18.01.13

Geldanlage

Börsianer gehen in Südeuropa auf Schnäppchenjagd

Mutige Investoren finden in Italien, Portugal oder Griechenland spottbillige Aktien. Viele Firmen notieren an den Börsen unter ihrem Buchwert. Die Risiken sind aber groß.

Von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Foto: Infografik Die Welt

Über diese Aktien bei der Aufholjagd in Südeuropa mitmischen
Über diese Aktien bei der Aufholjagd in Südeuropa mitmischen

In einer Hinsicht ist die Euro-Krise noch nicht vorbei. Bei den Anleihen Spaniens oder Italiens schlagen Investoren zwar schon kräftig zu, aber um die Börsen der Südstaaten machen sie noch einen Bogen. Während der deutsche Leitindex 2012 fast 30 Prozent zulegen konnte, stagnierten die Aktienmärkte in Südeuropa. Märkte wie Rom, Athen und Madrid fielen im Lauf des vergangenen Jahres auf mehrjährige Tiefstände.

Doch langsam entdecken die Investoren die Aktienmärkte in Südeuropa wieder. Vor allem Schnäppchenjäger sind es, die in Spanien, Italien und Portugal auf Shoppingtour gehen. Von Lissabon bis Rom haben die Indizes seit Jahresanfang zwischen fünf und zehn Prozent zugelegt. Allein die Börse der akut Pleite gefährdeten Sonneninsel Zypern liegt aktuell rund vier Prozent im Minus.

Griechischer Leitindex hat sich wieder verdoppelt

Wie eine Wiederentdeckung eines Landes aussehen kann, zeigt Griechenland. In dem Land, das zum Synonym für die Krise geworden ist, hat die Börse bereits eine atemberaubende Trendwende hingelegt: Seit dem Tief Anfang Juni 2012 hat sich der ASE-Index mehr als verdoppelt, seit Anfang 2012 liegt das Plus bei 47 Prozent. Seitdem sich abzeichnet, dass Griechenland nicht aus der Euro-Zone fliegt, ist Investoren Athen wieder einen Blick wert.

Auch in Hellas gibt es gute Unternehmen. "In extremen Situationen wie der Euro-Schuldenkrise geht es immer auch bei Aktien von Firmen nach unten, deren Geschäftsmodell im Grunde solide ist", sagt der Investor Joachim Paech. Mutige Anleger nutzen die Chance und halten Ausschau nach zu Unrecht abgestraften Unternehmen. "Gute Cash-Positionen und eine starke Marktstellung – darauf gilt es zu achten."

Warren Buffett wurde mit der Strategie reich

Für den Ansatz, den Paech beschreibt, gibt es eine Systematik, den sogenannten "Value-Ansatz". Bei dieser nach dem englischen Wort für "Wert" benannten Anlage-Strategie geht es unabhängig von der Marktstimmung darum, Aktien zu finden, deren innerer Wert weitaus höher ist als der Börsenkurs. Popularisiert wurde der Value-Ansatz von dem US-Starinvestor Warren Buffett, der es damit schaffte, zu einem der reichsten Männer der Welt zu werden. Auf der Forbes-Liste nimmt er mit einem Vermögen von rund 44 Milliarden Dollar Platz drei ein.

Ein wichtiges Hilfsmittel, den inneren Wert einer Aktie zu ermitteln, ist der sogenannte Buchwert. Der Buchwert gibt die Summe der Vermögenswerte wie zum Beispiel Land, Immobilien, Maschinen oder Patente an. Wird der Buchwert durch die Zahl der Aktien dividiert, ergibt sich der Buchwert pro Aktie. Value-Investoren setzen ihn in Relation zum aktuellen Aktienkurs und erhalten so eine bewährte Messlatte. Ein Kurs/Buchwert-Verhältnis (KBV) von eins gilt normalerweise als günstig. Denn das bedeutet, dass der Aktienwert durch die harten Vermögensgegenstände gedeckt ist.

Eine Firma ist mehr als Gebäude und Maschinen

Das Potenzial des Unternehmens, Gewinne zu erwirtschaften spiegelt sich darin nicht wider, denn eine Firma ist mehr als Gebäude und Maschinen: Mit ihren Kundenbeziehungen, Ideen und Marken ist sie wie ein lebendiger Organismus. Für einen Buchwert von eins gibt es dieses "Lebendige" der Firma gleichsam umsonst.

Ein anderes Kriterium ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV). Es gibt an, wie viele Jahresgewinne für die Firma bezahlt werden müssen. Hat ein Titel zum Beispiel ein KGV von zehn, muss die Firma zehn Jahre lang den gleichen Ertrag erwirtschaften, damit sich das Investment amortisiert.

Zypern hat die meisten ausgebombten Aktien

Ebenfalls von großer Bedeutung ist die Dividendenrendite, die davon zeugt, dass die Firma echtes Geld verdient, das sie auch an ihre Anteilseigner ausschütten kann. Allerdings sind KGV und Dividendenrendite für Schnäppchenjäger in Südeuropa nachrangige Kriterien. Denn die dortigen Umbrüche sind so groß, dass diese beiden Werte starken Schwankungen unterliegen und nicht so aussagekräftig sind wie in normalen Zeiten.

"Die Value-Methode hat in den Verzerrungen zwischen Mitte 2007 und Mitte 2012 nicht funktioniert, doch jetzt leistet sie wieder gute Dienste", sagt Hendrik Leber, Fondsmanager bei Acatis und einer der profiliertesten Vertreter des Ansatzes in Deutschland. Die meisten "ausgebombten" Aktien finden sich an der Börse Zypern. Der dortige Index notiert nahe am Allzeittief. Im Durchschnitt werden Aktien in Nikosia nur mit einem Fünftel ihres Buchwerts gehandelt. Selbst wenn die Firmen ausgeklammert werden, die Verluste schreiben, liegt das Kurs/Buchwert-Verhältnis noch deutlich unter eins. Leider werden fast keine zyprischen Aktien an deutschen Börsen gehandelt.

Anleger brauchen auf jeden Fall starke Nerven

Auch in Portugal werden Schnäppchenjäger fündig: Alle 51 Unternehmen, die an der Börse Lissabon gehandelt werden, bringen 56 Milliarden Euro auf die Waage. Damit ist der gesamte portugiesische Markt nicht mal so viel wert wie der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Im Mittel werden die Firmen des Euro-Landes zum Buchwert gehandelt.

Relativ selten vertreten auf der Liste von Aktien mit geringem Buchwert sind spanische Firmen, obwohl die Börse Madrid zwischen 2007 und 2012 mehr als Hälfte ihres Wertes verlor. "Wir sind immer wieder überrascht, dass wir dort nicht mehr günstig bewertete Aktien finden", sagt Leber. Mehr Treffer landet er immerhin in Italien. Wer das Wagnis eingeht, braucht auf jeden Fall starke Nerven. Denn geht die Krise weiter, könnten die Buchwerte fallen und damit auch die Aktienkurse.

Im Falle der Banken ist besondere Vorsicht geboten. Läuft es schief, droht Investoren der Totalverlust. Denn bei Kredithäusern ist der Buchwert zum Großteil vom Vertrauen der Investoren abhängig, und das ist bekanntlich flüchtig. "Griechenland und Portugal sind sehr markteng", weist Paech auf eine anderes Problem hin und meint damit, dass häufig nur wenige Aktien am Markt umgehen. Aus den geringen Umsätzen ergeben sich hohe Spannen zwischen Buch- und Briefkurs.

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Das erwarten die Aktien-Experten
  • Andreas Hürkamp, Commerzbank

    Der Dax überrascht auch 2013 und steigt auf ein Rekordhoch von 8500 Punkten. Während die Firmenmeldungen noch bis Mitte 2013 enttäuschen, wird die globale Erholung der konjunkturellen Frühindikatoren der stärkste Kurstreiber. Monetäre Indikatoren haben sich 2012 stark verbessert. So ist das Wachstum der Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen) im Euro-Raum von ein Prozent auf sechs Prozent gestiegen, in den USA kauft die Notenbank Fed jeden Monat für 85 Milliarden Dollar Staats- und Hypothekenanleihen, und in Brasilien, einem der wichtigsten Schwellenländer, hat die Notenbank den Leitzins von 12,5 auf 7,25 Prozent gesenkt. Dank dieser weltweit wieder expansiveren Geldpolitik verbessern sich die Ifo-Erwartungen im ersten Halbjahr von 97 auf 105, und der amerikanische ISM Index steigt wieder von 49 auf 55. Der globale Konjunkturzug gewinnt im zweiten Halbjahr überraschend stark an Fahrt. Aufgrund der sich verbessernden Konjunkturperspektiven und einer nachhaltigen Beruhigung in der Euro-Schuldenkrise sind Anleger 2013 bereit, eine höhere Bewertung für Aktien zu zahlen: Das Kurs-Buchwert-Verhältnis des Dax steigt von 1,30 auf 1,45 (der 15-Jahresdurchschnitt liegt bei 1,70). Dank der kerngesunden Bilanzen der Dax-Unternehmen legt der aggregierte Dax-Buchwert 2013 auf ein Allzeithoch von 6000 Indexpunkte zu, woraus sich ein Dax-Ziel von 8500 ableitet. 2013 werden es nochmals die mittlerweile relativ teuren Dax-Globalisierungsgewinner aus den Sektoren Auto, Chemie und Maschinenbau sein, die den Leitindex dank steigender Umsätze in Wachstumsmärkten wie den USA, Asien und Lateinamerika nach oben treiben. Eine Renaissance der relativ niedrig bewerteten Titel aus den Sektoren Versorger, Telekom und Einzelhandel ist auch 2013 unwahrscheinlich, da ihr Hauptabsatzmarkt Europa 2013 nicht wachsen wird. Kursrücksetzer aufgrund politischer Risikofaktoren wie die US-Fiskalklippe, die Wahlen in Italien und Deutschland und die unsichere Lage im Iran sollten Investoren 2013 daher zum Kauf von Dax-Globalisierungsgewinnern nutzen. Wir erwarten, dass ein Großteil der Wertentwicklung im ersten Halbjahr erzielt wird. Im zweiten Halbjahr droht dem deutschen Aktienmarkt vor allem Gegenwind von der Fed, die aufgrund einer robusten US-Konjunktur ankündigen wird, ihr Kaufprogramm für Anleihen auslaufen zu lassen. Andreas Hürkamp ist Chefstratege bei der Commerzbank

  • Carsten Brzeski, ING

    Die spannendste Frage für das neue Jahr ist, ob Politik und Konjunktur die Vorschusslorbeeren 2012 zu recht oder doch zu früh eingeheimst haben. Die Kursanstiege in den letzten Monaten sind weniger mit realwirtschaftlichen Entwicklungen zu erklären als mit einem großen, allgemeinen Gefühl der Erleichterung. Erleichterung darüber, dass EZB-Präsident Mario Draghi ein schnelles Ende des Euros verhindert hat. Dass Griechenland den Euro-Raum noch nicht verlassen hat. Erleichterung aber auch beim Anblick erster positiver Frühindikatoren für die deutsche Konjunktur und Zeichen der Stabilisierung des amerikanischen Arbeits- und Immobilienmarktes. Das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels hat bei vielen Marktteilnehmern ein regelrechtes Freudenfeuer entfacht. Diese Freudentränen könnten jedoch schnell wieder Tränen der Trauer und Angst werden. Zu häufig wird übersehen, dass Stabilisierung nicht automatisch auch zu einem nachhaltigen Aufschwung führt. Während es im Augenblick also in den großen Regionen der Weltwirtschaft Zeichen der zyklischen Stabilisierung gibt, hat doch keine einzige Region seine strukturellen Probleme bisher wirklich gelöst. Im Gegenteil. Die einzelnen Probleme könnten sich im Jahr 2013 noch als deutlicher Bremsklotz und Spielverderber erweisen. In den USA scheint man bei den Haushaltsproblemen und der Fiskalklippe den europäischen Lösungsansatz gewählt zu haben: den des kleinstmöglichen Kompromisses in allerletzter Minute. Das heißt jedoch auch, dass die US-amerikanischen Staatsfinanzen auch im kommenden Jahr die Märkte und die US-Bürger in Atem halten werden. In China täuscht die bessere Konjunktur weiterhin über strukturelle Probleme und mögliche Immobilienblasen hinweg. Im Euro-Raum kann es zwar Zeichen der Stabilisierung geben, aber es wird jedoch noch Jahre dauern, ehe Strukturreformen blühende Landschaften im Süden entstehen lassen. Kein Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit bleiben für die Euro-Krise eine explosive Mischung. Wenn Massenarbeitslosigkeit die Leidensfähigkeit südeuropäischer Bürger jedoch überstrapazieren sollte, kann auch die EZB nicht mehr helfen. Geldpolitik kann Reformen nicht ersetzen. Gut möglich, dass das Thema Transfers wieder aus der Tabuzone geholt wird und der Euro-Raum noch vor der Bundestagswahl auf einen „pay-it-or-break-it“ Moment zusteuert. Carsten Brzeski ist Senior Economist bei ING

  • Erwin Grandinger, EPM Group

    Wann immer Bundesbank-Präsident Jens Weidmann ein Interview gibt, kann man darauf wetten, dass EZB-Direktor Jörg Asmussen höchstens 24 Stunden später ebenfalls einen Medienauftritt hat und das Gegenteil behauptet. Schon daraus lässt sich ablesen, dass uns die Staatenkrisen in der Euro-Zone noch Jahre erhalten bleiben. Ob es zum finalen Gau kommt, kann keiner vorhersagen, aber auch nicht ausschließen. Der Euro wird nicht abstürzen. Dazu hatte er seit 2008 Zeit – es ist nicht passiert. Er wird 2013 zwischen 1,20 und 1,40 Dollar oszillieren, selbst wenn Griechenland das einzig Vernünftige macht, nämlich die Währungsunion verlassen. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück strebt offensichtlich mit Volldampf den privaten und politischen Ruhestand nach der Bundestagwahl im Herbst an. Merkel wird folglich im Kanzleramt bleiben und weitere vier Jahre regieren. China wird mit hohen Wachstumszahlen positiv überraschen und daher auch den Dax, zumindest zeitweise, nach oben ziehen. Die Exportindustrie ist ultimativ die Industrie, die Deutschland vor dem totalen Desaster bewahrt. Dieses Geschäftsmodell kann von anderen Euro-Staaten nicht übernommen werden, denn deutsche Sekundärtugenden sind nicht beliebig kopierbar. Darauf verlassen sich nonchalant auch alle anderen Euro-Staaten, denen wir zahllose Garantien, Bürgschaften, Hilfspakete und Sonderwünsche antrugen. Seit dem Aktiencrash 2000/01 haben sich die Börsen-Bewertungen der deutschen Konzerne drastisch verbessert. Der Dax kann also das historische Hoch testen, ob er es aber schafft, 2013 nachhaltig darüber hinaus zu steigen, ist unklar. Italien, ohne eindeutigen politischen Ausblick und volkswirtschaftliches Geschäftsmodell, bleibt in der Hand der Spekulanten. Die große Enttäuschung des Jahres könnte Frankreich werden. Ein Präsident, der aggressiv den populistischen Klassenkampf in die Gesellschaft trägt, kann kein Zugpferd für den Aktienmarkt sein. Wer 2013 auf Inflation wartet, wird enttäuscht werden. Die deflationäre Kraft der Bilanzrezessionen wirkt fort. Die Zinsen verharren deswegen auf niedrigstem Niveau. Die Zentralbanken manipulieren die Renditen unentwegt weiter. Das Halten deutscher Staatsanleihen gleicht also der freiwilligen Enteignung. Es gibt Boom-Zonen, von denen Anleger auch 2013 profitieren können, darunter die Aktienmärkte im Nahost, zum Beispiel die Türkei, oder in Asien, etwa Thailand. Gerade die Türkei könnte erneut zum Überraschungssieger werden. Erwin Grandinger ist Geschäftsführer der EPM Group

  • Die Twitter-Community

    Experten stützen sich bei Ihren Prognosen auf wissenschaftliche Methoden, Laien dagegen auf ihr Bauchgefühl. In vielen Bereichen lassen sich aus der Summe solcher Ahnungen erstaunlich präzise Vorhersagen ableiten. Die „Welt“ hat daher erstmals die Blogger beim sozialen Netzwerk Twitter um eine Einschätzung der Kapitalmarktentwicklung 2013 gebeten. Es fällt auf, dass die Twitter-Beobachter längst nicht so optimistisch für den Aktienmarkt sind wie die Profis. Immerhin die Hälfte aller Blogger sieht den Dax Ende 2013 niedriger als heute. Im Schnitt vermutet der Schwarm den Index dann bei 7355 Punkten, das wäre ein Jahres-Minus von 250 Punkten. Ähnlich skeptisch ist die Schar der Laien-Prognostiker beim US-Leitindex Dow Jones, den sie auf 12.359 Zähler purzeln sieht. Für den Euro wird ein geringer Wertverlust von drei Cent auf 1,29 Dollar vorausgesagt. Klarer Gewinner ist dagegen das Gold: Behält die Twitteria recht, wird das gelbe Metall ein neues Rekordhoch markieren und das Jahr bei 1935 Dollar beenden.

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