08.11.12

Skandalprozess

UBS-Zocker will für seinen Freispruch beten

Der Börsenhändler Kweku Adoboli sei nichts weiter als ein "rücksichtsloser Lügner", sagt die Staatsanwältin über den Ex-UBS-Banker. Sehen die Geschworenen das auch so, droht lange Haft.

Von Tina Kaiser
Foto: dpa

Kweku Adoboli auf dem Weg zum Gericht
Kweku Adoboli auf dem Weg zum Gericht

Kurz vor Verhandlungsbeginn setzte sich der Ex-UBS-Banker Kweku Adoboli zu den wartenden Journalisten vor die Tür des Londoner Gerichtssaals. Der 32-jährige Ghanaer ist angeklagt, weil er als Trader der Schweizer Großbank 2,3 Milliarden Dollar verzockt hatte.

Wenn die Geschworenen kommende Woche über ihn entscheiden werden, "bleibt mir nur noch beten", sagte Adoboli ernst. Zuvor müsse er jedoch "einen weiteren Tag Schmähungen" über sich ergehen lassen.

Mit dieser Einschätzung hatte Adoboli nicht übertrieben. Über mehrere Stunden erklärte die Staatsanwältin Sasha Wass den Geschworenen im Southwark Crown Court, warum sie Adoboli für einen "rücksichtslosen Lügner" halte.

Bilanzfälschung und Betrug

Der Sohn eines Ghanaischen Diplomaten ist angeklagt wegen Bilanzfälschung und Betrug. Von 2008 bis zum 14. September 2011 soll er die Handelsgrenzen der Bank systematisch umgangen haben. Auf einem Schattenkonto, das er Regenschirm nannte, versteckte er illegale Geschäfte, die er imaginären Handelspartnern zuordnete.

Adoboli bestreitet seine Tat nicht. Er behauptet jedoch, er habe sich nicht persönlich bereichern wollen sondern habe nur zum Wohl der Bank gehandelt. Weite Teile des Managements hätten von seinem Regenschirm gewusst oder zumindest bewusst weggeschaut, solange er Gewinne erwirtschaftete. Er sei der Bank immer nur um "Umsatz, Umsatz, Umsatz" gegangen.

Millionengewinne erwirtschaftet

Doch genau diese Verteidigung bezeichnete Wass als "kompletten Nonsens". Keinesfalls habe er selbstlos "als Diener der Bank" gehandelt. "Er hat es für seine Karriere und seine Reputation getan." Lange erwirtschaftete Adoboli mit seinen Finanztricksereien Millionengewinne, die seinem Team im Handelssaal den Namen "Oase der Gewinne" einbrachte.

Adoboli arbeitete mit drei anderen Tradern am ETF-Desk, der mit börsengehandelten Indexfonds Geschäfte macht. Die Gewinne aus dem Regenschirm ließ er in das Handelsbuch des ETF-Desks einfließen. Die unerklärlich hohen Profite brachten ihm den Ruf als Startrader ein.

250.000 Pfund Bonus

"Seit Adoboli 2008 die Scheingeschäfte startete, stieg er die Karriereleiter herauf, verbesserte seine Reputation und sein Gehalt", sagte Wass. Auch wenn er nie Geld aus dem Regenschirm in seine eigene Tasche abzweigte, habe er von den Trickserien profitiert. "Im März 2010 wurde Adoboli zum Manager befördert und bekam eine Gehaltserhöhung."

Auch an seinen Boni ließe sich ablesen, wie gewinnbringend die Zockereien für sein eigenes Konto waren. Anfang 2010 habe sein Bonus noch 95.000 Pfund (119.000 Euro) betragen. Im Jahr darauf seien es schon 250.000 Pfund gewesen.

Risikomanagement wird aufmerksam

Ebenso unsinnig seien auch Adobolis Behauptungen, die Bank habe von seinen Scheingeschäften gewusst. Als der Regenschirm im Sommer 2011 außer Kontrolle geriet, habe Adoboli zeitweise bis zu zwölf Milliarden Dollar Verluste auf seinem Schattenkonto angesammelt. "Ich frage Sie", wendete sich die Staatsanwältin an die Geschworenen, "wieso sollte die größte Bank der Schweiz einem Trader erlauben, in Zeiten enorm volatiler Märkte mit zwölf Milliarden Dollar zu zocken?"

Das sei umso unglaubwürdiger, da genau in diesen Monaten die Bank ihre Händler angewiesen habe, wegen der Unruhe an den Märkten keine riskanten Geschäfte einzugehen.

Zu dieser Zeit im Sommer 2011 war es auch, als das Risikomanagement der UBS auf Adoboli aufmerksam wurde. Fünf verschiedene Mitarbeiter der Abteilung hätten Adoboli Fragen zu seinen ungewöhnlichen Handelsbewegungen gestellt. Alle fünf Risikomanager habe Adoboli mit blanken Lügen zu seinen Positionen besänftigt, urteilte Wass.

Schein-Gegengeschäfte vertuschen Fehler

Laut den Regeln der Bank müssen Handelsgeschäfte mit Gegengeschäften abgesichert werden, um das Risiko zu minimieren. In der Fachsprache heißt das Hedgen. Doch genau das hatte Adoboli bei seinen illegalen Geschäften unterlassen. Um es zu vertuschen, hatte er Hunderte von Schein-Gegengeschäfte eingetragen.

So konnten seine Gewinne im Erfolgsfall größer ausfallen, aber auch sein Risiko potenzierte sich. "Wenn die Bank die riskanten Geschäfte tolerierte, wieso musste Adoboli dann überhaupt diese Scheingeschäfte verbuchen", fragte Wass. "Und wieso musste er die Risikomanager anlügen?"

Geständnis per E-Mail

Am 14. September 2011 hatte Adoboli seinen Regenschirm schließlich dem UBS-Management in einer E-Mail gemeldet. So flog der ganze Betrug auf. Adoboli hatte im Prozess seine Ehrlichkeit als Beweis für seinen guten Willen angegeben. Wass bezweifelte diese Erklärung dagegen. "Das Geständnis war kein heroischer Akt." Im Gegenteil: "Sie wussten, dass Sie in den nächsten Tagen sowieso mit ihrem Schattenkonto aufgeflogen wären."

Adoboli habe lediglich gehofft, mit seiner Initiative mildernde Umstände zu bekommen. Er sei wohl davon ausgegangen, dass die UBS ihn rauswerfe, aber nicht anzeigt. Das Geständnis am 14. September 2011 zeige aber letztlich auch nur wieder, wie unglaubwürdig Adobolis Verteidigung sei. "Warum musste Adoboli die E-Mail überhaupt schreiben, wenn das Management von seinem Regenschirm wusste?"

Es ist nun an der Verteidigung, die Argumente der Staatsanwaltschaft auszuhebeln. Am Freitag wird das Schlussplädoyer von Adobolis Anwalt Paul Garlick erwartet. In der kommenden Woche dann ziehen sich die elf Geschworenen zur Urteilsfindung zurück. Schließt sich das Laiengremium der Linie der Staatsanwaltschaft an, drohen Adoboli bis zu zehn Jahre Haft.

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Systemrelevante Banken
  • Definition

    Systemrelevante Banken, deren Pleite das gesamte Finanzsystem erschüttern kann („too big to fail“), sollen nach dem Willen der Regulierer an eine besonders kurze Leine kommen. Die größten und wichtigsten Banken – im Fachjargon G-SIBs (global systemically important banks) genannt – müssen von 2016 an noch schärfere Kapitalanforderungen erfüllen als alle anderen Banken. Außerdem müssen sie schon in den nächsten Monaten einen Plan aufstellen, wie sie in einer existenzbedrohenden Krise ohne Schaden für das Finanzsystem wieder auf die Beine kommen oder abgewickelt werden können – also quasi ein „Testament“ machen.

  • G-SIBS

    Aus Deutschland steht nur noch die Deutsche Bank auf der vorläufigen Liste von 28 Banken, aus der Schweiz die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse. Die Commerzbank ist nach ihrem Schrumpfkurs aus der Liste der global systemrelevanten Banken herausgefallen.

    Die 28 Banken sind je nach ihrer Bedeutung für das globale Finanzsystem in vier „Körbe“ eingeteilt, in denen sie Kapitalaufschläge von 2,5, 2,0, 1,5 und 1,0 Prozent erhalten sollen – zusätzlich zu den sieben Prozent Grundkapital und Gewinnrücklagen, die alle Institute aufbauen müssen.

  • Körbe

    Korb 4 (2,5 Prozent): Citigroup (USA), Deutsche Bank, HSBC (Großbritannien) und JP Morgan Chase (USA).

    Korb 3 (2,0 Prozent): Barclays (Großbritannien), BNP Paribas (Frankreich).

    Korb 2 (1,5 Prozent): Bank of America, Bank of New York Mellon, Goldman Sachs, Morgan Stanley (beide USA), UBS, Credit Suisse (beide Schweiz), Royal Bank of Scotland (Großbritannien), Mitsubishi UFJ (Japan).

    Korb 1 (1,0 Prozent): Bank of China (China), BBVA (Spanien, neu), Banque Populaire CdE, Credit Agricole, Societe Generale (alle Frankreich), ING Bank (Niederlande), Mizuho, Sumitomo Mitsui (alle Japan), Nordea (Schweden), Santander (Spanien), Standard Chartered (Großbritannien, neu), State Street, Wells Fargo (beide USA), Unicredit (Italien).

    Nicht mehr auf der Liste: Lloyds (Großbritannien), Dexia (Belgien) und Commerzbank.

  • Sonderregeln

    Nach Basel III müssen alle Banken künftig mehr als dreimal so viel hartes Eigenkapital vorhalten wie bisher. Das ist den Aufsehern aber noch nicht genug. Sie sehen in sehr großen und weltweit vernetzten Geldhäusern ein besonderes Risiko, das unter Kontrolle gehalten werden soll. Paradebeispiel ist die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren – damals erreichte nicht nur die Finanzkrise ihren Höhepunkt, weil quasi als Dominoeffekt immer mehr Banken in Schieflage gerieten. Auch die Weltwirtschaft glitt in die Rezession ab.

  • Kriterien

    Banken sollen nie mehr „too big to fail“ sein – so groß, dass sie sich darauf verlassen können, in einer Existenzkrise vom Staat gerettet zu werden, weil sonst das Finanzsystem ins Wanken geraten würde. Denn in diesem Bewusstsein könnten sie bedenkenlos Risiken aufnehmen. Als Kriterien für „G-SIBs“ haben die Aufseher Größe, Vernetzung, Mangel an Ersetzbarkeit, Internationalität und Komplexität festgelegt und diese nach einem Punktesystem bewertet. Doch in der Realität ist das schwer fassbar. Andererseits: Regulierer sind sich auch ohne Rangliste sicher, wer dazu gehört.

  • Überprüfung

    Bis die Kapitalregeln in Kraft treten, kann sich daran noch einiges ändern. Banken können schrumpfen oder wachsen. Erst Ende 2014 wird die endgültige Liste der G-SIBs festgelegt. Doch auch danach ist sie nicht in Stein gemeißelt. Die Aufseher wollen sie einmal im Jahr überprüfen und veröffentlichen und damit Anreize schaffen, dass Banken weniger riskant werden. Übrigens: Hätte es die Regeln schon 2008 gegeben, Lehman hätte nicht auf der Liste gestanden.

  • Testamente

    Zunächst müssen sie nur ihr „Testament“ aufsetzen. Ab 2016 wird zudem der SIB-Zuschlag auf das Eigenkapital verlangt – in verschiedenen Abstufungen. Um das Polster aufzubauen, haben sie bis Anfang 2019 Zeit. Bläht sich eine Bank noch stärker auf, drohen die Regulierer sogar mit einem Aufschlag von 3,5 Prozent.

  • Unterschiede

    Am stärksten werden nach der bisherigen Rangliste Universalbanken belastet, die ein großes Einlagengeschäft haben und zugleich Investmentbanking betreiben. Reine Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley kommen mit einem kleineren Aufschlag davon. Von ihrer Pleite wären – wenigstens direkt – keine Kleinsparer betroffen.

  • Vor- und Nachteile

    Höhere Eigenkapitalquoten verteuern das Geschäft für Banken – ein klarer Nachteil. Andererseits dürften SIBs wegen ihrer Kapitalkraft das größte Vertrauen der Investoren genießen. Das macht die Refinanzierung für sie billiger und treibt ihnen im Einlagengeschäft Kunden zu, weil sie nicht um die Existenz der Bank bangen müssen. Doch geschützt werden sollen nur die Sparer – für die Banken selbst soll ein Mechanismus geschaffen werden, wie sie schadlos abgewickelt werden können. Daran arbeiten Regulierer und Politiker fieberhaft.

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