25.11.12

Aktiennetzwerke

Mit der Schwarmintelligenz zu enormen Renditen

Renditejäger setzen neuerdings auf das intelligente Kollektiv, auf Mitmach-Fonds und Social-Trading-Seiten. Ihre seherische Gabe sei dem Markt immer etwas voraus. Nun gibt es erste Resultate.

Von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Foto: INFOGRAFIK WELT AM SONNTAG

Diese Produkte setzen auf das intelligente Kollektiv
Diese Produkte setzen auf das intelligente Kollektiv

Die Geldmanager bringen's nicht mehr. Das zweite Jahr in Folge hecheln die Profis dem Markt hinterher. Einer aktuellen Statistik zufolge schaffte es in den USA lediglich jeder fünfte Fondslenker, eine bessere Rendite zu erzielen als der Vergleichsindex. Hierzulande sieht es ähnlich aus.

Das betrifft nicht nur die Lenker von Aktien- oder Rentenfonds, sondern auch die Manager der berüchtigten Hedgefonds, die vor wenigen Jahren noch als wahre Halbgötter der Geldanlage galten. Damit haben die Profis ihren Auftrag verfehlt, der da lautet: einen finanziellen Mehrwert für Anleger zu erwirtschaften.

Das Bild des einsamen Finanzgenies, das über seine Zahlenreihen gebeugt zu der Einsicht gelangt, welche Wertpapiere alles andere ausstechen werden, steht infrage. Doch schon naht Hoffnung aus einer unerwarteten Richtung: Der vermeintliche Kapitalmarkt-Einstein ist out, die Finanzindustrie entdeckt die Weisheit der vielen.

Die Theorie der Schwarmintelligenz soll helfen, endlich wieder bessere Anlage-Ergebnisse zu erzielen. Sogenannte Social-Trading-Seiten und Mitmach-Fonds sind angesagter denn je. Getreu der relativ jungen volkswirtschaftlichen Disziplin der "Behavioral Finance" (Verhaltensfinanz) setzen Anbieter darauf, dass das geballte Wissen einer Ansammlung von Akteuren die Richtung vorhersagt, in die sich der Markt entwickelt.

Frühzeitige Signale

Schwarmintelligenz soll Anlegern rechtzeitig Signale geben und es ihnen so ermöglichen, zu kaufen, bevor es am Markt nach oben geht, und zu verkaufen, wenn ein Crash bevorsteht. Im Idealfall hilft das kollektive Wissen sogar dabei, die besten Aktien aus dem Dickicht des Marktes herauszupicken. Die Börsen sind die ultimative Bewährungsprobe für die nicht nur unter Ökonomen populär gewordene Theorie.

In der Politikwissenschaft haben sich Methoden, die auf Schwarmintelligenz rekurrieren, schon bewährt: Genutzt wird die Weisheit der vielen zum Beispiel von Internet-Prognosebörsen. Seiten wie Intrade ist es in den vergangenen Jahren gelungen, Wahlergebnisse treffsicherer vorherzusagen als klassische Meinungsforschungsinstitute oder gelehrte Politik-Experten.

Die Zahlen der US-Vorhersageplattform ließen dieses Jahr zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass Barack Obama den Kampf ums Weiße Haus für sich entscheiden würde, selbst während Institute wie auch Auguren von einem "Kopf-an-Kopf-Rennen" fabulierten.

Die Idee in der jetzigen Form ist ein knappes Jahrzehnt alt, obschon sich Vorläufer dieses Denkens auf den altgriechischen Philosophen Aristoteles zurückführen lassen: Tausende Individuen kommen zu einer besseren Einschätzung einer Marktlage oder politischen Situation als einige Fachleute.

Das Fetischbeispiel der Anhänger der Schwarmintelligenz spielt ausgerechnet auf einem Viehmarkt: Der Denker Francis Galton ließ dort Anfang des vergangenen Jahrhunderts unabhängig voneinander Agrar-Experten und normale Messebesucher schätzen, wie viel ein Bulle wiegt. Galton ermittelte den Durchschnitt der Schätzungen und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Das Kollektiv erriet das tatsächliche Gewicht des Stiers ziemlich genau – die Abweichung lag bei lediglich einem Pfund –, während die Fachleute teilweise weit danebenlagen.

Keine Gleichschaltung

Entscheidend für das Funktionieren der Methode ist jedoch, dass die vielen unabhängig voneinander Entscheidungen treffen. Wenn die Akteure hingegen geistig gleichgeschaltet sind, wenn sie zum Beispiel von einem Meinungsführer oder von einer allgemeinen Stimmung manipuliert sind, verliert sich der Effekt.

An der Börse ist das der Fall, wenn die Anleger kollektiv von blinder Gier oder nackter Angst getrieben sind, wie es in einer Euphoriephase oder bei einem Crash geschieht: In diesem Fall verliert der Schwarm seine seherische Gabe. Die Intelligenz der vielen schlägt dann um in die Dummheit der Massen: Das Kollektiv verwandelt sich in eine Herde trampelnder Gnus oder panischer Lemminge, die alle in eine Richtung und damit ins Verderben rennen.

Davon wollen die Macher der Schwarm-Produkte nichts wissen. Für sie ist die Intelligenz der vielen der ultimative Rendite-Bringer. "Mit unserer Methode sagen wir die Marktentwicklung der nächsten Woche mit einer Trefferquote von 64 Prozent korrekt voraus", preist Dominik Spindler, Gründer und Geschäftsführer von MarketBaro, seine Website an. Bei MarketBaro kann sich jeder einloggen, eine eigene Prognose abgeben und dann von der Prognose des Schwarms profitieren.

In einer späteren Entwicklungsphase sollen auf Basis der Anlegerstimmung Investmentprodukte entstehen. Andere Anbieter sind schon weiter: Die Fondsgesellschaft Axxion hat Mitte 2010 den Multi Structure Fund Investtor Aktien Global gestartet. Die Halter des Fonds können selbst mit darüber bestimmen, welche Werte gekauft und welche verkauft werden. Allerdings lässt die Entwicklung des Portfolios zu wünschen übrig. Beim Investtor Aktien Global fliegt der Schwarm dem Markt – in Gestalt des Weltaktien-Index MSCI World – hinterher, und zwar um 18 Prozentpunkte seit Auflegung.

Anders will es der H&A Sharewise Community Fonds machen, der sich aktuell in der Zeichnungsphase befindet: Statt eines Managers treffen die besten Aktientipper der 150.000 Mitglieder umfassenden Sharewise-Community die Entscheidung.

Facebook für Aktienfreunde

Auch in die Sphäre der sozialen Netze strahlt die Schwarmintelligenz aus: Das Zauberwort dafür lautet "next generation finance", was auch dafür steht, dass sich der einzelne Anleger im Kollektiv wohler und intelligenter fühlt. Wenn Facebook dafür da ist, Erlebnisse, Fotos, Musik, Videos und Zeitungstexte auszutauschen, versammelt sich bei den Finanzen der nächsten Generation eine Community von Gleichgesinnten: Anleger finden sich dort zusammen, um Tipps und Meinungen über die Börse und Geldthemen im weiteren Sinne auszutauschen.

Wie die Schöpfer der Seiten betonen, ist Mitmachen kein Muss, auch Meinungs-Muffel sind willkommen, niemand muss sich wortreich über den Dax oder Dow Jones auslassen.

"Next generation finance" funktioniere im Prinzip wie ein großer Investment-Klub. Althergebrachte Anlageprodukte wie Aktienfonds oder Indexfonds erhalten durch die faszinierende Idee neuen Glanz. Das passt gut in den Zeitgeist, der den Banken-Profis so wenig traut wie selten zuvor in der Geschichte. Es wirkt dem Gefühl des Einzelnen entgegen, sich von den schwierigen Kapitalmärkten überfordert zu fühlen.

Auf Plattformen wie beispielsweise Sharewise,MoneyMeets, Ayondo oder Wikifolio machen Sparer ihr Depot öffentlich und diskutieren einzelne Aktien oder Marktbewegungen. Der Anlageerfolg ist für jeden in Echtzeit einsehbar: Rennlisten zeigen, wer von den Profis oder Nichtprofis richtig- und wer falschliegt. Sparer behalten so den Überblick, haben Spaß bei Austausch und Vergleich.

Und vielleicht entdecken sie auch jenes Fünftel der Vollzeit-Fondsmanager, die den Markt mit ihrer Genialität schwarmgleich überflügeln.

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Schwarmintelligenz im Netz
  • Moneymeets

    Im Internet hat sich eine reiche Kultur von Seiten herausgebildet, die der Geldanlage das Gravitätische nehmen soll und sie für das Zeitalter sozialer Netze öffnet. Es ist dies fast eine Gegenbewegung zu den Banken, die in den Augen vieler Sparer die eigenen Gewinne über die der Kunden stellen. Die Ansätze und Zielgruppen dieser Next-Generation-Finance (Finanzen der nächsten Generation) sind vielfältig: An den Normalo unter den Anlegern richtet sich Moneymeets. Abgesehen von den eigentlichen Anlagetipps finden Sparer hier auch Ratschläge, wie sie das jeweilige Produkt günstig erwerben können. Transparenz wird nach eigenem Bekunden groß geschrieben, Ausgabeaufschläge und Provisionen werden ausdrücklich ausgewiesen, und – falls sie anfallen – unter der Community aufgeteilt.

  • Twindepot

    Bei Twindepot legen Anleger ein Portfolio nach dem Vorbild eines Profi-Depots an. Ein Vermögensverwalter managt dieses Depot dann für den Anleger für eine festgelegte Gebühr.

  • Wikifolio

    Wikifolio ist eine Plattform, auf der Anleger ihre Portfolios offenlegen und für andere handelbar machen.

  • Sharewise

    Bei Sharewise tauschen Anleger Aktienempfehlungen aus. Darunter finden sich auch zahlreiche riskante Werte, zum Beispiel Minenaktien. Darüber hinaus gibt es eine Bestenliste der Depots.

  • Ayondo

    Härter zu geht es bei Ayondo: Auf der Seite tummeln sich hartgesottene Trader, die teilweise den ganzen Tag vor ihren Kisten hocken. Dabei spielen CFD (Contracts for difference) eine große Rolle, die für hochspekulative Geschäfte genutzt werden können.

  • Stockpulse

    Seiten wie Stockpulse versuchen die Stimmung auszuwerten, die bei sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Twitter vorherrschen und daraus Anlagehinweise abzuleiten versuchen.

  • MarketBaro

    Ähnlich funktioniert MarketBaro, wo Anleger aufgefordert werden, ihre Erwartung an die bevorstehende Marktentwicklung abzugeben. Zum Lohn gibt es eine Auswertung der Marktstimmung auf Basis der Schwarmintelligenz, die es Anlegern erlaubt, selber geschickter am Markt zu agieren.

  • Meniga

    Meniga wiederum ist eine Seite, die verspricht, Onlinebanking mit dem Lebensgefühl eines sozialen Netzwerks zu verbinden.

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