10.11.12

Flucht in Aktien

Währungskrise – Im Iran boomt nur noch die Börse

Der Währungsverfall im Iran hat dramatische Folgen. Der Import von vermeintlichen Luxusgütern wie Klopapier wird verboten, Banknoten werden knapp, Bürger horten Lebensmittel. Oder kaufen Aktien.

Von Andre Tauber
Foto: pa/landov

Iranische Aktionäre prüfen die Kurse an der Teheraner Börse. Der Börsenindex Tepix erreichte vergangene Woche einen Rekordwert
Iranische Aktionäre prüfen die Kurse an der Teheraner Börse. Der Börsenindex Tepix erreichte vergangene Woche einen Rekordwert

Ganz vernarrt sind die Iraner in den Fußball, nur mangelt es an Weltklassespielern. Die Nationalmannschaft liegt in der aktuellen Weltrangsliste der Fifa lediglich auf Platz 44 – und damit noch hinter viel kleineren Ländern wie Montenegro oder Sambia. Deshalb werden ausländische Profis ins Land geholt – eine Praxis, die bald enden könnte.

Denn die Kicker aus dem Ausland lassen sich mit harten Dollars bezahlen – und die werden knapp im Iran. Der Top-Klub Esteghlal Teheran verlor bereits Ende Oktober Fábio Januário, weil er dem brasilianischen Spielmacher kein Gehalt mehr überweisen konnte. Januário klagt nun vor einem Fifa-Gericht gegen seinen alten Verein – und entschuldigte sich dafür auch gleich über Facebook bei seinen alten Fans.

Währung im freien Fall

Eine Episode aus einem Land, das von Sanktionen geplagt wird und dessen Währung sich gerade deswegen im freien Fall befindet. Seit Anfang 2012 hat der iranische Rial rund zwei Drittel seines Werts gegenüber dem Dollar verloren.

Damit einher geht ein Verfall auch des Binnenwertes der Währung. Offiziell liegt die Inflation bei 25 Prozent – im Jahr. Inoffiziell dagegen, nach Berechnungen des amerikanischen Ökonomen Steve Hanke, betrug sie im September rund 70 Prozent – im Monat.

Die desolate Lage des Landes ist auch und vor allem eine Folge der Sanktionspolitik der internationalen Staatengemeinschaft. Europa und die USA scheinen angesichts israelischer Drohungen, das Land notfalls anzugreifen, entschlossener denn je zu sein, Iran zum Einlenken im Atomstreit zu zwingen. Mitte Oktober dehnten sie ein Embargo, das sich gegen die Ölbranche des Landes richtete, auf die Gasindustrie aus. Dass noch weitere Sanktionen folgen, ist nicht ausgeschlossen.

Ökologisch geschwächt

Die Boykottmaßnahmen treffen ein ökonomisch ohnehin geschwächtes Land. Irans Wirtschaft gilt als ineffizient, die Bürokratie als schwerfällig. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert in seinem jüngsten Ausblick für die Weltkonjunktur, dass die iranische Wirtschaft in diesem Jahr in die erste Rezession seit 20 Jahren rutscht.

Durch die Öl- und Gasimporte sicherte sich das Land in der Vergangenheit die notwendigen Devisen, die es brauchte, um im Ausland notwendige Industriegüter einzukaufen. Das ist jetzt kaum mehr möglich. Allein als Folge des Erdölembargos hat der Iran 25 bis 40 Prozent seiner Haupteinnahmen verloren.

Die iranische Regierung kommt daher auch im eigenen Land immer mehr in die Kritik. Iranische Volkswirte werfen der Regierung vor, die Wahrheit über die Inflation zu verschleiern.

Die Nachrichtenseite Khabar Online etwa, die bereits in der Vergangenheit die Wirtschaftspolitik unter Mahmud Ahmadinedschad kritisierte, veröffentlichte jüngst ein Interview, in dem der Ökonom Ali Pakzad der Zentralbank vorwarf, die Öffentlichkeit mit Fehlinformationen zu täuschen.

Druck auf die Führung

Der Druck auf die Führung des Landes steigt. Das iranische Parlament bestellte Präsident Ahmadinedschad ein, um von ihm zu erfahren, was genau er gegen den Verfall der Währung zu tun gedenkt. 77 Abgeordnete unterzeichneten zudem einen kritischen Text, in dem sie ihm wegen seiner zögerlichen Reaktion auf den Währungsverfall anprangerten.

Für den Präsidenten geht es hier um viel. Im Juni kommenden Jahres finden in dem Land Wahlen statt. Und derzeit sieht es nicht so aus, als würde sein Lager als Sieger hervorgehen.

Der Ärger ist auch auf der Seite vieler iranischer Familien groß. Sie können es sich kaum noch leisten, Kindern ein Studium im Ausland zu finanzieren. Importe auch von Medikamenten aus dem Ausland seien unerträglich teuer geworden, wird von vielen Seiten kritisiert. Und auch die zahlreichen afghanischen Gastarbeiter in dem Land beklagen sich, dass das Geld, das sie nach Hause schicken, kaum mehr etwas wert sei.

Iraner investieren in Aktien

Ökonom Hanke warnt bereits vor Szenarien, wie sie sich einst in Simbabwe abgespielt haben. Hier versuchten panische Familien, ihre Ersparnisse in Dollar und anderen ausländischen Währungen anzulegen, was den Verfall der eigenen Währung nur zusätzlich anheizte.

Doch die Iraner flüchten sich nicht nur in ausländische Währungen. Sie investieren ihr Geld etwa auch in Aktien. Der Teheraner Tepix-Index ist in den vergangenen Tagen über die Marke von 31.000 Punkten geklettert und hat den höchsten Stand seit der Erstnotiz vor 45 Jahren erreicht.

Im Iran besteht kaum eine Gefahr, dass die Bevölkerung Hunger leiden müsste – die Lebensmittel werden hier stark subventioniert. Trotzdem berichteten Händler zuletzt, iranische Familien würden zunehmend auf Fleisch verzichten und sich stattdessen von günstigeren Backwaren und Gemüse ernähren. Zudem sollen sie Nahrungsmittel horten, um sich so gegen den Währungsverfall abzusichern – ein Verhalten, das am Ende die Inflation noch weiter antreibt.

Devisenhandel unter staatlicher Kontrolle

Zuletzt hat Ahmadinedschad reagiert, indem er den Devisenhandel immer mehr unter staatliche Kontrolle brachte. Schon im September errichtete der Iran eine staatliche Wechselkursbehörde, die zunächst Importeure mit dringend benötigten Dollar versorgen sollte. Nur wer dringend benötigte Waren einkauft, sollte hierfür Devisen erhalten. Die Frage ist, wie lange die Devisenreserven der Regierung hierfür ausreichen werden.

Offenbar nicht mehr lange. Denn inzwischen greift das Regime zu Maßnahmen, die von Verzweiflung zeugen. So verhängte Ahmadinedschad, um Devisen zu sparen, ein Importverbot für Luxusgüter, die nicht zwingend in dem Land benötigt werden.

Autos, Laptops, Uhren, Mobiltelefone, Kaffee und sogar Toilettenpapier sollen auf der Liste stehen, berichtet die staatliche Zeitung "Iran". Dem Leiter der Behörde für Wirtschaftsförderung, Hamid Resa Safdel, zufolge ist das Verbot bereis am Mittwoch in Kraft getreten.

Folgen für deutsche Unternehmen

Auch deutsche Unternehmen kommen nicht ungeschoren davon. Viele Firmen haben zwar schon in den vergangenen Jahren einen Bogen um den Abschluss von Neugeschäften mit dem Iran gemacht. Die Sanktionspolitik führt aber nun auch dazu, dass bereits bestehende Geschäftsbeziehungen abgebrochen werden müssen.

Die Verschärfung der Sanktionen gegen den Iran schlug etwa Siemens in seinem Schlussquartal ins Kontor. Knapp 330 Millionen Euro an Lasten musste das Unternehmen für seine ohnehin auslaufenden Aktivitäten am Persischen Golf abschreiben. Zusätzlich musste Vorstandschef Peter Löscher Aufträge im Volumen von 700 Millionen Euro aus seinem Orderbuch streichen.

Banknoten fehlen

Irans Wirtschaft selbst droht noch ein weiteres Problem: Es fehlt an Banknoten. Unternehmen wie der deutsche Druckmaschinenhersteller König & Bauer (KBA) stehen unter Druck, keine Maschinen zu liefern, die Iran für den Banknotendruck benötigt. Die Interessenvereinigung "United Against Nuclear Iran" (UANI) hatte Anfang Oktober bereits eindringlich KBA gewarnt, mit Iran Geschäfte zu machen.

"Teherans einzige Möglichkeit, der Abwertung des Rials zu begegnen, ist es, neues Geld zu drucken", argumentiert die Vereinigung in ihrem Schreiben. Die Iran-Kritiker verwiesen auch auf Sanktionen der Europäischen Union vom März, die die Lieferung von Banknoten und Münzen an den Iran verbieten.

Doch zwingt es den Iran wirtschaftlich wirklich in die Knie, wenn die Verfügbarkeit von Banknoten begrenzt wird? Die Frage ist umstritten. Ein solcher Schritt könnte am Ende dem Iran dabei helfen, sein Inflationsproblem zu lösen, argumentiert Volkswirt Hanke. Die Inflation würde auf natürlichem Wege wieder begrenzt werden.

Ahmadinedschad sieht sich als Opfer

Die UANI hat sich mittlerweile als gefürchteter Alliierter der amerikanischen Regierung in der Iran-Politik erwiesen. Der von dem ehemaligen amerikanischen Spitzendiplomaten Mark Wallace gegründeten Vereinigung gehören unter anderem der frühere CIA-Direktor Jim Woolsey und der Ex-BND-Chef August Hanning an.

Die UANI hat unter anderem auf Siemens und Porsche massiven Druck ausgeübt, Verbindungen in den Iran zu kappen. Die Organisation ruft sogar Hotels in New York dazu auf, der iranischen Delegation am Rande von Treffen der Vereinten Nationen die Gastfreundschaft zu verwehren.

Ahmadinedschad indes verteidigt sich gegen Vorwürfe, er unternehme nicht genug gegen die Inflation. Er sieht sich als Opfer. "Es gibt keinen wirtschaftlichen Grund für diese Auf- und Abwärtsbewegungen", beteuerte er zuletzt.

Dass der iranische Rial an Wert verliert, muss auch nicht jeden stören. Der Portugiese Manuel José etwa kann über die Situation sogar ganz glücklich sein. Der Mann ist Trainer beim iranischen Kultverein Persepoli Teheran und derzeit alles andere als erfolgreich. Der Verein würde ihn lieber heute als morgen feuern, heißt es. Das Problem ist allerdings, dass der Klub ihn ausbezahlen müsste. Das notwendige Geld dafür fehlt, und so bleibt José im Amt.

Quelle: Reuters
27.09.12 1:50 min.
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat vor den Vereinten Nationen eine neue Weltordnung gefordert und vermutlich auch seine letzte Rede gehalten. Seine Amtszeit läuft nächstes Jahr ab.
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Die iranische Börse
  • Explosion

    Binnen zwei Monaten ist der Aktienindex der Börse Teheran, der Tepix, um mehr als 30 Prozent gestiegen. Am Mittwoch schloss der Markt der Islamischen Republik Iran beim Stand von 31.282,9 Punkten, nachdem er wenige Handelstage zuvor ein neues Allzeithoch von 31.331,6 Punkten erreicht hatte. Donnerstags und freitags ist die Börse in Teheran geschlossen. Bis Anfang 2011 hatte sich der Tepix noch unterhalb der Marke von 20.000 Punkten bewegt.

  • Fieberkurve

    Der starke Anstieg der Aktienkurse lässt sich fundamental kaum begründen, denn die wirtschaftlichen Aussichten für iranische Unternehmen sind angesichts der harten Sanktionen äußerst bescheiden. Auch große Konjunkturhoffnungen dürften kaum in den Kursen enthalten sein. Umso mehr spiegelt der Markt den Wertverfall der iranischen Währung wider, die gegenüber dem Dollar auf dem Schwarzmarkt abgestürzt ist.

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