23.01.13

Aktienmärkte

Börsen haken die Finanzkrise endgültig ab

Die Rallye der vergangenen Monate macht Vergleiche mit 1929 endgültig obsolet. Die aktuellen Indexverläufe der führenden Weltbörsen haben sich von den Crash-Vergleichsszenarien entfernt.

Von Frank Stocker
Foto: Getty Images

Börsianer in Feierlaune. Die Indizes signalisieren das Ende der Krise
Börsianer in Feierlaune. Die Indizes signalisieren das Ende der Krise

Seit Jahren hat Davos nicht mehr so viele entspannte Gesichter gesehen. Denn wenn dieser Tage in dem Schweizer Wintersportort wieder die Creme de la Creme der Wirtschaftswelt zusammenkommt, dann ist endlich, nach Jahren, mal wieder Hoffnung. Die Krise, so glaubt inzwischen die Mehrzahl, ist endlich vorbei. Und das ist mehr als nur ein Gefühl. Es wird auch gestützt von der jüngsten Entwicklung an den Finanzmärkten.

In den vergangenen Jahren wurde die Finanzkrise unserer Zeit immer wieder mit der Großen Depression ab 1929 oder der Malaise in Japan seit 1989 verglichen. Besonders beliebt war dabei, die Charts der Börsenentwicklung in diesen drei Phasen übereinander zu legen. Die Übereinstimmungen waren dabei frappierend, die Kurven verliefen fast parallel, über mehr als ein Jahrzehnt hinweg.

Es hat sich etwas Entscheidendes getan

Doch seit einigen Monaten hat sich etwas Entscheidendes getan: der gleichförmige Verlauf ist zu Ende. Auch die Börse sagt also: Die Krise ist vorbei. Dabei schien der Vergleich mit den früheren Krisen so logisch, zumal ja auch die Ursachen ähnlich waren: Eine geplatzte Immobilienblase in Japan damals und in den USA heute, der Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems 1929 und heute.

Entsprechend ähnlich verhielten sich die Börsenkurse in ihrem Auf und Ab. Doch seit einiger Zeit streben die Kurven nun plötzlich auseinander. Der Kurseinbruch im August 2011 entsprach noch dem Verlauf in den früheren Krisen, auch die anschließende Erholung. Doch diese hätte eigentlich nur kurz sein dürfen, schon im Frühjahr 2012 hätte der erneute Einbruch, diesmal in noch stärkerem Maße als zuvor, folgen sollen.

Seit Sommer geht es in großen Schritten nach oben

Einen Rücksetzer gab es zwar, doch dieser war nur kurz und wenig ausgeprägt. Und vor allem ging es schon ab Sommer 2012 wieder nach oben, in großen Schritten. Seither ist der Gleichlauf der Krisen-Charts endgültig vorbei.

Nominal galt das sogar schon länger, also wenn man die reinen Kursindizes betrachtet. Doch viel wichtiger ist letztlich die inflationsbereinigte Entwicklung, denn wenn die Aktienkurse einfach aufgrund einer galoppierenden Inflation gestiegen wären, so wäre dies eine reine optische Täuschung, denn davon hätte der Anleger dann nichts. Allerdings: Auch inflationsbereinigt ist die Auseinanderentwicklung der Kurven inzwischen beeindruckend.

EZB-Chef Mario Draghi war der Game-Changer

Der Grund dafür liegt in Frankfurt. "EZB-Chef Mario Draghi hat für die entscheidende Beruhigung an den Märkten gesorgt, indem er versicherte, dass die Notenbank alles tun werde, um die Euro-Zone zusammenzuhalten", sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus. Dies war ein echter "Game- Changer", wie es Börsianer gerne nennen, also, ein Ereignis, das den Lauf der Anlagewelt in kurzer Zeit radikal veränderte. Denn plötzlich wurde allen klar: Es wird keinen Zusammenbruch der Euro-Zone geben. Alle, die genau darauf gewettet hatten, schalteten blitzschnell um.

Die anschließende Rallye, die inzwischen auch gerne als Draghi-Rallye bezeichnet wird, hat dafür gesorgt, dass die Deckungsgleichheit der Aktiencharts aus den 30er Jahren, dem Japan nach 1989 und der aktuellen Börsenentwicklung beendet wurde, sowohl in den USA als auch hierzulande. Der breite US-Index S&P 500 liegt nominal nur noch knapp unter seinem Allzeithoch. Rechnet man die Inflation mit ein, sind es zwar noch etwas mehr als 25 Prozent, ähnliches gilt für den deutschen Dax. Doch dies ist eben kein Vergleich mit dem Minus von 70 oder 80 Prozent, das die Indizes in den USA und Japan in den früheren Krisen nach etlichen Jahren immer noch aufwiesen.

Nur beim Zinsmarkt gibt es noch Parallelen

Schließlich deuten auch andere Anzeichen darauf hin, dass die aktuelle Krise schneller überwunden wird als frühere Einbrüche. So hat die Ratingagentur Fitch erst in der vergangenen Woche erklärt, dass sie den schlimmsten Teil der Euro-Krise für überstanden halte. Die Volkswirte in Banken und Institutionen sehen Licht am Ende des Tunnels, vielerorts rechnen sie sogar wieder mit ordentlichem Wachstum.

Also alles in Butter? Nicht ganz. Denn eine weitere Parallele zwischen Japan nach 1989 und heute besteht nach wie vor. Und diese betrifft den Zinsmarkt. Die Leitzinsentwicklung in den USA folgt ebenfalls seit mehreren Jahren dem Vorbild Japans in der Vergangenheit, auch in Amerika und Europa ist man inzwischen bei einer Nullzinspolitik angekommen, und bislang gibt es keine Anzeichen, dass dieses Niveau wieder verlassen werden könnte.

Japanische Notenbank schöpft die letzte Möglichkeit aus

Ganz wie in Tokio. Dort hält die Notenbank den Zins nun schon fast zwei Jahrzehnte auf diesem absoluten Tief, und dennoch gibt es immer noch keinerlei Aussichten, dass sie davon wieder weg kommt. Im Gegenteil: Zuletzt hat sie sogar beschlossen, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen. Sie will in unbegrenztem Ausmaß Staatsanleihen aufkaufen. Dies ist stets die letzte Möglichkeit einer Notenbank, weiteres Geld in die Wirtschaft zu pumpen, wenn die niedrigen Zinsen dazu nicht ausreichen.

Selbst wenn es Japan damit nun gelänge, der Abwärtsspirale zu entkommen und in einigen Jahren sogar wieder die Leitzinsen steigen zu lassen, so hätte es über zwei Jahrzehnte bis dahin gedauert. Den USA und Westeuropa stünden nach diesem Vorbild also noch mehr als 15 Jahre mit einem Leitzins von Null oder leicht darüber bevor.

Angst vor Zusammenbruch des Finanzsystems

Doch davon geht Stefan Schilbe nicht aus. "Auch diese Schere wird wieder auseinanderlaufen", sagt er. Denn die Immobilienblase in Japan habe eine weit größere Dimension gehabt als in den USA. Zudem hat die US-Notenbank eben viel schneller und radikaler reagiert als die japanische. Sie hat das, was Japan nun, nach fast 20 Jahren, versucht, schon viel früher gewagt und kauft schon seit drei Jahren Staatsanleihen auf.

Allerdings gibt auch genau diese Politik Anlass für Bedenken. Denn sie ist in ihrer Dimension bislang ohne historisches Vorbild. Mancher fürchtet daher, dass dieses hemmungslose Gelddrucken zwar aktuell die Wirtschaft und die Finanzmärkte vor einem erneuten Absturz abhalte.

Langfristig, so die Angst, könnte dies jedoch zu einem endgültigen Zusammenbruch des Finanzsystems führen. Das dürfte sich dann aber erst in einigen Jahren in den Börsenkurven zeigen. Insofern lohnt es sich also dennoch, die Charts von früher und heute weiterhin zu vergleichen.

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