26.11.12

Unternehmensanleihen

Deutsche Börsen rangeln um den Mittelstand

Mittelstandsanleihen sind Anlegers Liebling. Die Frankfurter Börse macht Stuttgart den Rang als wichtigster Emissionsplatz streitig. Aber erste Pleiten erschüttern das Vertrauen der Investoren.

Foto: Infografik Die Welt

Frankfurter Wertpapierbörse startet Aufholjagd
Frankfurter Wertpapierbörse startet Aufholjagd

Es gibt wenige Dinge, die derzeit bei deutschen Privatanlegern gefragt sind. Mittelstandsanleihen gehören zweifelsohne dazu. Zu Wochenbeginn vermeldete der Landwirtschaftskonzern Ekosem-Agrar einen regelrechten Ansturm der Sparer auf seine neuen Anleihen. Wegen des hohen Interesses habe man die Anleiheemission vorzeitig schließen müssen. Nach weniger als drei Stunden waren 60 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt. Nicht weniger als 40 Prozent des Emissionsvolumens, also rund 24 Millionen Euro, bekam Ekosem von privaten Sparern.

Ekosem ist bereits die 27. Mittelstands-Anleihe, die 2012 am Markt platziert wurde, so viele wie in keinem Jahr. Weitere Firmen stehen bereit. Das steht im Gegensatz zur Zahl der klassischen Börsengänge. Gerade einmal zehn Firmen brachten neue Aktien an den Markt.

Frankfurt verdrängt Platzhirsch Stuttgart

Kein Wunder, wenn die heimischen Handelsplätze das neue Boomsegment Mittelstandsanleihe entdeckt haben und um Firmen wie Anleger buhlen. Mit Zahlen und Statistiken proklamieren die Börsenbetreiber die Marktführerschaft für sich. In der vergangenen Woche vermeldete die Börse Frankfurt, den bisherigen Platzhirsch Stuttgart verdrängt zu haben. Man habe nunmehr 24 Unternehmen auf seiner Plattform Entry Standard gelistet und damit mehr als Stuttgart. Die Konkurrenz aus dem Süden wiederum sieht sich beim Emissionsvolumen weiter als klarer Marktführer.

Die Börse Stuttgart hatte im Mai 2010 mit Bondm das erste Segment für Mittelstandsanleihen in Deutschland eröffnet. Im November zog dann Düsseldorf nach. Erst neun Monate nach dem erfolgreichen Bondm-Start öffnete dann Frankfurt sein für Aktien ins Leben gerufene Mittelstandssegment Entry Standard auch für Anleihen.

Börse Düsseldorf hat nur 14 Prozent Nieten

Seit Gründung wurden in Stuttgart insgesamt 26 Schuldtitel im Volumen von knapp 1,8 Milliarden Euro emittiert. Frankfurt schafft es ebenfalls auf 26. Allerdings sind in Stuttgart bereits zwei Firmen wieder vom Bondm-Kurszettel verschwunden, während Frankfurt nur einen Anleiheverlust zu verkraften hat, so dass die Frankfurter bei der Zahl der gehandelten Mittelstandsbonds führen.

Aus Anlegersicht führt jedoch ein anderer Marktplatz. Zwar wurden in Düsseldorf erst 14 Anleihen platziert. Jedoch notieren davon lediglich zwei im Minus. Damit liegt die Quote der Nieten lediglich bei 14 Prozent.

Payom hat sich freiwillig zurückgezogen

Dem Vorreiter Stuttgart wurde zum Verhängnis, dass bei Bondm viele Unternehmen der alternativen Energien ihre Schuldscheine platzierten. Daher schneidet der Bondm-Index bis heute schlechter ab als der MiBox, der die Mittelstandsanleihen sämtlicher Börsensegmente umfasst. Inzwischen konnte mit Solarwatt ein Unternehmen seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Payom hat sich freiwillig zurückgezogen.

"Wir achten heute bei der Auswahl der Unternehmen noch mehr auf Heterogenität, um das Marktsegment krisenfester zu machen", sagt Christopher Schütz, zuständig für die Primärmarktaktivitäten in Stuttgart. Eine breitere Aufstellung über alle Branchen hinweg sei das Ziel.

Auffangbecken für kleinere Emissionen

Die Handelsplätze beäugen sich genau. "Gerade zwischen März und Juli konnten wir dem Tempo der Frankfurter nicht folgen", räumt Schütz ein. Jetzt sieht er sein Haus aber wieder im Gleichtakt. Wobei die reine Zahl der Emissionen nicht überschätzt werden dürfe. "Frankfurt ist auch ein Auffangbecken für kleinere Emissionen", sagt Schütz, da es dort, anders als in Stuttgart, kein Mindestvolumen gebe. In Stuttgart werden Anleihen erst ab einer Größe von 25 Millionen Euro auf der Mittelstands-Plattform Bondm aufgenommen.

Zudem lege sein Haus Wert darauf, dass auch Privatanleger die Anleihen zeichnen können, und zwar "in substanziellem Umfang", wie Schütz sagt. Frankfurt bestehe dagegen nicht auf einer solch weitgehenden Gleichbehandlung mit institutionellen Investoren. "Für die begleitenden Emissionsbanken macht es die Arbeit einfacher, wenn sie die Papiere an weniger, dafür größere Anleger verteilen können", so Schütz.

Kleinere Anleihen bislang gut gelaufen

Die Einwände aus Stuttgart kontert Alexander von Preysing von der Deutschen Börse kühl. "Wir gehen nicht davon aus, dass eine Börse besser weiß, wie groß eine Emission sein sollte als das Unternehmen selbst und die beratende Emissionsbank", sagt er. Zudem seien die kleinen Anleihen bislang alle gut gelaufen und würden rege gehandelt.

Und auch in einem hohen Privatanlegeranteil sieht er kein Qualitätskriterium. "Es kann sogar kontraproduktiv sein, mit aller Macht Privatanleger in eine Emission hineinholen zu wollen", so von Preysing. Institutionelle Anleger hätten vielfach bessere Möglichkeit, die Qualität eines Unternehmens einzuschätzen.

Handelsplattform Xetra wichtiger Vorteil

Als wichtigen Vorteil gegenüber Stuttgart sieht man in Frankfurt die Handelsplattform Xetra. Daran sei nicht nur jede Bank in Deutschland angeschlossen, sondern auch viele Investoren weltweit nutzten sie. "Durch Xetra können auch wir die regionale Nähe bieten, die Stuttgart oder Düsseldorf für sich reklamieren."

Aus Sicht der beratenden Banken müssen sich weder Unternehmen noch Anleger sorgen, an welcher Börse das Regelwerk besser ist. "Die Börsen sind mittlerweile gewissermaßen austauschbar", sagt Thomas Kaufmann, Emissionsexperte bei Close Brothers Seydler.

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