29.01.13

Euro-Krise

Großbritanniens gefährliches Spiel mit dem Feuer

Die britischen Märkte haben sich besser geschlagen als andere in Europa, zugleich sinkt die Arbeitslosigkeit. Aber der Preis ist hoch: Die Verschuldung steigt, und das Pfund steuert auf eine Krise zu.

Von Daniel Eckert
Foto: Infografik Die Welt

Das britische Pfund fällt und fällt
Das britische Pfund fällt und fällt

Wettbewerbsfähigkeit, das ist der neue heilige Gral der Europa-Politik. Jeder will in Besitz dieses heiligen Grals sein. Auch David Cameron huldigte dem Ideal zuletzt in seiner Europa-Rede. Der britische Premier will die EU-Staaten dazu bringen, ihre Position im internationalen Konkurrenzkampf zu stärken.

Sein eigenes Land soll dabei als Vorbild dienen. Doch Großbritannien eignet sich nur zum Teil als Vorbild für gesteigerte Wettbewerbsfähigkeiten.

"Trotz der Rhetorik ist das Vereinigte Königreich heute eine der am wenigsten wettbewerbsfähigen und unflexibelsten Volkswirtschaften in Europa", sagt Erik F. Nielsen, Chefvolkswirt bei der italienischen Großbank Unicredit.

Wie zur Bestätigung ist Großbritannien auf der neu veröffentlichten Bloomberg-Liste der besten Business-Standorte vom vierten auf den zehnten Rang zurückgefallen.

Auf den ersten Blick scheint die Insel-Ökonomie die vergangenen Jahre deutlich besser überstanden zu haben als die Länder der Währungsunion. Dieses Bild vermittelt zumindest der britische Leitindex FTSE-100, der die meisten Börsenbarometer auf dem Kontinent deutlich schlägt.

Optisch sind britische Aktien weiter attraktiv

Der paneuropäische Leitindex Euro-Stoxx-50 notiert heute immer noch ein Drittel niedriger als vor der Finanzkrise. Selbst wenn die teils üppigen Dividenden mit eingerechnet werden, beträgt das Minus noch 15 Prozent. Britische Aktien dagegen haben Anlegern einen Gesamtertrag von zwölf Prozent gebracht. Wenn der Aktienmarkt der Spiegel der Volkswirtschaft ist, spricht das also sehr für England.

Optisch sind britische Aktien weiter attraktiv. Vor allem Fans des Value-Investing (sie versuchen unterbewertete Papiere zum Schnäppchenpreis zu erwerben) werden an der Londoner Börse fündig.

"Wenn wir unsere Computerprogramme über die verschiedenen Indizes laufen lassen, werden uns am Ende viele britische Aktien als günstig angezeigt", sagt Hendrik Leber, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Acatis.

"Günstig" heißt für Value-Investoren zum Beispiel, dass das Kurs/Buchwert-Verhältnis oder das Kurs/Gewinn-Verhältnis niedrig ist. Auch eine hohe Dividendenrendite zählt dazu. Viele der Aktien im britischen Leitindex sind nach den Kriterien des Value-Investing billig.

Londoner Börse eine Wette auf die Finanzwerte

Anders als der deutsche wird der englische Kurszettel von Banken, Ölkonzernen und Minengesellschaften dominiert. "Der Londoner Aktienmarkt ist eine Wette auf den Finanzsektor und auf Rohstoffunternehmen", sagt Alexander Berger, Chef der Thallos Vermögensverwaltung in Tübingen. Anleger sollten sehr genau prüfen, ob sie eine solche Wette eingehen wollen.

Allerdings basiert die gute Börsenentwicklung in Großbritannien noch stärker als andernorts auf billigem Geld. Die Bank von England hat schon relativ früh, viel früher als die Europäische Zentralbank begonnen, auf eine Politik der Geld-Schwemme zu setzen. Bis heute führt sie diese Politik unvermindert fort. Gleichzeitig hat der Staat enorme Defizite in Kauf genommen, um die Konjunktur zu stützen.

Das hat zwar dazu beigetragen, dass die Arbeitslosigkeit auf der Insel nie ähnlich schlimme Niveaus erreicht hat wie in Südeuropa. Zuletzt lag die britische Quote bei 7,7 Prozent, während sie auf dem Kontinent gegen zwölf Prozent tendiert.

Das Pfund Sterling wird weiter fallen

Doch mehr und mehr schlägt die Politik des billigen Geldes auf das Pfund Sterling durch: In der Euro-Schuldenkrise schien die britische Währung im Vergleich zum Euro noch als die weniger hässliche der beiden hässlichen Schwestern. Doch nun fordert die exzessive Notenbankpolitik ihren Preis.

Seit einigen Tagen erlebt der Sterling an den Devisenmärkten einen Absturz. Von 1,26 Euro im September ist der Kurs auf zuletzt unter 1,17 Euro abgerutscht. Auch zu anderen Devisen verliert die Währung an Wert. Währungsexperten prognostizieren, dass dies erst der Beginn einer ausgeprägten Pfund-Schwäche ist.

"In nicht allzu langer Zeit sehen wir den Kurs bei 0,90 Euro", sagt Folker Hellmeyer, Chefökonom bei der Bremer Landesbank, voraus.

"Das Pfund wird weiter fallen", sagt auch Kit Juckes, Devisenstratege bei der Société Générale. Auch er hält einen Pfund-Crash von bis zu 25 Prozent für möglich. Der Sterling sei "das schwache Glied".

Anleger müssen mit Währungsverlusten rechnen

Es gibt gute Gründe, dass die britische Währung weiter abwerten sollte: Die Wirtschaftsleistung liegt real immer noch fast sieben Prozent unter dem Stand von 2007, und auch die jüngsten Zahlen künden nicht gerade von einer Wachstumsmaschine. Im vierten Quartal 2012 schrumpfte die Wirtschaft um 0,3 Prozent.

Trotz der schwachen Konjunktur ist die Inflation auf der Insel hoch. Den amtlichen Statistiken zufolge lag sie zuletzt bei 2,7 Prozent: einen halben Prozentpunkt höher als in der Euro-Zone.

Dazu kommt jetzt noch die Unsicherheit durch das von Cameron angekündigte EU-Referendum. "Was uns abschreckt, ist die Unsicherheit über die Politik in England, also die Frage eines möglichen EU-Austritts", sagt Berger.

Dieses Aussichten relativieren die günstigen Bewertungen, mit den britische Aktien locken. So konnten Anleger mit dem Leitindex FTSE-100 inklusive Ausschüttungen seit September ein Plus von fast zwölf Prozent machen – aber leider nur in Pfund. Sobald sie ihre Gewinne in Euro zurücktransferierten, bleib abzüglich der Währungsverluste ein Plus von nur noch drei Prozent.

Premier Cameron redet nur vom Sparen

Eine billige Währung ist manchmal ein Wettbewerbsvorteil. Doch konnte der schwache Sterling der Siebziger zum Beispiel nicht verhindern, dass Britanniens Konkurrenzfähigkeit dahinschwand. Ein weiteres Risiko sind die britisches Staatsfinanzen.

Premier Cameron redet zwar viel von Sparen, tatsächlich dürfte das Budgetdefizit im Jahr 2012 aber bei 8,1 Prozent gelegen haben, und damit deutlich höher als etwa in Frankreich, Italien oder gar Griechenland. Die gesamte Staatsverschuldung beläuft sich inzwischen auf rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung und ist damit eine der höchsten in Europäischen Union.

Britischen Staatsanleihen (Gilts) hat das bisher nicht geschadet. Der Schatzkanzler kann zehnjährige Papiere zu einem niedrigen Zins von etwas über zwei Prozent am Markt platzieren. Zum Vergleich: Das Euro-Land Italien muss mehr als vier Prozent bieten, Spanien rund fünf Prozent.

Auch das Rating des Landes ist immer noch Spitze. Nicht wenige Ökonomen auf dem Kontinent wundern sich angesichts des Schuldenstands über das Dreifach-A. Es scheint, als habe England beim Rating den heiligen Gral gefunden.

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Quelle: Reuters
23.01.13 2:07 min.
Der britische Premierminister kündigte in seiner europapolitischen Grundsatzrede in London ein Referendum über den Verbleib in der Europäischen Union an. Zugleich forderte Cameron radikale Reformen.
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Was die Briten an der EU stört
  • NATIONALE IDENTITÄT

    Als ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen.

  • LONDONER CITY

    Die Londoner City ist trotz Schrumpfkurs noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze.

  • SOZIALES

    Großbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen.

  • EU-BÜROKRATIE

    Die Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen.

  • MEDIEN

    Die britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den „Daily Express“ lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister.

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