20.10.12

Aktienmärkte

Wie lange hält die Börsenparty noch an?

Eine Umfrage unter Top-Managern ergibt ein extrem gespaltenes Meinungsbild. Da die Kurse in den USA und Deutschland schon recht stark gestiegen sind, setzen die Optimisten jetzt auf Südeuropa.

Foto: Infografik Die Welt

Europäische Aktien hinken noch hinterher
Europäische Aktien hinken noch hinterher

Seit Ende Juli sind die Börsen wieder in Feierstimmung. Der Deutsche Aktienindex (Dax) steht bei rund 7400 Punkten und ist damit nur noch 100 Punkte vom höchsten Stand seit Beginn der Finanzkrise entfernt. Sein kleiner Bruder, der MDax, in dem die Firmen aus der zweiten Reihe versammelt sind, konnte in den vergangenen Tagen sogar ein neues Allzeithoch erklimmen. Doch wie lange geht die Party noch weiter?

Wissen müssten es die Top-Manager der Firmen. Denn sie kennen die Geschäftslage in ihren Unternehmen, sie können abschätzen, ob die gute Konjunktur anhält oder nicht. Daher hat die Berliner Morgenpost zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger im Rahmen einer regelmäßigen Umfrage unter 223 Führungskräften der Wirtschaft, dem so genannten "Leaders Parliament", die Manager diesmal gefragt, ob sie Rückschläge an den Börsen erwarten.

Patt-Situation bei Pessimisten und Optimisten

Das Ergebnis ist denkbar uneindeutig, zeigt aber dennoch sehr gut, wo die Knackpunkte liegen. Denn genau 47,5 Prozent der Befragten rechnen mit deutlichen Rückschlägen, 48 Prozent dagegen nicht - ein glattes Unentschieden. Die beiden Gruppen verteilen sich jeweils auf zwei Antwortmöglichkeiten. Und auch die Verteilung hierbei zeigt, wie gespalten die Führungskräfte in ihrer Einschätzung der Lage sind.

Denn rund ein Drittel rechnet mit Kursrückgängen, weil sich die Konjunktur verschlechtern werde, rund 30 Prozent dagegen rechnen nicht mit sinkenden Börsenkursen, eben weil die deutschen Firmen gut dastehen. Auch hier also unentschieden - die einen sehen schlechtere Zeiten für die Wirtschaft auf uns zukommen, die anderen nicht.

Anhaltende Flucht in Sachwerte

Jeder siebte wiederum begründet seine Prognose sinkender Kurse damit, dass die Geldschwemme von Seiten der Notenbanken abebben werde. Jeder sechste rechnet dagegen nicht damit und sieht deshalb eine anhaltende Flucht in Sachwerte, zu denen auch Aktien gehören. Diese Gruppe sieht die Kurse daher weiter steigen oder zumindest nicht sinken.

Interessant ist, dass sich diese Zerrissenheit der deutschen Top-Manager im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Aktienkurse unter den Anlagestrategen in den Banken und Fondsgesellschaften nicht wiederfindet. Dort überwiegt dieser Tage ganz eindeutig der Optimismus. Das reicht von verhaltener Zuversicht bis hin zu ausgeprägter Partystimmung, wie beispielsweise bei den Experten der Société Générale.

"Tanzen, solange die Musik spielt"

So fordert deren Stratege Vincent Chaigneau die Anleger dazu auf, zu "tanzen, solange die Musik spielt". "Hässliche Risiken für das Wachstum in den USA und China sowie in Spanien und vielleicht sogar in Griechenland sind vom Tisch", sagt er. "Das rechtfertigt die aktuelle positive Stimmung, die noch einige Wochen lang anhalten dürfte."

Zudem haben die Notenbanken mit dem erneuten Anwerfen der Notenpressen dafür gesorgt, dass Geld im Überfluss vorhanden ist. Das nährt die Zuversicht zusätzlich. Die Aktienstrategen der Citigroup sagen vor diesem Hintergrund für die Börsen bis zum Jahresende ein Plus von neun Prozent vorher. Dabei setzen sie vor allem auf US-Aktien - wie viele Investoren derzeit. Das hat bereits dazu geführt, dass der Dow Jones Index nur noch rund fünf Prozent unter seinem Allzeithoch aus der Zeit vor der Finanzkrise notiert. Beim Dax sind es immerhin noch fast zehn Prozent, ganz zu schweigen von den Indizes der meisten anderen europäischen Staaten.

Fast die Hälfte der Unternehmen unter Buchwert

Das liegt daran, dass die europäische Schuldenkrise und die schwache Wirtschaft in jenen Ländern in den vergangenen Monaten zu einer regelrechten Flucht der Anleger geführt haben. Daher sind die Aktien von Unternehmen in diesen Staaten derzeit extrem günstig. "In Ländern wie Frankreich, Spanien und Italien notieren bis zu 45 Prozent der Unternehmen, die wir beobachten, unter Buchwert", stellt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank fest.

Das bedeutet, dass der Wert von Maschinen, Immobilien oder anderen Firmenvermögen inzwischen größer ist, als der Preis des Unternehmens, wie er derzeit von der Börse gesehen wird. Würde jemand diese Unternehmen also aufkaufen, könnte er theoretisch anschließend die Einzelteile verkaufen und würde damit Gewinn machen. "Hier ergeben sich Chancen für den aktiven Investor", glaubt Bielmeier.

USA stehen vor einer fiskalischen Klippe

In den USA dagegen sind Aktien schon recht hoch bewertet. Zudem stehen dort neue Risiken vor der Tür. "Die Anleger lenken ihre Aufmerksamkeit immer stärker auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen", sagt Bob Doll, Aktienstratege bei der Fondsgesellschaft Blackrock, "denn das Ergebnis wird starke Auswirkungen auf die künftige Finanz- und Steuerpolitik haben." Die meisten rechnen damit, dass ein Sieg des Republikaners Mitt Romney von der Wall Street gefeiert würde, denn immerhin ist er einer der ihren und würde den Banken wieder mehr Freiraum lassen.

Außerdem wäre bei Romney Sieg eine schnelle Lösung der anstehenden finanzpolitischen Fragen leichter, da dann der republikanischen Mehrheit im Kongress ein Präsident gleicher Herkunft gegenüber stünde. Können sich beide Seiten nämlich nicht einigen, träten zur Jahreswende diverse automatische Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in Kraft. Diese hätten das Zeug dazu, die US-Wirtschaft erneut abstürzen zu lassen, weshalb in diesem Zusammenhang auch von der "fiskalischen Klippe" gesprochen wird, an der die USA steht - und damit auch die Börsen. Erst wenn sie überwunden ist, dürfte der Optimismus der Aktienstrategen auch auf andere überspringen.

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