28.01.13

Krisenland

Scheidungen werden in Spanien unbezahlbar

Wegen der Finanzkrise trennen sich in Spanien immer weniger Ehepaare oder ziehen nach einer Scheidung sogar wieder zusammen. Um das Zusammenleben trotzdem zu ermöglichen, hilft oft nur noch Klebeband.

Von Dan Bilefsky
Foto: Samuel Aranda/NYT/Redux/LAIF

Esther Fernández trifft sich mit Ex-Mann Gaby Cuadrado in einem Café in Sabadell nahe Barcelona. In der Mitte ihr gemeinsamer Sohn Yoel Cuadrado
Esther Fernández trifft sich mit Ex-Mann Gaby Cuadrado in einem Café in Sabadell nahe Barcelona. In der Mitte ihr gemeinsamer Sohn Yoel Cuadrado

Esther Fernández sehnte sich verzweifelt nach einer Scheidung. Die 45-jährige Friseurin hatte sich in einen anderen Mann verliebt. Ihr Mann Gaby Cuadrado hatte seinen Job in einer Fabrik verloren, und sie hatten schon jetzt Probleme, ihren Kredit abzubezahlen.

In Sabadell, einer kleinen Stadt außerhalb Barcelonas, waren die Hauspreise genauso auf einem Tiefstand wie im Rest des Landes. Das machte es praktisch unmöglich, ihr Haus zu verkaufen. Keiner von beiden konnte sich ein zweites Heim leisten. Eine teure Scheidung kam ebenfalls nicht infrage.

Die Situation, sagt der 47-jährige Cuadrado, sei unerträglich gewesen. "Gezwungen zu sein, mit einer Frau zusammenzuleben, die ich liebte, die mich aber zurückgewiesen hatte, war eine psychische Folter", sagt er. Vier Jahre lang haben sie es so miteinander ausgehalten. Fernández erzählt, dass sie das Haus gewöhnlich vor dem Morgengrauen verließ, um Cuadrado nicht zu begegnen. Er sagt, er sei so außer sich gewesen, dass er über Selbstmord nachgedacht habe.

Im November vergangenen Jahres haben sie sich dann endlich getrennt. Ihre finanzielle Situation hatte sich so weit verbessert, dass sie in kleine, getrennte Wohnungen in schlechte Viertel der Stadt ziehen konnten.

Platzen der Immobilienblase verantwortlich

Wenn die Ehe für gute und schlechte Zeiten gemacht ist, reiche und arme, dann ist dies die schlimmste Zeit, zumindest für den ärmeren Teil Spaniens. Paare zahlen einen hohen emotionalen Preis, besonders, wenn sie sich keine Scheidung erlauben können. Angaben von Richtern, Scheidungsanwälten und Psychotherapeuten – und von Ehepaaren selbst – zeigen, dass Spaniens andauernde Wirtschaftskrise manche Menschen dazu zwingt, länger in problematischen Beziehungen auszuharren.

Im Jahr 2011 lag die Scheidungsrate in Spanien 17 Prozent unter der von 2006. Das zeigen Zahlen des spanischen Richterrats, eine nationale Organisation, die die Richter des Landes repräsentiert. Die Scheidungsrate war im Jahr 2006 nach oben geschnellt, nachdem es eine Gesetzesänderung aus dem Vorjahr leichter machte, sich zu trennen.

Seitdem ist die Rate wieder gefallen und folgte damit der seit fast fünf Jahren andauernden Finanzkrise, wie der Rat feststellt. "Es kann keinen Zweifel geben, dass die Krise die Leute zwingt, länger zusammenzubleiben", sagt José Maria Redondo, Sprecher des Richterrates. Er führt die sinkende Scheidungsrate auf das Platzen der Immobilienblase und die harten wirtschaftlichen Zeiten zurück.

Wer muss die Schulden übernehmen?

Durch die Krise sinkt nicht nur die Zahl der Trennungen, sie verändert auch den Scheidungsprozess selbst, wie Scheidungsanwälte sagen. So verringern Richter die Höhe der Unterhaltszahlungen. Und zerstrittene Paare geraten sich nicht mehr darüber in die Haare, wer den Besitz bekommen soll, sondern darüber, wer die Schulden übernehmen muss.

Einige Paare teilen ihre Häuser oder Wohnungen auch buchstäblich in zwei Teile, indem sie den Boden mit Klebeband markieren, erzählt Alvaro Cavia, einer der führenden Scheidungsanwälte in Barcelona.

Die Familienpsychologin Mayka Pedrero berichtet, dass Auseinandersetzungen über Geld – oder über den Mangel daran – der wichtigste Streitgrund sind unter Paaren, die ihre auseinanderfallende Beziehung retten wollen. Pedrero arbeitet in Sabadell und hat auch Esther Fernández beraten, ihre Schwester.

"Das vergiftet das ganze Ökosystem der Familie"

Am schlimmsten sei es für Paare, die keinen Job mehr haben, sagt Pedrero. Nicht nur wegen der finanziellen Härten, die damit verbunden sind, sondern auch, weil sie dann den ganzen Tag zusammen zu Hause verbringen und einander auf die Nerven gehen. Wenn verfeindete Paare außerdem noch gezwungen seien, am selben Ort wohnen zu bleiben, sei das besonders verstörend für die Kinder.

Ihnen gelinge es dann nicht, die Trennung ihrer Eltern zu akzeptieren. "Die Krise macht alles noch schlimmer. Es setzt Ehen unter großen Druck, wenn man keinen Job hat und die Rechnungen nicht bezahlen kann", sagt Pedrero.

"Wenn Leute, die sich eigentlich trennen wollen, gezwungen werden zusammenzubleiben, dann vergiftet das das ganze Ökosystem der Familie, und es macht Mann und Frau verrückt", sagt die Psychologin.

Niedrigere Unterhaltskosten durchsetzen

Scheidungen wurden in Spanien 1981 legalisiert, nach Jahren des Verbotes während der Franco-Diktatur. Aber das Gesetz setzt voraus, dass die Partner vor der gesetzlichen Scheidung offiziell getrennt leben – eine Zeit der Reflexion mit dem Ziel, die Familie in einem gesellschaftlich konservativen, katholischen Land zu retten.

Seit der Gesetzesänderung im Jahr 2005 dürfen Paare eine "Express-Scheidung" durchführen, ohne zuvor getrennt gelebt zu haben. Es genügt, dass sie mindestens seit drei Monaten verheiratet sind. Aber selbst, wenn sich Paare eine gerichtliche Scheidung leisten können – die Wirtschaftskrise hat neue Schwierigkeiten hervorgebracht.

In der Vergangenheit hätten die Ehepartner normalerweise darüber gestritten, wer das Haus behalten darf, sagt María José Varela, eine bekannte Scheidungsanwältin und eine Verfechterin der Frauenrechte. Jetzt, sagt sie, streiten die Eheleute darüber, wer das Haus und die damit verbundenen hohen Schulden übernehmen muss.

Um dieses Problem zu lösen, gehörten jetzt zu vielen Vereinbarungen zwischen Eheleuten, die sich trennen wollen, spezielle Abmachungen über die Aufteilung von Hypotheken nach der Scheidung, sagt Varela. Vor Gericht ist der Anwältin aufgefallen, dass einige Männer die Wirtschaftskrise dazu nutzen, niedrigere Unterhaltskosten durchzusetzen. Viele Richter seien ihnen wohlgesinnt, sagt Valera. Wegen der Krise würden Frauen außerdem häufig weniger Unterstützung von den Ehemännern akzeptieren und im Gegenzug mehr Mitsprache beim Sorgerecht fordern.

Immer mehr Frauen zahlen mit Kreditkarte

Ihr Honorar, das zwischen 200 und rund 10.000 Euro liegt, je nach Größe des Falls, sei auch stark gesunken, sagt die Scheidungsanwältin. Sie und viele andere Scheidungsanwälte engagieren sich vermehrt kostenlos, und immer mehr ihrer vorwiegend weiblichen Klienten zahlen mit Kreditkarte.

In der jetzigen Situation sind es die Frauen, die, wie so oft, besonders leicht verwundbar sind. Da sie meist weniger als die Ehemänner verdienen, bleiben sie in manchen Fällen aus wirtschaftlichen Überlegungen in einer Beziehung, selbst wenn sie misshandelt werden. Wenn sie ihren Partner doch verlassen, müssen sie oft wieder bei ihren Eltern einziehen, weiß Valera aus Erfahrung.

Die 44-jährige María Teresa beispielsweise musste aus finanziellen Gründen wieder mit ihrem Ex-Mann zusammenziehen. Sie will nicht mit vollem Namen genannt werden, aus Angst, ihre Familie zu blamieren. Die Rundfunkjournalistin hatte sich im Jahr 2008 scheiden lassen und war mit ihren beiden Söhnen von Barcelona nach Madrid gezogen.

Aber nachdem sie im Jahr 2011 ihren Arbeitsplatz verlor, haben sie und ihr Ex-Mann, ein arbeitsloser Kunsthändler, ihr Arbeitslosengeld zusammengelegt und eine Zweizimmerwohnung für rund 900 Euro im Monat gemietet. In der Woche, in der sie wieder mit ihrem Ex-Mann zusammengezogen ist, habe sie nicht aufhören können zu weinen, erzählt María.

"Das wird aber nicht gut gehen"

Seitdem sie beide arbeitslos seien und zu Hause festsäßen, ertappe sie sich dabei, wie sie wie besessen nach Möglichkeiten sucht, um allein sein zu können. "Ich habe wieder einen Freund, und manchmal kommt er auch zu mir nach Hause", sagt sie. "Das wird aber nicht gut gehen, wenn mein Ex-Mann immer hier ist."

Trotz all der Schmerzen, die solch schwere Zeiten den krisengeschüttelten Familien aufbürden, sieht wenigstens einer einen kleinen Vorteil darin. Wenn die Krise es schaffe, spanische Familien zu erhalten, indem sie eine Scheidung erschwere, sei das keine schlechte Sache, meint Julián M. Valón. Er ist ein Scheidungsanwalt, der 1981 an der Formulierung des Scheidungsrechts mitgearbeitet hat.

"Falls es irgendetwas Positives an der Wirtschaftskrise gibt, dann, dass die Menschen weniger Geld als zuvor haben, um das sie sich streiten können", sagt Valón. "Das könnte die Menschen darin bestärken zusammenzubleiben – auch in den harten Zeiten."

Mitarbeit: Silvia Taulés. Aus dem Englischen von Sonja Gillert und Clemens Wergin. © New York Times 2013

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