14.01.13

Leistungsbeurteilung 2.0

Wo die Kollegen bestimmen, wie hoch Ihr Gehalt ist

Einige Firmen verabschieden sich schon vom jährlichen Beurteilungsgespräch. An seine Stelle tritt die gegenseitige Bewertung von Mitarbeitern. Das von Social Media inspirierte Modell ist umstritten.

Von Constantin Gillies
Foto: Christian Kielmann
Vorreiter Heiko Fischer, Geschäftsführer Resourceful Humans Consulting, setzt auf das gegenseitige Benoten von Kollegen
Vorreiter Heiko Fischer, Geschäftsführer Resourceful Humans Consulting, setzt auf das gegenseitige Benoten von Kollegen

Es ist der Horror aller Angestellten: das Jahresgespräch. Peinliches Schweigen, krampfhaft ausgedachte Ziele, fragwürdige Bewertungen. All das hat Crytek abgeschafft: Bei der Frankfurter Videospielefirma bewerten sich die Mitarbeiter einfach gegenseitig. Jedes Quartal findet dazu eine Art von Online-Abstimmung statt: Dabei kann jeder Mitarbeiter an seine Kollegen "Sterne" verteilen und das Feedback kommentieren. Bewertet werden soll, wie viel der jeweilige Kollege zum Erfolg des Teams oder Unternehmens beigetragen hat.

Am Ende des Jahres wird dann abgerechnet und der vorhandene Bonustopf transparent aufgeteilt: Je mehr Sterne, desto größer der Zuschlag. "So kann niemand mehr sagen 'mein Chef sieht nicht, was ich wirklich leiste'", sagt Heiko Fischer, ehemals Personalchef bei Crytek und Miterfinder des Systems. Mittlerweile führt der 35-jährige Berliner sein eigenes Unternehmen und hilft anderen Firmen dabei, ebenfalls auf Kollegenbewertung umzusteigen.

Warum auch nicht? Schließlich wird heutzutage alles auf der Sterneskala bewertet – Hotels, Bücher, Professoren. Wieso sollte man da ausgerechnet bei wichtigen Sachen wie Leistung oder Gehaltsscheck auf das Urteil einer einzelnen Person vertrauen? Experten finden die Idee vom so genannten "Peer Review" gut. "Dass sich Mitarbeiter offen und transparent gegenseitig Feedback geben, ist nicht neu – in einem Orchester etwa passiert das ständig", sagt Christoph Thoma vom Beratungsunternehmen Kienbaum.

Kollegenbewertung auf dem Vormarsch

Er glaubt, dass sich die Kollegenbewertung in den kommenden Jahren verbreiten wird – vor allem, weil die junge Generation Y sie fordert. Auf eine Rückmeldung vom Chef ein Jahr zu warten, erscheine ihr geradezu absurd, so Thoma.

Völlig neu ist das Konzept natürlich nicht: Viele Unternehmen nutzen schon lange das so genannte 360-Grad-Feedback, bei dem Kollegen und Vorgesetzte eine Führungskraft einschätzen – allerdings anonym. Die Beurteilenden müssen dafür oftmals recht lange Papierlisten ausfüllen, entsprechend unbeliebt ist das Verfahren.

In puncto Aufwand liegt die elektronische Variante klar vorne, weil die Schwelle zum Mitmachen extrem niedrig ist – ein Mausklick reicht. "Das ist der 2.0-Stil: Offener, schneller und weniger hierarchisch", lobt Heike Bruch, Professorin an der Universität Sankt Gallen und renommierte Expertin für Personalmanagement.

Vor allem amerikanische Unternehmen zeigen, wie es geht. Bei der Firma LivingSocial in Washington D.C. etwa gibt es eine interne Bewertungsseite, die wie Facebook aussieht und sogar auf dem Handy funktioniert.

Lob in Echtzeit

Darüber kann Lob in Echtzeit verteilt werden: Der Kollege hat zum Beispiel eine flotte Präsentation hingelegt? Dann lässt sich ein "Dankeschön"-Knopf drücken oder ein kurzes virtuelles Schulterklopfen austeilen. Wer Mitstreiter aus seinem Team loben will, kann ihm außerdem mit einem Klick einen virtuellen Orden verleihen. Der erscheint dann als kleine Grafik neben seinem Profil im Intranet. Wer zum Beispiel die begehrte "Truthahn mit Fettsoße"-Medaille bekommen will, muss drei Quartale lang den angepeilten Umsatz bringen. So mutiert das dröge Jahresgespräch von gestern zu einer Art von Videospiel.

Auf die Beurteilung von unten setzt auch die IT-Firma Symantec, und zwar weltweit. Hier können alle Mitarbeiter seit Neuestem ihre Kollegen für eine Sonderbelohnung vorschlagen. Wer besonders viel Lob kassiert, erhält einen Geschenkgutschein im Wert zwischen 25 und 1000 US-Dollar.

Mit dem neuen Belohnungssystem wurde ein langjähriges Problem aus der Welt geschafft: Früher teilten Manager oft Boni nur an einen kleinen Kollegenkreis aus. Jetzt, da alle mitbestimmen können, bekommen 16.000 der weltweit 20.000 Mitarbeitenden ein Dankeschön. Dennoch werde insgesamt nicht mehr für Gratifikationen ausgegeben, heißt es bei Symantec.

Natürlich hat die Methode Jekami (Jeder kann mitmachen) immer ihre Grenzen, das zeigt sich überall im Netz. Entweder die Leute finden ein Produkt total toll oder totalen Schrott, viele Urteile bleiben oberflächlich, Ausgewogenheit ist oftmals ein Fremdwort. All diese Effekte drohen auch, wenn Kollegen sich gegenseitig bewerten. Vor allem besteht die Gefahr, dass sich die Teilnehmer taktisch verhalten, nach dem Motto "lobst du mich, lobe ich dich".

Ein neuer Trend?

Um das zu verhindern, hatte die Videospielschmiede Crytek zu Fischers Zeiten totale Transparenz eingeführt: Mitarbeiter sehen so nicht nur ihre eigenen Sterne, sondern auch, wie sich die Kollegen gegenseitig einschätzen. Führt das nicht zu Konflikten? Personal-Visionär Fischer winkt ab: "So werden die unternehmerischen Gespräche geführt, die im Sinne der Kunden geführt werden müssen."

Die meisten Experten erwarten trotzdem nicht, dass deutsche Firmen in Zukunft reihenweise die Jahresgespräche abschaffen und durch Sternchenverteilen ersetzen. "Bei uns fehlt einfach die Feedback-Kultur", meint Edmund Mastiaux, Personalexperte aus Bonn.

Er selbst führt gelegentlich im Auftrag von Unternehmen Managerbewertungen durch. Dabei muss zum Beispiel ein Abteilungsleiter eine Präsentation vorführen – unter den Augen von sieben Kollegen, die danach hinter verschlossenen Türen ihr Urteil abgeben. "Vielen Firmen ist selbst das schon zu viel Feedback", berichtet Edmund Mastiaux.

Zu viele Punktrichter

Noch größer wäre sicher die Ablehnung, wenn nun plötzlich alle Kollegen als Punktrichter der Chefleistung auftreten. Für solche, aus europäischer Sicht radikale Methoden, seien höchstens Beratungsfirmen oder junge Start-ups offen, ist Edmund Mastiaux überzeugt.

Dieses Argument kennt Vordenker Fischer nur allzu gut. Wenn er für jeden Einwand von der Sorte "das geht in unserer Branche nicht" 100 Euro bekommen hätte, sei er jetzt schon reich, witzelt der Berater. Dabei sind es längst nicht nur Vorgesetzte, die auf die Bremse treten. Auch bei so manchem Mitarbeiter flaut die anfängliche Begeisterung für das Sterne-Vergeben schnell ab. Wer andere bewerten soll, muss sich nämlich informieren und auch selbst Verantwortung übernehmen. Das bremst viele, glaubt Geschäftsführer Fischer. Denn: "Man kann sich nicht mehr hinter dem Chef verstecken."

Foto: Infografik Die Welt

Ein akademischer Abschluss, ein großes Unternehmen, die richtige Branche und der richtige Ort – beim Gehalt kommt es auf viele verschiedene Faktoren an.

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  • Belohnungssysteme

    Eine Alternative zum klassischen Jahresgespräch zwischen Chef und Angestelltem sind – neben der gegenseitigen Bewertung der Mitarbeiter durch Sternchen – Belohnungssysteme: das Vorschlagen von Arbeitskollegen für eine Sonderbelohnung, was letztendlich auf eine Umverteilung der Boni hinausläuft.

  • Führungskräfte

    Auch Führungskräfte müssen bewertet werden. Schon länger bekannt ist das 360-Grad-Feedback. Neben der Selbsteinschätzung kommen hier Vorgesetzte, Mitarbeiter, Kollegen und gegebenenfalls sogar Kunden der Führungskraft zu Wort. Die Einschätzung erfolgt anonym – auf Papier oder online. Der Nutzen des Modells ist allerdings umstritten: Mitarbeiter könnten das anonyme Feedback nutzen, um ungeliebten Chefs einen Denkzettel zu verpassen. Wirklich ändern dürfte sich dadurch aber nichts. Und auch hier gilt: Urteile bleiben aufgrund der vorgegebenen Antworten und des begrenzten Raums oberflächlich und häufig unausgewogen.

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