20.11.12

Ratingagentur

Bertelsmann stellt neues Modell für Länderrating vor

Eine internationale Ratingagentur soll nach Plänen der Bertelsmann Stiftung den mächtigen Drei der Branche Konkurrenz machen. Experten haben ein Modell mit anderen Indikatoren entwickelt.

Von Holger Zschäpitz
Foto: Infografik Die Welt

Die Bertelsmann-Bewertung im Vergleich zu den anderen Ratingagenturen
Die Bertelsmann-Bewertung im Vergleich zu den anderen Ratingagenturen

Ein besseres Timing hätte sich die Bertelsmann-Stiftung nicht wünschen können. Mit der überraschenden Aberkennung des Spitzenratings für Frankreich durch die Ratingagentur Moody's ist die Kritik an den etablierten Bonitätsprüfern wieder aufgeflammt.

Frankreich hatte erst in der vergangenen Woche ein Reformpaket verabschiedet und wurde nun für mangelnde Reformfähigkeit abgestraft. Just am Tag des "AAA"-Verlustes legte die Bertelsmann-Stiftung eigene Ratings vor.

Doch die Politik dürfte von der neuen Konkurrenz enttäuscht sein. Denn Frankreich bekommt gleich gar kein Spitzenrating, sondern nur ganz knapp die zweitbeste Note. Die Benotung der Kreditwürdigkeit der Bundesrepublik fällt in der Studie am Ende ähnlich aus wie auch bei den großen Drei. Der Wert 8,1 – auf einer Skala von 1 bis 10 – entspricht formuliert in den Buchstabencodes der Ratingriesen der Topbonität "AAA" mit einem negativen Ausblick.

Ohne durchgreifende fiskalische Reformen wäre die Spitzennote angesichts des hohen Schuldenstandes dauerhaft nicht zu halten. Auch die eingegangenen Verpflichtungen für notleidende Euro-Staaten stellten eine Gefahr dar.

Nur geringe Unterschiede

Im Grunde genommen lesen sich die Länderanalysen, die die Bertelsmann-Stiftung vorstellte, nicht viel anders als die der etablierten Konkurrenten S&P, Moody's oder Fitch. Auch die Platzhirsche hatten mit ähnlichen Argumenten Deutschland mit der Aberkennung der Spitzennote gedroht.

Allein Italien kommt besser weg. Das Land bekommt Pluspunkte für seine Sparanstrengungen und eine Bonitätsnote von umgerechnet "A+", während die etablierten Agenturen Italien mehrheitlich im B-Bereich verortet haben.

Für ihre Länderanalyse haben die Experten ein Modell mit verschiedenen Indikatoren erarbeitet. Berücksichtigt werden dabei klassische makroökonomische Faktoren wie Bruttoinlandsprodukt und Schuldenstand.

Zusätzliche Indikatoren

Aber auch vorausschauende Indikatoren wie das Krisenmanagement, Umsetzung von Reformen und Investitionen spielten eine wichtige Rolle, sagte die zuständige Managerin bei der Bertelsmann Stiftung, Annette Heuser.

Viele Politiker dürften sich von der möglichen neuen Konkurrenz mehr Wohlwollen erwartet haben. Doch dies lieferten die Wettbewerbsratings nicht wirklich. Beobachtern zufolge könnten die Pläne, ein nichtgewinnorientiertes Ratinginstitut zu gründen, das von der öffentlichen Hand mitfinanziert wird, nun weit weniger Anhänger in der Politik finden.

Denn die Bertelsmann-Stiftung will keine eigene Ratingagentur gründen, sondern stellte lediglich Ansätze für das neue Institut vor. "Das Institut soll die Vormachtstellung der drei großen amerikanischen Ratingagenturen bei Länderbewertungen durchbrechen", sagte Heuse.

Der kleine Kreis der AAA-Länder

Der Klub der "AAA"-Länder wird immer kleiner. Stuft die Ratingagentur Moody's wie angedroht die Bonitätsnote für die Euro-Länder Deutschland, Luxemburg und die Niederlande tatsächlich herab, werden nur noch neun Staaten von allen drei großen Bonitätswächtern S&P, Fitch und Moody's mit dem begehrten "AAA" benotet. Das sind Australien, Dänemark, Finnland als einziges Euro-Mitglied, Großbritannien, Kanada, Norwegen, Schweden, die Schweiz und Singapur. Es folgt ein Überblick über deren Schuldenstand:

 

AUSTRALIEN

Der Rohstoffboom spricht für eine glänzende Zukunft von "Down Under". Von Reuters befragte Ökonomen trauen dem fünften Kontinent in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent zu, das 2013 mit 3,2 Prozent ähnlich hoch ausfallen soll. Australien hat auch vorbildliche Staatsfinanzen. Der Schuldenberg entspricht nur rund 27 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

DÄNEMARK

Der kleine Nachbar Deutschlands hat seine Finanzen besser im Griff als die meisten anderen EU-Länder. Mit 46,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt die Staatsverschuldung unter der im Maastrichter EU-Vertrag festgelegten 60-Prozent-Marke. Die EU-Kommission erwartet in Dänemark sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von mehr als einem Prozent, vor allem wegen der robusten Binnennachfrage.

FINNLAND

Die Nord-Europäer könnten als einziges Euro-Land ihren "AAA" behalten. Moody's senkte den Ausblick nicht auf "negativ". Die Agentur begründete das unter anderem mit dem kleinen und auf den Heimatmarkt fokussierten finnischen Bankensystem, von dem nur geringe Risiken ausgingen. Auch die Staatsverschuldung ist gering. Sie liegt bei 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.

GROSSBRITANNIEN

Von allen "AAA"-Staaten steht Großbritannien mit am schlechtesten da. Das Haushaltsdefizit wird nach einer Prognose der EU-Kommission sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr bei mehr als sechs Prozent liegen. Erlaubt ist nach den EU-Regeln eine Neuverschuldung von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Der Schuldenstand dürfte demnach bis 2013 auf 94,6 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Auch die Konjunktur schwächelt: In diesem Jahr dürfte es nur zu einem Mini-Wachstum von 0,5 Prozent reichen.

KANADA

Wie Australien profitiert auch Kanada von seinem Rohstoffreichtum. Jeweils mehr als zwei Prozent Wachstum werden in diesem und im kommenden Jahr erwartet. Auch die Staatsfinanzen sehen vergleichsweise gut aus. Ab 2015/16 will das Land ohne neue Schulden auskommen. Der Schuldenstand soll bis dahin auf etwa 73 Prozent der Wirtschaftsleistung sinken.

NORWEGEN

Das Land wächst dank seiner riesigen Ölvorräte nicht nur kräftig, sondern erwirtschaftet auch enorme Haushaltsüberschüsse. Das Plus soll in diesem Jahr nach OECD-Prognose 15,1 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, 2013 sogar 16,3 Prozent. Der Schuldenstand dürfte dann unter 50 Prozent fallen.

SCHWEDEN

Der EU-Nachbar Norwegens wird laut Prognose der OECD spätestens im kommenden Jahr einen leichten Haushaltsüberschuss ausweisen. Deshalb kann der Schuldenberg abgebaut werden. Er beträgt derzeit 38,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und soll bis 2013 auf 34,2 Prozent sinken.

SCHWEIZ

Auch die Schweiz glänzt mit gesunden Staatsfinanzen: Sie wird in diesem und im kommenden Jahr jeweils einen Überschuss von 0,6 Prozent der Wirtschaftsleistung erzielen, erwartet die OECD. Dadurch können Schulden abgebaut werden. Der Schuldenstand soll bis 2013 auf etwa 40 Prozent zurückgehen. Dabei wächst die Wirtschaft nicht einmal besonders stark.

SINGAPUR

Der Stadtstaat wächst nach einer Prognose der Asiatischen Entwicklungsbank in diesem Jahr um knapp drei und 2013 um 4,5 Prozent. Trotzdem häuft die Finanz- und Handelsmetropole neue Schulden an: Das Defizit wird in diesem und in den kommenden Jahren bei mehr als drei Prozent veranschlagt. Dennoch soll der Schuldenberg dank des kräftigen Wachstums auf etwa 90 Prozent der Wirtschaftsleistung schrumpfen.

 

Quelle: Reuters

Quelle: mit dpa
Quelle: dapd
20.11.2012 1:05 min.
Die US-Ratingagentur Moody's hat aufgrund der schwächelnden Wirtschaft Frankreich die Spitzennote entzogen. Die Kreditwürdigkeit des Landes wurde von Aaa um eine Stufe auf Aa1 gesenkt.
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