13.11.12

Versicherungen

Geldgeber lassen Staatsanleihen künftig links liegen

Die Allianz verkleinert das Anleihenportfolio. Anlagen außerhalb der Börse sollen nun mehr Rendite bringen. Der Branchenprimus setzt deshalb auf Immobilien und Infrastrukturprojekte.

Foto: Infografik Die Welt

Noch füllen vor allem Staatsanleihen das Allianz-Depot. Der Anteil soll aber in den nächsten Jahren zunehmend reduziert werden
Noch füllen vor allem Staatsanleihen das Allianz-Depot. Der Anteil soll aber in den nächsten Jahren zunehmend reduziert werden

Noch muss sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) keine Sorgen machen, wie er den riesigen Schuldenberg des Landes finanziert. Im Gegenteil: Für deutsche Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit muss Schäuble derzeit nicht einmal einen Zins bieten, damit ihm Investoren die notwendigen Summe leihen. Zu groß ist die Sehnsucht vieler Anleger nach Sicherheit - Hauptsache, das Geld ist in ein, zwei Jahren noch da.

Doch der üppige Geldfluss, auf den sich Politik und Bürger verlassen, droht auch in Deutschland abzuebben. Denn ausgerechnet jene Gruppe, die als zuverlässiger Darlehensgeber über Jahrzehnte bereitstand, wendet sich ab: die Versicherer.

Vielen bleibt kaum anderes übrig. Schließlich haben sie den Besitzern der mehr als 90 Millionen Lebensversicherungen im Land hohe Renditen versprochen. Viele Sparer pochen auf einen Garantiezins in Höhe von 4,0 Prozent. Mit soliden Staatsanleihen ist dieser längst nicht mehr zu erwirtschaften.

Eine halbe Billion Euro im Depot

"Wir werden den Anteil an europäischen Staatsanleihen in den nächsten Jahren reduzieren", sagte Maximilian Zimmerer. Sein Wort hat Gewicht. Er ist bei Deutschlands größtem Versicherer Allianz für die Kapitalanlagestrategie und damit für ein Portfolio von fast einer halben Billion Euro verantwortlich.

Wenn es schon Staatsanleihen sein sollen, dann bevorzugt Zimmerer eher Papiere von Ländern außerhalb der Eurozone, am liebsten von schnell wachsenden Schwellenländern.

Erklärtes Ziel ist aber, dass die Allianz angesichts der Niedrigzinsen insgesamt unabhängiger von Anleihen wird. "Um höhere Renditen zu erzielen, müssen wir unsere Anlagebasis verbreitern", so Zimmerer.

Alternative Anlageformen sind gefragt

Weg von der Börse, hin zu alternativen Anlageformen. Darunter versteht die Allianz Immobilien, Private-Equity-Fonds, aber auch direkte Kredite für Unternehmen und für Infrastrukturprojekte, beispielsweise für den Ausbau von Gasnetzen und Stromleitungen. "Ich würde mich freuen, wenn wir den Anteil alternativer Anlageformen in den nächsten fünf Jahren auf 16 Prozent verdoppeln könnten", sagte Zimmerer.

In absoluten Zahlen ausgedrückt: Statt heute rund 40 Milliarden Euro sollen in fünf Jahren bereits 80 bis 100 Milliarden Euro des Allianz-Vermögens abseits der Kapitalmärkte investiert werden.

Allein in Immobilien will das Unternehmen bis Ende 2017 zehn Milliarden Euro mehr stecken, statt 20 Milliarden Euro wären dort dann 30 Milliarden Euro angelegt. Wobei in dieser Zahl auch der Wert der Bestandsimmobilien des Versicherungskonzerns eingerechnet sind. Ohne die selbst genutzten Objekte haben die Immobilienanlangen bislang einen Wert von knapp neun Milliarden Euro (siehe Grafik).

Manövriermasse mit sinkender Bedeutung

Die Aufteilung des aktuellen Portfolios macht deutlich, wie stark Staaten von Versicherungen abhängig sind. Allein die Allianz hat mittels Schuldtiteln Staaten wie Deutschland fast 170 Milliarden Euro geliehen.

Das Neue: Dieser Anteil von knapp 40 Prozent am Anleihenportfolio, was wiederum mehr als 90 Prozent am Gesamtportfolio sind, wird mittlerweile nicht mehr als stabile Größe gesehen, sondern vielmehr als Manövriermasse mit sinkender Bedeutung.

"Wir haben keine klare Anleihenstrategie, an der wir die nächsten Jahre festhalten werden", sagte Zimmerer. Je nach Marktentwicklung werde man unter Umständen sehr schnell reagieren. Nach einem verlässlichen Partner für die Staaten und ihre Schuldenpolitik klingt dies nicht.

Versicherer als Käufer von Infrastruktur

Das künftige Verhältnis der Staaten zu Versicherern stellt sich die Allianz denn auch anders vor. Bisher lautete die Rollenverteilung: Der Staat ist der Schuldner, der Versicherer sein Gläubiger. Künftig soll die öffentliche Hand eher als Verkäufer und die Versicherer als Käufer auftreten, als Käufer von Infrastruktur.

Abgesehen hat es die Assekuranz dabei auf Strom- und Gasleitungen, Projekte rund um erneuerbare Energien oder so Beispiele wie eine Lizenz für den Betrieb von Parkuhren, wie sie die Allianz in der US-Stadt Chicago bereits für 36.000 Parkplätze hat.

"Am Geld mangelt es nicht, doch bislang gibt es noch zu wenige Infrastrukturinvestments", so Konzernvorstand Zimmerer. Er könne sich durchaus vorstellen, dass der Anteil alternativer Anlagen bei der Allianz in den kommenden fünf Jahren nicht nur auf 16, sondern auf 20 Prozent steigt.

Doch dies sei mangels passender Angebote am Markt kaum zu schaffen. Wobei er ausgerechnet das Schuldenthema als möglichen Treiber sieht. "Ich hoffe, dass infolge der Staatsschuldenkrise mehr privatisiert wird und sich so Anlagemöglichkeiten ergeben", sagte er. Statt Staaten Geld zum Unterhalt und Ausbau von Straßen und Netzen mittels Anleihen zu leihen, wollen Versicherer künftig lieber direkt in solche Projekte investieren.

Assekuranz ist bereit, höhere Risiken einzugehen

Dafür ist die Branche bereit, höhere Risiken einzugehen. Als Beispiel nannte Zimmerer die Vergabe von Krediten für Infrastrukturvorhaben. Damit ließe sich zwar eine um zwei bis vier Prozentpunkte höhere Rendite als mit Bundesanleihen erzielen, auf der anderen Seite müsse man sich dafür allerdings auch bereits in der noch von vielen Unwägbarkeiten bestimmten Projektphase engagieren.

Eine genaue Prüfung sei daher unerlässlich, Kreditmannschaften mit entsprechenden Spezialisten würden gerade aufgebaut. Gerade für die Finanzierung der Energiewende in Deutschland will man bei der Allianz gerüstet sein. Das bringe schließlich gut planbare Mittelzuflüsse in einem streng regulierten Rahmen über einen langen Anlagezeitraum, so der Konzernvorstand.

Doch es sind nicht nur die höheren Ausfallrisiken, die der Branche auf der Suche nach höheren Renditen Sorgen bereitet. Der Regulator verlangt zudem, dass einige der nun so begehrten alternativen Anlageformen auch mit mehr Eigenkapital abgesichert werden. So sehen die noch nicht gültigen Solvency-II-Vorschriften vor, dass Immobilien mit 25 Prozent Eigenkapital unterlegt werden, bei Staatsanleihen für EU-Mitgliedsstaaten ist unverändert kein Einsatz des kostbaren Kapitals notwendig. "Das kann mit Blick auf Immobilien eine Bremse sein, für uns ist es aktuell keine", sagte Zimmerer. Die Allianz halte ausreichend Kapital vor.

So zeichnet sich ab, dass die Abkehr von wenig rentierlichen Staatsanleihen unterschiedlich ausfallen wird. Versicherer, die es sich leisten können, werden sich schneller nach renditestärkeren Anlagen umschauen als Branchenvertreter mit geringerer Wirtschaftskraft. Für sie bleiben Staatsanleihen zwangsläufig eine bevorzugte Anlageklasse. Den Finanzministern gingen die Geldgeber deshalb nicht ganz aus.

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