19.01.13

Vermögensförderung

Viele Sparer schenken ihrem Chef bis zu 2900 Euro

Viele Arbeitgeber zahlen ihren Beschäftigten vermögenswirksame Leistungen, Geringverdiener erhalten sogar zusätzlich Geld vom Staat. Dennoch lassen viele das Geld einfach liegen.

Von Christian Euler
Foto: dpa
Röntgenbild eines gefüllten Sparschweins
So sieht das Röntgenbild eines gefüllten Sparschweins aus – in manchem Exemplar sind kleine Schätze verborgen, die gehoben werden wollen. Verborgene Schätze sind für manchen Arbeitnehmer übrigens auch vermögenswirksame Leistungen, die nicht abgerufen werden

Sparen ist en vogue im Land der Discounter und Sonderangebote. Geht es um die Preise von Autos, Waschmaschinen oder Fernsehern, schauen viele Bundesbürger gern genauer hin, nehmen sich oft viele Stunden Zeit, sich zu informieren.

Umso erstaunlicher, dass in der Nation der Smartshopper ganze Heerscharen von Angestellten bares Geld verschmähen: Rund neun Millionen Menschen verzichten hierzulande auf vermögenswirksame Leistungen (VL) von ihrem Arbeitgeber, schätzen Experten.

"Oft wird diese Leistung aus Bequemlichkeit oder Unkenntnis liegen gelassen", vermutet Versicherungsmakler Jürgen Bolleier aus Ludwigshafen am Rhein. Ein fataler Fehler. Die bis zu 40 Euro monatlich, die sich viele Berechtigte entgehen lassen, läppern sich zu schönen Beträgen. Allein die Einzahlungen in der sechsjährigen Ansparzeit summieren sich auf knapp 2900 Euro, mit einem glücklichen Händchen bei der Produktauswahl ist für Fondssparer sogar noch deutlich mehr drin.

Grundlage ist das Vermögensbildungsgesetz

Die Zahlung vermögenswirksamer Leistungen geht auf das Vermögensbildungsgesetz zurück, das in seiner Urform 1961 eingeführt wurde. Mit der Regelung sollte die Vermögensbildung der Arbeitnehmer unterstützt werden. Später wurde das Gesetz in Anlehnung an den Begünstigungshöchstbetrag als 312-Mark-, nach entsprechenden Umgestaltungen als 624- und 936-Mark-Gesetz bezeichnet.

Wie hoch die VL-Leistungen heute sind, regeln Arbeits- und Tarifverträge. Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes etwa erhalten 6,65 Euro, Beschäftigte bei Banken 40 Euro.

Damit aus diesen vermeintlichen "Peanuts" nennenswerte Summen werden, ist Geduld gefragt: Angespart werden die Zuschüsse vom Arbeitgeber sechs Jahre lang. Daran schließt sich ein Jahr an, währenddessen das Geld gesperrt ist. Erst dann können die Anleger über ihr Erspartes verfügen. Dabei haben Sparer die Qual der Wahl aus Bausparverträgen, Fonds- und Banksparplänen.

Historisch betrachtet bergen Fonds die besten Chancen. Ein VL-Vertrag mit einem deutschen Aktienfonds warf seit 1962 im Schnitt ein jährliches Plus von 7,7 Prozent ab, hat der Bundesverband Investment und Asset Management BVI errechnet.

Durchschnittskosteneffekt gibt Aufschluss

Arbeitnehmer, die in den vergangenen 31 Jahren nahtlos fünf VL-Verträge bespart und jeweils monatlich 40 Euro über den Arbeitgeber in einen Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland eingezahlt haben, haben Ende 2012 einen Depotwert von rund 53.000 Euro erwirtschaftet.

Dabei hilft der Durchschnittskosteneffekt, von Profis als Cost-Average-Effekt bezeichnet. Wer Monat für Monat immer die gleiche Summe in einem Aktienfonds parkt, erhält bei fallenden Kursen mehr Anteile fürs Geld, bei steigenden Notierungen entsprechend weniger.

Dennoch tendieren immer weniger Geförderte zu VL-Fonds. So ist die Zahl der vermögenswirksamen Anlagen in Investmentfonds im vergangenen Jahr unter drei Millionen gesunken, 2005 waren es noch knapp sechs Millionen. Ein möglicher Grund für den drastischen Rückgang: Nur ein kleiner Teil der vom BVI auf seiner Internetseite veröffentlichten knapp 200 VL-fähigen Aktienfonds warf in den vergangenen Jahren nennenswerte Gewinne ab.

Zudem gibt es diese Rendite nicht umsonst. Wer Aktien kauft – förderfähig sind schließlich nur Fonds mit mindestens 60 Prozent Aktienanteil –, muss nicht nur höhere Schwankungen, sondern im schlimmsten Fall auch Verluste in Kauf nehmen. Experten raten daher zu breit streuenden Anlagepools, um das Risiko zu senken.

Gebühren minimieren

Bares Geld bringt die Minimierung der Kosten wie Ausgabeaufschlag und Depotgebühren. Bei einer monatlichen Rate von 40 Euro und einer Einzahlung über sechs Jahre summiert sich allein ein voller Ausgabeaufschlag von fünf Prozent auf gut 140 Euro. Günstiger als die Hausbank um die Ecke sind meist freie Fondsvermittler im Internet oder Direktbanken.

Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hält wenig von Fonds. "Studien zeigen schon seit Jahren, dass die meisten Fonds ihren Index langfristig nicht geschlagen haben", gibt der Finanzexperte zu bedenken. Er rät zu börsennotierten Indexfonds (ETFs), etwa dem MSCI World-Index. ETFs sind kostengünstiger, vor allem weil sie kein teures Fondsmanagement benötigen.

Größere Sicherheit – dafür aber auch geringere Renditechancen – bieten Bausparverträge mit festen Zinsen. "Wer bereits bei Vertragsabschluss darauf verzichtet, später ein Darlehen abzurufen, sichert sich höhere Zinsen", weiß Bolleier.

Ein weiterer Vorteil: Dank der niedrigeren Vertragssumme sind auch die Abschlussgebühren geringer. Die Bausparsumme sollte bei 90 bis 100 Monats-Sparraten liegen, so die Faustregel. Sparer, die später bauen wollen, sind indes gut beraten, sich mit einer niedrigeren Verzinsung zu begnügen, um später einen günstigen Kredit zu bekommen. Allerdings fordert das derzeit extrem niedrige Zinsniveau seinen Tribut. Mit drei Prozent Guthabenzins zählt die Debeka laut Finanztest zu den besten Anbietern.

Banksparplan ist risikofrei

Ebenfalls risikofrei ist ein Banksparplan mit festen Zinsen. Der ist zudem sicher und gebührenfrei, lohnt aber nur dann, wenn Arbeitnehmer keine staatlichen Zuschüsse erhalten. Denn derlei Sparpläne sind – genau wie Lebensversicherungen – nicht förderfähig. Zu den besten Anbietern zählt die Degussa Bank, deren Sparplan eigenen Angaben zufolge einen jährlichen effektiven Jahreszins von 3,48 Prozent abwirft.

Was wenige wissen: Arbeitnehmer können die VL auch zur Tilgung ihres Baukredits nutzen. "Es gibt aktuell keine sichere Anlagealternative, die mehr Rendite bringt", sagt Finanzfachmann Niels Nauhauser. Schließlich besteht die Möglichkeit, das Geld vom Chef in eine betriebliche Altersversorgung zu investieren.

"In großen Unternehmen haben die Mitarbeiter oft gar keine andere Möglichkeit, als eine Rentenversicherung abzuschließen, da der Arbeitgeber einen Bauspar- oder einen Wertpapiersparvertrag nicht mehr akzeptiert", weiß Finanzmakler Jürgen Bolleier aus seinem täglichen Geschäft.

Besonders attraktiv sind die Geldspritzen vom Chef, wenn Angestellte einen Anspruch auf ein Extrabonbon von Vater Staat haben. Wer als Lediger pro Jahr nicht mehr als 17.900 Euro verdient – bei Verheirateten ist es das Doppelte –, kassiert etwa für Bausparverträge jährlich bis zu 42,30 Euro Arbeitnehmer-Sparzulage.

Wohnungsbauprämie mitnehmen

Grundlage für die zusätzliche Förderung sind die zu versteuernden Einkünfte, also das Bruttoeinkommen nach Abzug von Werbungskosten, Kinderfreibeträgen und Sonderausgaben.

Eine Wohnungsbauprämie von bis zu 45 Euro im Jahr winkt, sofern das jährliche Salär 25.600 Euro beziehungsweise 51.200 Euro nicht überschreitet. Aktienfonds-Sparern spendiert der Staat mit zu versteuerndem Einkommen bis zu 20.000 beziehungsweise 40.000 Euro zusätzlich 80 Euro pro Jahr. Die Zulage vom Staat müssen VL-Sparer jährlich mit der Steuererklärung beim Finanzamt beantragen. Die Bescheinigung des VL-Vertragspartners ist der Steuererklärung beizulegen.

"Sparfüchse können sogar alle drei staatlichen Zulagen gleichzeitig vereinnahmen", verrät Finanzexperte Jürgen Bolleier. Dazu sind dann allerdings zusätzliche Einzahlungen in einen VL-Fonds und in einen Bausparvertrag nötig. Wer jährlich 400 Euro in einen Fonds und 982 Euro in einen Bausparvertrag steckt, heimst als Lediger Jahr für Jahr Zulagen von insgesamt 167 Euro ein. Verheiratete dürfen sich gar über das Doppelte freuen.

Einen nachvollziehbaren Grund, das Extra-Bonbon vom Chef auszuschlagen, gibt es offensichtlich nicht. Im Gegenteil: Sparverträge über Vermögenswirksame Leistungen lohnen sich selbst für all diejenigen, die die Zuschüsse vom Chef nicht bekommen. Solange sie unter den maßgeblichen Einkommensgrenzen bleiben, kommen sie nämlich zumindest in den Genuss der Arbeitnehmersparzulage.

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Geld vom Chef
  • Vermögenswirksame Leistungen

    Wer diese erhalten will, klärt zunächst im Tarif- oder Arbeitsvertrag, wie viel er genau bekommt und ob er das Geschenk vom Chef zusätzlich aus eigener Kasse aufstocken will. Erhält etwa eine Einzelhandelskauffrau 13,29 Euro und entscheidet sich für einen Fonds-Sparvertrag mit Mindesteinzahlung von 25 Euro, muss sie die Differenz aus eigener Tasche zahlen.

  • Einkommen

    Gleichzeitig ist zu prüfen, ob das zu versteuernde Einkommen unter den Grenzen für die Arbeitnehmersparzulage oder der Wohnungsbauprämie liegt. Falls ja, winken zusätzliche Förderungen vom Staat. Banken etwa spendieren ihren Mitarbeitern Monat für Monat 40 Euro, im Kfz-Gewerbe gibt es 26,59 Euro, Beamte hingegen müssen sich mit 6,65 Euro zufriedengeben.

  • Produkt

    Anschließend gilt es, bei einer Bank, Sparkasse oder bei einem Finanzmakler einen Bausparvertrag, Bank- oder Fondssparplan abzuschließen. Hat man sich für ein Produkt entschieden, erhält man vom Anbieter eine Bescheinigung für den Arbeitgeber. Dieser muss den Sparbetrag monatlich überweisen. Denn die Einzahlungen sind nur dann förderfähig, wenn sie direkt vom Chef auf das VL-Sparkonto überwiesen werden.

  • Sparzulage

    Wer die staatliche Sparzulage erhält, muss sie im Rahmen seiner jährlichen Steuererklärung über die Anlage N beantragen. Das entsprechende Formular stellt die Bank aus, die das VL-Geld verwaltet. Sechs Jahre fließt das Geld, dann bleibt es zwölf Monate liegen. Nach sieben Jahren können Sparer über ihr Geld verfügen. Der Ausstieg vor Ablauf der Frist lohnt nicht, weil die staatliche Förderung wegfällt und Gebühren anfallen.

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