergangenen Jahr um 3,45 Millionen zurückgegangen, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung von 69,8 auf 69,2 Prozent gesunken. Dies ist die Bevölkerungsgruppe, die Statistiker gemeinhin als jene definieren, die für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Das bedeutet zwar noch nicht, dass auch die Zahl der Arbeitnehmer tatsächlich zurückgegangen ist, denn ein späterer Renteneintritt, höhere Frauenerwerbsneigung oder kürzere Schulzeiten können solche Entwicklungen ausgleichen.

Auswirkungen werden bis 2020 deutlich

Doch das ist nur in begrenztem Maße möglich. "Zwischen 2015 und 2020 wird die Auswirkung deutlicher sein, denn dann dürfte die Zahl der Arbeitnehmer klar zurückgehen", sagt Wei Yao, China-Experte bei der Société Générale.

Das Reich der Mitte tritt damit dem Klub der alternden, entwickelten Industriestaaten bei – ohne bereits ein solch entwickeltes Industrieland zu sein. "Im Vergleich zu den entwickelten Ökonomien erreicht China diesen Wendepunkt etwa eine Dekade früher", stellt Yao fest.

Das hat erhebliche Auswirkungen auf das Land. Schon jetzt verschlechtert sich das Verhältnis von Arbeitnehmern und Rentenbeziehern, mit allen Folgekosten für die gerade erst entstehenden Sozialsysteme.

Doch auch für die Weltwirtschaft hat die Entwicklung enorme Folgen. Denn diese wuchs in den vergangenen drei Jahrzehnten im Durchschnitt um etwa 3,5 Prozent pro Jahr, knapp zwei Prozentpunkte davon sind aber einzig und allein auf das Bevölkerungswachstum zurückzuführen, wie Harald Preißler, Chefvolkswirt beim Anleihemanager Bantleon, ausgerechnet hat.

Weniger Menschen, weniger Wachstum heißt die Konsequenz. Dies liegt auch daran, dass in einer alternden Bevölkerung die Sparneigung sinkt, denn sparen können gemeinhin nur jene, die in Lohn und Brot stehen, während Rentner ihr Erspartes auflösen.

Sinkt die Sparneigung, so wird Kapital knapper und die Zinsen steigen, was Firmen belastet. Diese haben zusätzlich aber auch mit steigenden Löhnen zu kämpfen, denn je weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter es gibt, desto teurer können diese ihre Arbeitskraft anbieten.

Das Wachstumstempo nimmt ab

"Wir schätzen, dass das schrumpfende Arbeitskräftepotenzial China ungefähr zwei bis drei Prozentpunkte beim Wachstum kosten könnte", folgert Yao daher. Schon in den vergangenen Jahren ist die Wirtschaft des Landes immer langsamer gewachsen. Legte sie 2007 noch um 14,2 Prozent zu, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 7,8 Prozent – der niedrigste Wert seit 1998.

Und anstatt demnächst wieder anzusteigen, wie derzeit viele hoffen, könnte die Zahl in den kommenden Jahren nun sogar weiter sinken. China ist jedoch derzeit für rund ein Drittel des weltweiten Wirtschaftswachstums verantwortlich, alle entwickelten Industriestaaten zusammen bringen es in etwa auf den gleichen Anteil, der Rest verteilt sich auf die übrigen Schwellenländer.

Darunter gibt es immerhin mit Indien, Brasilien, Mexiko oder der Türkei einige große Länder, die noch weit vom demografischen Wendepunkt entfernt sind. Sie können daher in den kommenden Jahren zu den neuen Treibern der Weltwirtschaft aufsteigen, mit wichtigen Konsequenzen für Anleger.

Während die Schwellenländer am Finanzmarkt bisher meist in die Gruppe der großen vier (BRIC, also Brasilien, Russland, Indien und China) und der kleineren, die darauf folgen, (die sogenannten "Next Eleven") eingeteilt wurden, könnte an diese Stelle künftig eine Unterscheidung nach demografischen Gewinnern und Verlierern treten.

Interessanterweise gehörten Erstere im vergangenen Jahr an den Börsen bereits zu den Siegern. Die Kurse in Neu-Delhi, Istanbul oder Mexiko City konnten 2012 deutlich zulegen, während die Börsen der demografischen Verlierer wie Russland oder China weit hinterherhinkten.

Diese Tendenz könnte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Zudem dürften aber auch Aktien westlicher Firmen profitieren, die besonders stark in diesen Märkten mit wachsender Bevölkerung vertreten sind.

Einige Firmen werden profitieren

Aber es gibt auch westliche Firmen, die von der alternden Bevölkerung in den anderen Ländern profitieren. Das betrifft vor allem den medizinischen Sektor, denn ältere Menschen sind oft auch ernster krank. Chinas Regierung hat daher beispielsweise den Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie gegen Diabetes als Ziel in den Fünfjahresplan aufgenommen.

Marktführer in Chinas Pharma-Markt sind jedoch internationale Konzerne wie Pfizer, Roche, Sanofi, Astrazeneca und Bayer.

Doch sind Aktien überhaupt noch das richtige Investment bei einer schrumpfenden Bevölkerung? Generell tendieren alternde Gesellschaften zu einem vorsichtigeren Anlageverhalten. Sichere Erträge sind im Ruhestand wichtig, starke Kursschwankungen, wie sie an den Börsen vorkommen, unerwünscht.

Daher könnte es mittel- bis langfristig zum Trend weg von Aktien und hin zu Zinspapieren kommen. Dies jedoch ist keine Entwicklung, die morgen, im kommenden Monat oder nächstes Jahr einsetzt.

Dazu sind Anleihen derzeit noch zu unattraktiv. Denn deren Verzinsung liegt meist unter der Inflationsrate. Wer darin investiert, verliert also permanent Geld. Und da dies von den Notenbanken so gewünscht ist, wird diese Phase auch noch einige Zeit anhalten.

Irgendwann jedoch wird diese Ära zu Ende gehen, und dann könnte der Geldzufluss in Aktien allmählich versiegen, mit entsprechenden Konsequenzen für die Kurse. Bis es soweit ist, dürften aber noch etliche rote Umschläge verteilt werden.

Verbinden Sie sich mit dem Welt-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

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