20.01.13

Trotz Kritik

Deutsche Bank spekuliert wieder mit Nahrungsmitteln

Nach heftiger Kritik am spekulativen Rohstoffhandel ließ die Deutsche Bank das Geschäft zunächst ruhen. Jetzt verkündet das Institut die Kehrtwende. Agrar-Derivate seien zur Absicherung unerlässlich.

Von Philipp Halstrick
Foto: dpa

Die Präsidentin der deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, und Jürgen Fitschen, Co-Vorstand der Deutschen Bank, auf der Grünen Woche. Fitschen verteidigt den Handel mit Agrar-Derivaten
Die Präsidentin der deutschen Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann, und Jürgen Fitschen, Co-Vorstand der Deutschen Bank, auf der Grünen Woche. Fitschen verteidigt den Handel mit Agrar-Derivaten

Die Deutsche Bank will trotz Kritik von Verbraucherschützern auch künftig mit Nahrungsmittel-Spekulationen Geld verdienen. Untersuchungen hätten kaum stichhaltige Belege für einen Zusammenhang dieser Geschäfte mit dem Hunger in der Welt erbracht, sagte Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen auf der Lebensmittelmesse "Grüne Woche" in Berlin.

Im Gegenteil: Agrar-Derivate erfüllten für Nahrungsmittelproduzenten eine wichtige Funktion im weltweiten Handel. Mit dem Kauf dieser an Börsen gehandelten Papiere können sich Landwirte gegen fallende Preise absichern und ihr Angebot besser planen. "Deshalb hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente auf Agrarprodukte anbieten wird", sagte Fitschen.

Im März 2012 hatte das Institut entschieden, vorerst keine neuen Anlageprodukte auf Grundnahrungsmittel zu verkaufen, um die Ergebnisse der Untersuchung abzuwarten.

Die Verbraucherschützer der Organisation Foodwatch reagierten umgehend mit harscher Kritik. "Die Deutsche Bank handelt mit dieser Entscheidung wieder einmal in hohem Maße unverantwortlich", sagte Foodwatch-Gründer Thilo Bode. "Es gibt ausreichend wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Belege dafür, dass die von der Deutschen Bank vertriebenen Finanzprodukte zu spekulativen Preisblasen auf den Terminmärkten für Agrarrohstoffe führen und damit Hungerkatastrophen auslösen können."

Schwere Vorwürfe von Food Watch

Die Bank bleibe den Nachweis schuldig, dass ihre Produkte unschädlich seien. "Die Deutsche Bank macht sich wissentlich mitschuldig an Hungerkrisen in den ärmsten Ländern der Welt", forcierte die Organisation ihre Kritik am Sonntag.

Der finanzpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Gerhard Schick, stimmte in die Kritik ein. "Es ist eine klare Fehlentscheidung des Vorstands der Deutschen Bank, dass die groß angekündigte Untersuchung keinerlei Veränderung in der Geschäftspolitik der Deutschen Bank zur Folge hat", erklärte er.

"Offenbar braucht es auch beim Thema Agrarspekulationen gesetzliche Regelungen, weil die Branche von sich aus nicht zu einer systematischen Verhaltensänderung fähig ist", drohte er.

Ob Spekulationen mit Nahrungsmitteln die Preise für die Produkte in armen Ländern nach oben treiben, ist in der Wissenschaft allerdings umstritten. Eine Übersicht der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg über die Forschungsarbeiten zu dem Thema kommt zu dem Schluss, dass die Zunahme der Finanzspekulationen nicht zu einem höheren Preisniveau bei Agrarprodukten geführt habe.

Auch die Schwankungen der Preise seien hierauf nicht zurückzuführen. Dafür seien eher realwirtschaftliche Faktoren verantwortlich.

Rohstoffhandel gehört zum Kapitalgeschäft

Die Deutsche Bank machte für den Hunger vor allem verantwortlich, dass die Nachfrage nach Nahrungsmitteln das Angebot übersteige, und verteidigte Investoren, die ohne Interesse am eigentlichen Handelsgut mit Rohstoffen spekulierten. "Spekulativ ausgerichtete Anleger sind unverzichtbar für das Funktionieren von Rohstoffmärkten", erklärte das Geldhaus.

Ohne sie sei nicht das nötige Geld in dem Markt, an dem sich Lebensmittel-Produzenten und -Verarbeiter gegen Preisschwankungen absicherten. Es gebe keine schlüssigen Beweise, dass die Spekulanten die Preise exzessiv nach oben trieben. Für einen funktionierenden Markt sei es dagegen gut, wenn es mehr Marktteilnehmer gebe.

Für die Deutsche Bank zählt der Rohstoffhandel zu den Wachstumssegmenten im Kapitalmarktgeschäft. "Hier wird seit einigen Jahren kräftig Gas gegeben", sagt ein Banker. Speziell im Nahrungsmittelgeschäft würden ordentliche Renditen erzielt. Für Kritiker ist das auch der Hauptgrund, warum die Deutsche Bank trotz möglicher Imageschäden an dem umstrittenen Geschäft festhält.

"Die Investmentbanker wollen sich diese Wachstumsstory nicht wegnehmen lassen", sagt ein weiterer Insider. Die Bank äußerte sich nicht zum Volumen ihrer Geschäfte, wozu Kredite an Landwirte, Handelsunternehmen und Nahrungsmittelproduzenten ebenso zählen wie Absicherungspapiere für Agrarrohstoffe, die an der Börse gehandelt werden können.

Andere Institute sind ausgestiegen

Auch die Allianz ist in dem Geschäft aktiv. Die Commerzbank, die Deka und die LBBW sind dagegen ausgestiegen – bei ihnen spielte das Geschäft keine große Rolle. Die Landwirtschaftliche Rentenbank hat dagegen eine Lanze für derartige Spekulationen gebrochen.

Die Vorteile für die Produzenten von Weizen, Kakao oder anderen Agrargütern seien höher zu bewerten als die Verwerfungen an den Märkten durch den Handel mit Derivaten auf diese Produkte, erklärte Horst Reinhardt, Vorstand der zweitgrößten deutschen Förderbank vergangenes Jahr.

Die Allianz hatte bereits Anfang des Jahres erklärt, dass sie sich wegen Termingeschäften mit Lebensmitteln zu Unrecht am Pranger sieht. Solche Spekulationen seien nicht die Ursache für Hunger und Armut, erklärte die Versicherung unter Berufung auf Studien.

"Die Wissenschaftler führen die starken Preissteigerungen der letzten Jahre stattdessen auf ein Zusammenwirken verschiedener realwirtschaftlicher Faktoren zurück. Hierzu zählen die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln in Schwellenländern, das Abschmelzen der Lagerbestände, die Subventionierung von Bio-Energie sowie staatliche Eingriffe, etwa Exportverbote", erklärte der Versicherer. "Als Finanzinvestoren greifen wir selber nicht in den realen Handel mit Lebensmitteln ein. Wir entziehen dem Markt keine Rohstoffe."

Quelle: Reuters
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