12.11.12

Gleichberechtigung

Neue Unisex-Versicherungstarife verunsichern Verbraucher

Im Dezember ändern sich die Tarife für Renten- oder Kfz-Versicherungen. Für Männer und Frauen gelten in Zukunft gleiche Beitragssätze.

Von Janine Paskamp
Foto: dapd

Neuverträge ab dem 21. Dezember 2012 berechnen für Frauen und Männer gleich hohe Beiträge
Neuverträge ab dem 21. Dezember 2012 berechnen für Frauen und Männer gleich hohe Beiträge

Ziel war, ein Urteil wider die Ungerechtigkeit zu fällen. Der Europäische Gerichtshof hat im März 2011 entschieden, dass vom 21. Dezember 2012 an keine neuen Versicherungstarife mehr angeboten werden dürfen, die nach dem Geschlecht unterscheiden. Spätestens bis zu diesem Datum müssen die Versicherungskonzerne auf sogenannte "Unisex-Tarife" umstellen.

Viele Verbraucher sind jedoch durch diese Neuregelung verunsichert. Das hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa ergeben. Von über 1000 Befragten waren mehr als der Hälfte die "Unisex-Tarife" gänzlich unbekannt. 48 Prozent gaben an, zumindest von dem Urteil gehört zu haben. Lediglich 41 Prozent der Befragten waren der Auffassung, selbst von dem Urteil betroffen zu sein.

Neuregelung gilt für Verträge ab Ende Dezember

Die Änderung betrifft alle Versicherungen, in denen das Geschlecht als Merkmal zur Risikodifferenzierung herangezogen wird. Dies sind unter anderem private Rentenversicherungen, Risikolebensversicherungen, Berufsunfähigkeitsversicherungen, Kfz-Haftpflichtversicherungen, Unfallversicherungen sowie die private Krankenversicherung.

Die Höhe der Beitragszahlungen wird in Zukunft geschlechtsneutral berechnet. "Unisex-Tarife" gelten jedoch nur für Neukunden, die ab dem 21. Dezember 2012 einen Vertrag abschließen. Für bereits bestehende Verträge gilt weiterhin die bisherige Beitragshöhe. Wer seinen Vertrag anpassen möchte, indem er etwa die Höhe der Lebensversicherung aufstockt, sollte achtsam sein: Unter Umständen werden Anpassungen als Neuvertrag gewertet.

Gleichberechtigung oder Gleichmacherei

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sieht in dem europäischen Unisex-Entscheid keine Verbesserung für die Versicherten. GDV-Sprecher Hasso Suliak sagte gegenüber Morgenpost Online: "Sowohl Männer als auch Frauen werden benachteiligt, je nach Produkt."

Bisher haben Versicherungsunternehmen Männer und Frauen unterschiedlich – gemäß ihrem Risiko – bewertet. Diese Praxis hat zu teils eklatanten Preisunterschieden zwischen männlichen und weiblichen Versicherten geführt. Laut GDV ist das bisherige Vorgehen jedoch kostengünstiger für die Verbraucher, da Versicherte bis dato von einem insgesamt günstigeren Prämienniveau profitiert hätten.

"Die Versicherer wissen noch nicht genau, wie sich das Geschlechterverhältnis in Zukunft zusammensetzen wird. Deshalb werden Sicherheitspuffer eingebaut, und das Preisniveau wird insgesamt ansteigen", erklärte Suliak.

Der Hintergrund für diesen Sicherheitszuschlag: Derzeit zahlen Frauen für eine Lebensversicherung deutlich geringere Beiträge. Der Grund dafür ist ihre höhere Lebenserwartung. Das Risiko, dass die Kundin früh stirbt und der Versicherer zahlen muss, liegt niedriger als bei männlichen Kunden. Die Folge: Frauen müssen geringere Prämien zahlen.

Bei der Rentenversicherung verhält es sich genau umgekehrt. Hier haben Männer bei der Kostenfrage Vorteile – noch. Eine statistisch niedrigere Lebenserwartung senkt die Gefahr für die Gesellschaft, die vereinbarten Summen auszahlen zu müssen. Rentenpolicen für Männer waren deshalb günstiger.

Die Risiko-Unterscheidung zwischen den Geschlechtern fällt nun weg, obwohl sich die Verhältnisse nicht geändert haben. Männer leben auch künftig statistisch betrachtet kürzer als Frauen. Über den gesamten Zeitraum betrachtet erhielten Männer und Frauen bei geschlechtsspezifisch kalkulierten Tarifen also eine gleich hohe Rentenleistung, erläutert der GDV.

Kosten steigen mal für Männer, mal für Frauen

Eine Studie der unabhängigen Beratungsgesellschaft Oxera prognostiziert, dass sich die Prämien mal für Frauen, mal für Männer erhöhen. Die private Rentenversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherungen sowie Pflegeversicherungen werden für Männer teurer. Allein bei der privaten Rentenversicherung steigen die Beiträge laut Studie um circa fünf Prozent. Frauen werden hingegen bei Kfz-Versicherung (gerechnet wird mit einem Plus von etwa elf Prozent) und Unfallversicherung verstärkt zur Kasse gebeten. Auch die Kosten für Risikolebensversicherungen werden für das weibliche Geschlecht um mindestens 30 Prozent ansteigen.

Während die Versicherungsbranche dazu rät, sich den geschlechtsspezifischen Bonus noch vor der Umstellung am 21. Dezember 2012 zu sichern, warnen Verbraucherschützer und Versicherungsberater vor übereilten Abschlüssen. Susanne Meunier von der Stiftung Warentest sagt: "Eine private Krankenversicherung zum Beispiel schließt man nicht im Vorbeigehen ab. Es ist eine nachhaltige Entscheidung, die hinterher oft bedauert wird. Männer sollten hier nicht in unnötige Hektik geraten."

Als Frau hingegen noch eine Risikolebensversicherung abzuschließen, sei durchaus eine Überlegung wert. Männern rät die Expertin jedoch davon ab, bis nach dem 21. Dezember zu warten: "Es besteht immer Handlungsbedarf, eine solche Police abzuschließen." Bereits bestehende Verträge sollten Verbraucher genaustens überprüfen, bevor sie sich zu einem Neuvertrag entschließen. Meistens sei es besser, im bestehenden Modell zu bleiben.

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