08.10.12

Neue Aktien

Unternehmen gehen jetzt mutig an die Börse

Der Mobilfunkanbieter O2 lotet die Preisspanne für eine schnelle Neuemission aus. Leuchtenhersteller Hess setzt bei seinem Debüt am 19. Oktober überraschend stark auf Privatanleger.

Von Karsten Seibel
Foto: Infografik Die Welt
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Die Flutung der Kapitalmärkte mit billigem Geld zeigt Wirkung. Die Anleger sind entspannt wie lange nicht, der Dax bewegt sich seit Wochen auf relativ hohem Niveau zwischen 7200 und 7400 Punkten. Diesen Gemütszustand wollen Börsenkandidaten für sich nutzen. Nach dem Debüt des Versicherers Talanx in der Vorwoche können Anleger seit dieser Woche Aktien des Straßen- und Hausleuchtenherstellers Hess zeichnen.

Unterdessen treibt der deutsche Mobilfunkanbieter O2 seine Börsenpläne mit Hochdruck voran. Dem Vernehmen nach soll die Aktie der Telefonica-Tochter noch in diesem Monat auf dem Kurszettel stehen. Derzeit wird in ersten Gesprächen mit Investoren um die Preisspanne gefeilscht.

Erster Milliarden-Börsengang seit fünf Jahren

Während es sich bei dem für den 19. Oktober geplanten Debüt des Familienunternehmens Hess um eine vergleichsweise kleine Emission handelt, das Volumen wird inklusive Mehrzuteilungsoption höchstens 61 Millionen Euro betragen, steht mit O2 der erste milliardenschwere Börsengang seit fünf Jahren an. Eine Größenordnung von bis zu 1,5 Milliarden Euro ist in der Diskussion. Zuletzt knackte im November 2007 der Hamburger Hafen die Milliardenmarke.

"Steigende Aktienkurse und sinkende Volatilitäten an den Börsen signalisieren ein gutes Umfeld für Börsengänge", sagt IPO-Experte Christoph Gruss von der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers.

Der viel beachtete Volatilitätsindex VDax, das Maß für die Unsicherheit der Anleger, fiel in den vergangenen Wochen auf unter 20 Punkte. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass neue Aktien höchstens bis zu einem VDax-Wert von 25 Punkten erfolgreich platziert werden können. Darüber ist der Risikoappetit der Anleger gering, die Verkäufer werden die Papiere nur schwer los. In den Monaten, in denen die Eurokrise die Schlagzeilen beherrschte, mussten viele Unternehmen ihre Pläne verschieben.

Unternehmen nutzen die Gunst der Stunde

"Wer gut vorbereitet ist, könnte nun die Gunst der Stunde nutzen", sagt Martin Steinbach vom Beratungshaus Ernst&Young. Er erwartet, dass nach Hess und O2 noch bis zu einer Handvoll weiterer Debütanten 2012 kommen könnten. O2 habe eine Schlüsselrolle. Noch fehle eine richtig große Transaktion, die ohne Komplikationen über die Bühne gehe, sagt Steinbach.

Allerdings gibt es auch Stimmen, die nach Oktober kaum noch etwas erwarten. "Wir stehen vor keiner IPO-Welle", sagt Jobst Bartmer von der Landesbank Baden-Württemberg, der die Hess AG an die Börse begleitet. Viele Unternehmen hätten ihre Pläne nicht nur verschoben, sondern aufgegeben und sich nach den ernüchternden Erfahrungen der vergangenen Jahre nach alternativen Finanzierungsquellen umgeschaut.

Die häufigen Stimmungsumschwünge an den Börsen machten es fast unmöglich, den richtigen Zeitpunkt für das Debüt zu erwischen. "Aus IPO-Fenstern von mehreren Wochen im Jahr sind zuletzt IPO-Schießscharten geworden", sagt Bartmer. Wer die nicht treffe, habe wenig Chancen.

Bei Hess gibt es erstmal keine Dividende

Die Hess AG hat bislang Glück. Das Unternehmen will allein im Rahmen einer Kapitalerhöhung bis zu 53 Millionen Euro einsammeln, um vor allem weiter in den stark wachsenden LED-Leuchten-Markt zu investieren. Zudem soll die bislang schwache Eigenkapitalausstattung verbessert werden.

Im Vorjahr erwirtschaftet das Unternehmen, dass außer am Stammsitz in Villingen-Schwenningen im sächsischen Löbau und in den Vereinigten Staaten produziert, einen Umsatz von 68 Millionen Euro und einen Vorsteuergewinn von 5,6 Millionen Euro.

Bis 2014 gehen die Analysten des Konsortialführers LBBW von einer Umsatzsteigerung auf 117 Millionen Euro und einem Vorsteuergewinn von knapp 14 Millionen Euro aus. Schwächen sehen sie neben der bislang geringen Kapitalausstattung in den relativ geringen Marktanteilen außerhalb Deutschlands. Eine Dividende wird es laut Börsenprospekt weder für 2012 noch für 2013 geben. Man gehe schließlich an die Börse, um Geld für Wachstum einzusammeln und nicht, um es direkt wieder an die Anleger auszuschütten, heißt es.

Bei O2 gibt es Streit um die Preisspanne

Ungewöhnlich an dem Börsengang ist, dass auch Privatanleger eine Rolle spielen sollen. Ein Anteil von zehn bis 15 Prozent des Emissionsvolumens könnte laut Konsortialführer in Depots kleiner Sparer landen.

Kunden der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und der Sparkasse Schwarzwald-Baar und damit an den beiden deutschen Produktionsstandorten sollen bei der Zuteilung der Aktien bevorrechtigt werden. Zuletzt bewegte sich der Privatanlegeranteil bei Börsengängen in Deutschland in der Regel nicht einmal bei drei Prozent.

Noch nicht so weit sind die Verantwortlichen bei O2. Noch können die Aktien nicht gezeichnet werden. Allerdings wird bereits über den angemessenen Preis gestritten. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg will Telefónica die Anteile zu einer Bewertung oberhalb des Branchendurchschnitts an den Markt bringen.

"Ich sehe nicht ein, warum ich mehr für die Aktien bezahlen sollte, als sie Wert sind", wird ein Fondsmanager zitiert. Spätestens kommende Woche muss die Preisspanne stehen.

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