07.01.13

Geldversorgung

Börsen bejubeln das Zeitspiel der Banken

Um eine erneute Finanzkrise zu vermeiden, sollten die Geldinstitute größere Mengen an Kapital vorhalten. Nun bekommen die Banken dafür mehr Zeit. Die Märkte freut's, die Sparer müssen noch warten.

Foto: Infografik Die Welt

So haben sich die Aktienkurse verschiedener Banken entwickelt
So haben sich die Aktienkurse verschiedener Banken entwickelt

Für Freunde von Bankaktien hätte der Wochenauftakt kaum besser verlaufen können. Ob in Deutschland, Frankreich oder Italien, überall sprangen die Kurse dieser zuletzt stark strapazierten Dividendenwerte kräftig an. Die Titel von Deutscher Bank, Commerzbank, aber auch BNP Paribas und Intesa verteuerten sich gegen den allgemein negativen Markttrend um bis zu drei Prozent.

Der Grund für die Jubelstimmung: Die Finanzlobby erzielte am Wochenende einen wichtigen Erfolg. Weltweit bekommen Kreditinstitute vier Jahre mehr Zeit für den Aufbau billionenschwerer Liquiditätsreserven, mit denen sie in einer nächsten Bankenkrise eine Pleite vermeiden können.

Neues Enddatum ist 2019

Nicht nur Aktionäre und Bankenvertreter freuten sich. "Der Realitätssinn ist zurückgekehrt. Nun bekommen die Institute die Zeit, die sie brauchen, um ihre Bilanzen umzubauen", sagt Martin Hellmich, Professor für Risikomanagement an der Frankfurt School of Finance & Management. Der ursprüngliche Zeitplan hätte seiner Meinung nach die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten unnötig gefährdet.

Die Banken sollten die Mindest-Liquiditätsquote (LCR) eigentlich bereits 2015 vollständig erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt reichen nun 60 Prozent der Reserve. Das neue Enddatum ist 2019. Zudem erkennen die Aufseher neben Staats- und Firmenanleihen nun auch Hypothekenpapiere und unter bestimmten Voraussetzungen sogar Aktien als Liquiditätsreserven an.

Banken fehlen 1800 Milliarden Euro

Nach einer Erhebung des Baseler Ausschusses fehlten den weltgrößten Instituten Ende 2011 nach den bisher geltenden Kriterien rund 1800 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln, um die Quote zu erfüllen. Zwei Drittel davon entfielen auf europäische Institute. Im Schnitt hatten die 102 weltgrößten Banken damals 91 Prozent der geforderten Liquiditätsreserven beisammen, 38 Prozent kamen allerdings auf weniger als 75 Prozent.

Es ist das erste Mal, dass der für weltweit einheitliche Spielregeln bei Banken zuständige Baseler Ausschuss neben Kapitalvorschriften auch eine Mindest-Ausstattung an Liquidität vorschreibt.

Lehre aus der Krise

Die Vorschriften sind eine Lehre aus der Finanzkrise. Damals waren zahlreiche Banken – wie Lehman Brothers oder die britische Bausparkasse Northern Rock – nicht an zu wenig Kapital gescheitert, sondern daran, dass die Kapitalmärkte austrockneten und sie sich in der Krise am Markt kein Geld mehr beschaffen konnten oder dass Kunden blitzschnell ihre Einlagen abzogen. Mit dem in der LCR vorgeschriebenen Reserven-Topf soll künftig jede Bank 30 Tage allein überleben können, ohne dass ihr das Geld ausgeht.

Die Aufseher schreiben auch vor, wie die Liquiditätsreserve aussehen muss. Denn sie muss im Notfall schnell zu Geld gemacht werden können. 60 Prozent davon müssen aus Barem, erstklassigen Staatsanleihen und anderen zentralbankfähigen Papieren bestehen, bis zu 40 Prozent dürfen es auch Unternehmensanleihen mit hoher Bonität sein.

Nach dem Kompromiss vom Wochenende kommen weitere Firmen-Bonds, Hypothekenpapiere und Aktien dazu, die allerdings nur zum Teil angerechnet werden. Mit den Papieren müssen die in einer Krise innerhalb von 30 Tagen zu erwartende Mittelabflüsse abgedeckt sein. Auch die Annahmen, wie viel Geld welche Kunden wie schnell abziehen, wurden nun entschärft.

Ausreichend Einlagen für Refinanzierung

Für alle Privatkunden und den Wert ihres Ersparten für die Banken ist eine andere Liquiditätsquote noch wichtig. Die NSFR sieht vor, dass mit Blick auf ein Jahr die stabilen Refinanzierungsquellen der Banken höher sein müssen als ihre langfristigen Forderungen.

Kurzum: Banken müssen über ausreichend Einlagen verfügen, um Kredite dauerhaft refinanzieren zu können. Vor der Krise hatten viele Institute ihre langfristig ausgegeben Kredite oft kurzfristig refinanziert, sie waren auf einen ständigen Mittelzufluss angewiesen. Diese Praxis hatte Institute wie die Hypo Real Estate an den Rand des Abgrunds gebracht.

Höhere Zinsen für Erspartes

Der Zwang, mehr stabile Refinanzierungsquellen vorweisen zu müssen, wird allen Sparern in die Hände spielen – nicht nur weil damit das gesamte Finanzsystem sicherer werden soll. "Da Privatkundeneinlagen als sehr stabil gelten, könnten diese in den nächsten Jahren für Banken attraktiver werden", sagt Professor Hellmich.

Die Folge könnte sein, dass Banken ihren Kunden höhere Zinsen für die Ersparnisse zahlen. Doch auch an der NSFR wird in den kommenden zwei Jahren wohl noch geschraubt. Eine Verzögerung ist auch hier möglich, ohnehin soll diese zweite Liquiditätsquote erst 2018 in Kraft treten.

Schon um die LCR hatte es im Baseler Ausschuss Streit gegeben. Am Wochenende hatten sich daher die Notenbankchefs und die Chefs der Aufsichtsbehörden unter dem Vorsitz des britischen Notenbankchefs Mervyn King getroffen. King "Die LCR soll es weniger wahrscheinlich machen, dass Banken auf die Notenbanken bauen müssen, um an Liquidität zu kommen."

Quelle: mit Reuters
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Glossar der neuen Bankenregeln
  • Basel III:

    Dreh- und Angelpunkt der bisherigen Regulierungsbemühungen nach der Finanzkrise sind die Eigenkapitalregeln. Banken sind verpflichtet, für jeden Kredit oder jedes Wertpapier, das sie halten, einen bestimmten Betrag an eigenem Geld zurückzulegen – Mittel, die entweder die Aktionäre eingebracht haben oder die aus Gewinnrücklagen stammen. Basel III hat die Mindestwerte für verschiedene Eigenkapitalquoten deutlich verschärft. Die Regeln sollen in Europa eigentlich Anfang 2013 in Kraft treten. Zuletzt deuteten sich Verzögerungen an.

  • Trennbanken-System:

    Verschiedene Experten haben vorgeschlagen, Teile des Kapitalmarktgeschäfts vom Rest der Banken abzutrennen, um das System insgesamt stabiler zu machen. Der US-Kongress hat es dabei nur auf den Eigenhandel abgesehen, also die Wertpapiergeschäfte der Bank auf eigene Rechnung. In Großbritannien soll das ganze Investmentbanking abgetrennt werden, ähnlich wie es auch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück fordert. Die von der EU eingesetzte Liikanen-Kommission will dagegen nur den Wertpapierhandel ausgliedern, egal ob er im Kundenauftrag geschieht oder in Eigenregie der Bank.

  • Too big to fail:

    Ein Kernproblem für die Regulierer besteht darin, dass große Banken nicht pleitegehen können, ohne dass das gesamte Finanzsystem in Mitleidenschaft gezogen wird. Wie man erreichen kann, dass bei einer Schieflage in erster Linie Aktionäre und Gläubiger haften und nicht die Steuerzahler, ist eine ungelöste Frage. Die Liikanen-Kommission hat auch dazu weitreichende Vorschläge präsentiert.

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