20.11.12

Banken

Das Märchen vom kostenlosen Konto

Nun setzt auch die Deutsche Bank den Rotstift bei den Girokonten an. Immer mehr Filialbanken nehmen "Gratis"-Angebote aus dem Programm. Und Online-Banken eignen sich nicht für jeden.

Foto: Infografik Die Welt

Kostenlose Konten bei Filialbanken werden seltener
Kostenlose Konten bei Filialbanken werden seltener

Eine nationale Institution wackelt. Die Deutsche Bank streicht ihr Gratis-Konto. Die kostenlose Bankverbindung bei dem Branchenprimus war längst zum Statussymbol geworden. Für Vermögende hatte dieses Konto, das nur selten zugestanden wurde, fast den gleichen Stellenwert wie die Gucci-Tasche aus Italien oder der Château Latour aus Frankreich.

Denn regulär hat es nie ein kostenloses Standard-Konto beim größtem Geldhaus der Nation gegeben. Das gab es nur als Gunsterweisung für besonders gute Kunden. Mit dem Verzicht auf ein generelles Nulltarif-Konto hatte die Deutsche Bank in der Branche ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie sich gelegentlich zu brüsten pflegte.

Alle Deutsche-Bank-Konten werden "harmonisiert"

Nun ist vorbei. Tausenden Kunden der Deutschen Bank flattert dieser Tage ein Schreiben ins Haus. Darin wird ihnen mitgeteilt, dass sie sich von ihrem Statussymbol verabschieden müssen: In den nächsten Monaten werden alle Konten des Instituts "harmonisiert", Vergünstigungen für einzelne gute Kunden werden abgeschafft.

Die offizielle Begründung der Deutschen Bank liest sich wie folgt: "Unsere Produkte und Konditionen sollen für alle unsere Kunden stets einfach, transparent und nachvollziehbar sein." Das bedeute, dass "einige Sonderkonditionen, die in der Vergangenheit in Einzelfällen gewährt wurden, künftig nicht mehr angeboten werden".

Die jeweiligen Konteninhaber seien bereits von ihrem Berater informiert worden, meist schriftlich, teils auch im persönlichen Gespräch. Betroffen von dieser kleinen Revolution bei der Deutschen sind nur Privatkunden, aber keine Firmenkunden.

Aus dem Institut ist zu hören, dass die Abschaffung der Sonderkonditionen mit der Einführung des neuen Computersystem Magellan einhergeht. Die Deutsche Bank stellt nach eigenem Bekunden bis Anfang nächsten Jahres 28 Millionen Konten auf die neue Software um – sie betrachtet das nach eigenem Bekunden als Investition in Qualität.

Üppig-Zinsen vom Markt verschwunden

Auch wenn das Gratis-Konto bei der Deutschen Bank, das nie Gratis-Konto heißen dürfte, eine Sonderstellung hatte: Insgesamt ist in Deutschland eine Tendenz festzustellen, dass zumindest Filialbanken mehr und mehr von Kostenlos-Modellen im Zahlungsverkehr abrücken. Es gebe einen Trend zurück zu Beratung und Sicherheit, heißt es bei etablierten.

Was die Banken als Trend zur Qualität bezeichnen hat allerdings auch schlicht mit dem Niedrigzinsumfeld zu tun. Bis zur Finanzkrise protzten angestammte Geldhäuser mit vier Prozent Rendite und mehr. Heute sind solche Üppig-Zinsen praktisch vom Markt verschwunden. Im Schnitt bieten die Institute zum Beispiel nur noch 1,1 Prozent für Tagesgeld, wie aus Daten der FMH Finanzberatung hervorgeht.

Neue Gebühren haben viele Verbraucher aufgebracht

"Als erste Filialbank war bereits im Sommer die Santander teils vom Gratis-Konto abgerückt, es folgten die HypoVereinsbank und eine Reihe kleinerer Sparkassen", sagt Annabel Oelmann, Finanzexpertin bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die Wiedereinführung von Gebühren für Leistungen der Bank, die oft jahrelang kostenfrei waren, habe viele Verbraucher aufgebracht, berichtet Oelmann.

Die Santander Bank selbst bestreitet, all ihre kostenlosen Girokonten auf kostenpflichtig umgestellt zu haben. Vielmehr habe sie "ausgewählten Kunden mit einem Giro4Free-Konto angeboten, unser Konto GiroStar ein Jahr kostenfrei zu nutzen und testen." Dieses Konto sei mit anderen Service-Elementen ausgestattet. Selbstverständlich könnten Kunden jederzeit innerhalb der zwölf Testmonate zurückwechseln. Das kostenlose Kontomodell habe weiter Bestand. Verbraucherschützer bemängeln jedoch, dass die Santander das Kontomodell automatisch umgestellt habe.

Online-Banken starten Gegenoffensive

Während Filialbanken von Kostenlos-Modellen abrücken, haben Online-Banken eine Gegenoffensive gestartet, um unzufriedene Kunden der etablierten abzufischen. Die Internet-Institute zahlen derzeit bis zu 100 Euro Prämie für jeden Neukunden – kostenloses Girokonto obendrauf.

"Kostenlose Girokonten haben bei Filialbanken vor allem dazu gedient, das einträgliche Wertpapiergeschäft anzukurbeln", sagt Oelmann. Bei Online-Banken verhalte es sich etwas anders. Sie können, ebenso wie die Filialbanken, mit dem Geld von den Giro-Konten der Kunden arbeiten. Doch wegen der schlankeren Kostenstrukturen der Onlinebanken reichen die Zinsgewinne meist schon aus, um profitabel zu sein. Zusätzliche Einnahmen bringen happige Dispozinsen und Provisionen beim Verkauf von Fonds.

Doch Kontoführung zum Nulltarif sollte ohnehin nicht das einzige Entscheidungskriterium für die Wahl eines Geldhauses sein, sagt auch Sigrid Herbst von der FMH Finanzberatung. "Aber warum sollte ich für die Kontonutzung Geld bezahlen, wenn ich dafür keine persönliche Dienstleistung von Seiten der Bank benötige." Herbst rät Verbrauchern, sich zu informieren, mit welchem Leistungen sie bei einem "Gratis-Konto" bezahlen.In Deutschland gibt es nach Informationen des Bankenverbands 94,5 Millionen Girokonten. Davon sind heute 45,1 Millionen online geführt – über 50 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Quelle: Mitarbeit: Karsten Seibel
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