31.12.12

Tatort Börse

Dax-Prognose schwankt zwischen Himmel und Hölle

2013 wird an den Märkten spannender als jeder Krimi. Das verspricht unser Autor in einem überspitzten Ausblick. Einzelne Aktien streben Rekordstände an, nur der Goldpreis befreit sich nicht.

Von Daniel Eckert
Foto: Infografik Die Welt

Dax im Jahresverlauf und eine Prognose für 2013
Dax im Jahresverlauf und eine Prognose für 2013

Let's go Greek, young men!" wird die neue Parole an der Wall Street, Star-Regisseur Woody Allen löst mit einem Occupy-Musical eine Rallye bei Bank-Aktien aus, Bundesbank-Chef Jens Weidmann inszeniert Goethes "Faust" mit einem Mephisto-Darsteller, der verblüffende Ähnlichkeit zum EZB-Präsidenten aufweist, und Silvio Berlusconi schreckt mit "La Dolce Lira" die Finanzmärkte.

Kurz sackt der Euro auf einen Dollar, doch der Arm von Mario Draghi ist länger: Bald erholt sich der Euro und fühlt sich fortan bei 1,32 Dollar am wohlsten. Der Goldpreis wird in einen Käfig gesperrt, die Rendite der Bundesanleihen fällt unter eins und der Dax steigt auf 9000 Punkte. So könnte das Jahr 2013 werden, muss es aber nicht.

Januar

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar werfen einige angereiste US-Hedgefondsmanager zufällig einen Blick auf die Europakarte und stellen erstaunt fest, dass Griechenland direkt neben der florierenden Türkei liegt. "Hey, doesn't it boom there?" (Ist da nicht Boom?) tuscheln sie mit Blick auf den Bosporus-Staat und wittern das nächste große Ding.

Zurück an ihren Bloomberg-Terminals beginnen sie eilends in den griechischen Aktienmarkt zu investieren. Zusätzlichen Schub erhält die Börse Athen durch die Ankündigung der Regierung Antonis Samaras, Griechenland in ein bürokratiefreies Niedrigsteuerland zu verwandeln.

Februar

Steigende Umfragewerte für Silvio Berlusconi und die Parole "Zurück zu Dolce Lira" in Italien erschüttern die europäischen Finanzmärkte. In den Wochen vor der Parlamentswahl am 24. und 25. Februar fällt der Euro wie ein Stein Richtung Dollar-Parität.

Erst als EZB-Präsident Mario Draghi deutlich wird und den Italienern erklärt, dass die Notenbank nicht beabsichtige, Anleihen einer Berlusconi-Regierung zu kaufen ("Und glauben Sie mir, es wird nicht reichen"), besinnen sie sich und wählen den "richtigen" Kandidaten. Dessen Name beginnt nicht mit B.

März

Der Euro erholt sich etwas von seinem Berlusconi-Durchhänger, bleibt aber den ganzen März über wackelig. Ein Experte der Troika, die die Bilanzen spanischer Banken prüft, wird von der Nachrichtenagentur Reuters mit den Worten zitiert: "Seit der ,Nacht der lebenden Toten' habe ich nichts so Grusliges mehr gesehen."

Nach der Devise "sicher ist sicher" schichten Investoren ihr Geld in deutsche Staatspapiere um. Die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen ("Bunds") gehen auf 0,9 Prozent zurück. Bei kürzeren Laufzeiten sind Nullzinsen oder Negativzinsen selbstverständlich.

Während sich Wolfgang Schäuble über so viel "Money for nothing" freut, reden Analysten von einer vorübergehenden Anomalie. Die Renditen würden bald wieder steigen.

April

Es ist April, und der Währungskrieg läuft heiß. Neben der Euro-Zone sind jetzt auch Japan und England im Dumping-Modus. Das wollen sich die Amerikaner nicht bieten lassen: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve holt die Hubschrauber für den Geldabwurf aus dem Hangar.

Um keine Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen zu lassen, steigt Ben Bernanke mit einem Dollar-Ballon in 40 Kilometer Höhe und wirft von dort in einer öffentlichkeitswirksamen Aktion Greenback-Scheine ab. Sicherheitshalber schiebt der Fed-Chef die Geld-Druckprogramme QE4, QE5 und QE6 hinterher.

Mai

Im Mai ist Berlin am schönsten. Fast zu schön. Die Folgen des Berlusconi-Schocks, rekordniedrige Hypotheken-Zinsen (und die gelegentlich aus der Stratosphäre niederregnenden Dollar-Noten) scheinen Haus- und Wohnungskäufe fast zum Nulltarif möglich zu machen.

Während der Euro fällt, steigen die Immobilien-Preise an der Spree in atemberaubende Höhen. Auch in anderen Großstädten geht die Sause ab. Baufinanzierer schicken Studien raus, in den sie wissenschaftlich eindeutig nachweisen, dass Quadratmeter-Preise von 4000, 5000 oder 6000 Euro "vollkommen normal" sind. Eine der Studien trägt den Titel "In Deutschland ist alles anders".

Juni

Nicht nur im Juni, das ganze Jahr über zeigt Gold ein merkwürdiges Verhalten. Der Unzen-Preis kommt nicht aus einer engen Spanne heraus. Er streift wie ein Löwe im Käfig von einer charttechnischen Gitterwand zur nächsten.

Knurrend, aber gefangen. Die untere Begrenzung bilden 1570 Dollar, die obere 1778 Dollar. Edelmetall-Fans reden von einem ominösen Gold-Dompteur, der den Preis immer einfängt, wenn er eine bestimmte Marke überschreitet.

Entfesselt ist hingegen die Apple-Aktie. Nachdem Samsung im Frühjahr das "einfühlsame" Galaxy S4 herausgebracht hat, schickt die Firma aus Cupertino, Kalifornien, das iPhone 6 hinterher. Das neue Gerät kann Gedanken lesen und bestellt schon Pizza, ehe der Besitzer weiß, dass er Hunger hat.

Juli

Eine in der Euro-Zone 2.0 bedeutungslos gewordene Bundesbank verlegt sich auf neue Aufgaben: Unter der Regie von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann wird im Juli Goethes berühmtestes Schauspiel "Faust" neu inszeniert.

Weidmann spricht von einer großen Parabel ums Papiergeld. Die Mittel für die aufwendige Inszenierung stammen aus dem neu eingerichteten Target Fund, der sich aus den üppigen Überschüssen Griechenlands speist.

Spötter merken an, dass der Darsteller des Mephisto beachtliche Ähnlichkeit mit Mario Draghi habe. Derweil kaufen die US-Hedgefondsmanager und kaufen und kaufen… Die Kurse an der Börse Athen klettern weiter.

August

Investoren-Legende Warren Buffett verlegt die Zentrale seiner Holding Berkshire Hathaway in das neue Niedrigsteuerland Griechenland. "Let's go Greek, young men!" wird die neue Parole an der Wall Street.

Anleger entdecken, dass nicht nur Krise ein griechisches Wort ist, sondern auch "Euphorie". Der Boom in Hellas zieht auch andere Märkte mit: Ende August notiert der Dax erstmals über 9000 Punkten.

Jetzt hellen sich auch noch die globalen Konjunkturdaten auf. Eilends korrigieren Bank-Analysten ihre Index-Ziele nach oben. "Die Fünfstelligkeit ist in greifbarer Nähe", kommentiert ein Frankfurter Börsenhändler.

September

Crash! Crash an den Weltbörsen! Und keiner weiß warum. An einem schönen September-Tag verliert der Dow Jones auf einen Schlag 1911 Punkte und verzeichnet damit den größten Punkte-Verlust in der Geschichte der Wall Street.

Eine eilig einberufene Kommission findet heraus, dass ein Computer-Fehler der Auslöser war. Zwei halbstarke Algo-Programme im Short-Modus hatten sich gegenseitig ein Wettrennen im Verkaufen geliefert. Die Programme kommen in die Besserungsanstalt, aber das Vertrauen der Anleger ist dahin.

Die Renditen für zehnjährige Bunds gehen auf 0,7 Prozent zurück. Von der "Welt" befragte Top-Ökonomen erklären die niedrigen Zinsen für vorübergehend. Die Renditen würden bald wieder anziehen. Ganz gewiss.

Oktober

Angela Merkel verpasst bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit nur um Mundwinkelbreite. Alle anderen Parteien lehnen eine Koalition mit der Kanzlerin zunächst empört ab, kloppen sich hinter den Kulissen aber schon um die Posten.

Ende Oktober kommt es nach schwierigen Verhandlungen zu einem Bündnis mit den Sozialdemokraten, die knapp hinter den Grünen mit 19 Prozent drittstärkste Kraft geworden sind. SPD-Spitzenmann Peer Steinbrück willigt erst ein mitzumachen, als ihm eine erhöhte Aufwandsentschädigung zugestanden wird.

Die Vizekanzler-Apanage ist gut investiertes Geld: Die Börsen und der Euro reagieren erleichtert auf so viel Kontinuität in Deutschland. Der Kurs der Gemeinschaftswährung springt zurück auf Los, nämlich auf 1,32 Dollar.

November

Der neueste Film von Star-Regisseur Woody Allen feiert am Broadway Premiere. Es ist ein Streifen über die Occupy-Bewegung. Scarlett Johansson spielt in dieser romantischen Komödie mit Tanzeinlagen eine attraktive Aktivistin, die sich in die Occupy-Ikone David Graeber ("Schulden – Die ersten 5000 Jahre") verliebt. Graeber selbst wird von Oscar-Preisträger Kevin Spacey gemimt.

Am Tag nach der Premiere brechen die letzten unermüdlichen Okkupanten ihre Zelte ab. Sein Plane im strömenden November-Regen zusammenrollend, sagt einer: "Es war unser Woodstock, okay, die Musik war nicht so gut." Zufall oder nicht: Zeitgleich mit der Premiere beginnt eine Rallye bei Bank-Aktien.

Dezember

Seit der Entdeckung Griechenlands durch US-Hedgefondsmanager ist der Athener Aktienindex um satte 290 Prozent gestiegen – weltweit ungeschlagen. Deutsche Kreditinstitute beginnen ihre 2010 dichtgemachten Griechenland-Fonds wiederzueröffnen. Ein Bridge-to-Bosporus-Butterfly-Kapitalgarantie-Zertifikat wird aufgelegt.

Der Optimismus für 2014 ist groß. Nur eines stört: Dass die USA wieder mal auf ein Fiskalkliff zusteuern. Die Staatsschulden der Supermacht liegen bei 18 Billionen Dollar, eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Schon Mitte Dezember steht fest: Das Börsenjahr 2014 wird nichts für Zartbesaitete.

Folgen Sie unserem Autor auf Twitter. Daniel Eckert ist Währungsexperte und twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan.

Quelle: dapd
05.12.12 1:54 min.
Der Dax steht noch ein paar Pünktchen unter dem Hoch, gute Vorlagen aus Asien stützen jedoch die gute Stimmung. Auch der Euro wirkt positiv, auch das ein Indiz auf eine zunehmende Risikobereitschaft.
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