16.09.12

Geldpolitik

Warum der Goldstandard doch funktioniert

Auch in der Goldstandard-Ära gab es Bankenpleiten und Börsencrashs – doch sie waren begrenzt. Für eine Rückkehr haben sich Politik und Zentralbanken jedoch zu sehr ans süße Gift der Schulden gewöhnt.

Von Daniel Eckert und Holger Zschäpitz
Foto: INFOGRAFIK WELT AM SONNTAG

Die Notenbanken haben das Gold wiederentdeckt und decken sich mit dem Edelmetall ein
Die Notenbanken haben das Gold wiederentdeckt und decken sich mit dem Edelmetall ein

Es war einmal eine goldene Zeit des stabilen Geldes: Staaten verschuldeten sich nur, wenn sie in den Krieg zogen, und nach den Schlachten wurden die Verbindlichkeiten schnell wieder zurückgeführt. Dem Ersparten drohte keine Inflation, da die Währungshüter Geld nicht beliebig vermehren konnten. Es war die Zeit des Goldstandards, als der Wert einer Mark oder eines Dollars durch eine bestimmte Menge Edelmetall definiert war.

In der Krise wächst die Sehnsucht vieler Menschen nach einer Geldpolitik, die sich ähnlich wie damals an klaren Regeln orientiert, nicht an politischen Motiven. Das Misstrauen gegenüber Papiergeld ist inzwischen so groß, dass die US-Republikaner im Wahlkampf eine Kommission beschlossen haben, die eine Rückkehr zum Goldstandard prüfen soll.

Krisen waren begrenzter

Gar so idyllisch wie im Ideal war die "gute alte Zeit", die Ära des Goldstandards, nicht. Auch damals gab es Bankenpleiten und Börsenkräche, Rezessionen und finanzielle Verspannungen. Doch waren die Krisen begrenzter.

Heute aber sehen sich Bürger und Sparer mit finanziellen Ungleichgewichten konfrontiert, die leicht die ganze Weltwirtschaft kippen lassen könnten. Die westlichen Regierungen haben gewaltige Schuldenberge angehäuft, die in der Geschichte ihresgleichen suchen. Allein die Staatsverschuldung der USA hat diese Woche die Marke von 16 Billionen Dollar überschritten.

Die Euro-Krise zeigt, wie schnell aus gutartigen Verbindlichkeiten bösartige werden können. Um einen Kollaps abzuwenden, hat die EZB zuletzt angekündigt, "unbegrenzt" Staatspapiere von Schuldenstaaten aufzukaufen. Damit gibt sie den Anspruch auf, die Inflation durch strikte Kontrolle der Geldmenge klein zu halten.

Das amerikanische Pendant Fed hat sich schon seit Längerem darauf eingeschossen, das System mit Liquidität zu fluten. Am Donnerstag hat sie die dritte Runde von "Quantitative Easing" verkündet, ein Ausdruck dafür, dass die Notenbank Milliarden ins Finanzsystem pumpt. Die Wirkung der Operationen ist ungewiss, möglich sind sie nur, weil das heutige Finanzsystem auf Papiergeld beruht.

Remonetarisierung des Goldes

Milton Friedman, der 2006 verstorbene Grandseigneur der Geldtheorie, merkte an, dass Papiergeld anfällig für Inflation ist und den letzten Beweis seiner Überlegenheit über gold- und silberbasierten Systemen nicht angetreten hat. Heute argumentiert der Ökonom Detlev Schlichter in seinem Buch "Paper Money Collapse", dass die Remonetisierung des Goldes schon begonnen habe.

Anleger halten so viel Edelmetall wie noch nie in Form von Goldfonds. Zuletzt waren es 2822 Tonnen, mehr, als die Banque de France hortet. Selbst Notenbanken – lange Zeit Verächter und Verkäufer von Gold – sind wieder dazu übergegangen, Edelmetall zu bunkern. Allein in den ersten sieben Monaten erwarben die Zentralinstitute 233 Tonnen des gelben Metalls. Größte Käufer waren die Türkei, Russland und die Philippinen.

Schon einmal gelang es, ein finanzielles Chaos durch die Einführung eines Goldstandards zu überwinden: In der Zeit nach dem Platzen der South Sea Bubble vor dreihundert Jahren begann die Bank of England im großen Stil Edelmetall aufzukaufen. Die ausgegebenen Banknoten sollten fortan mit einer bestimmten Menge Gold gedeckt sein. Die Bürger hatten das Recht, ihre Geldscheine in einem festen Verhältnis in das gelbe Metall umzutauschen – der De-facto-Goldstandard war geboren. Im Jahr 1816 wurde er in England Gesetz.

Erster Weltkrieg unterbricht Erfolgsgeschichte

"Die Entwicklung zum klassischen Goldstandard im 18. und 19. Jahrhundert ging einher mit dem rasanten Aufstieg des Landes zur führenden Industrienation", sagt Lee Skene, Ökonom bei Lombard Street Research, und widerlegt damit das häufig zu hörende Vorurteil, dass ein Geldsystem auf Grundlage eines endlichen Rohstoffs zu unelastisch sei, um Wirtschaftswachstum zu erlauben. Von Großbritannien aus trat der Goldstandard seinen Siegeszug um den Globus an. Um das Jahr 1900 hatten von allen großen Volkswirtschaften nur noch China und Indien keine Gold-gedeckte Währung.

Die Erfolgsgeschichte des Goldstandards wurde jäh unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, als die europäischen Staaten die Umtauschbarkeit von Geld in Gold suspendierten. Der ruinösen Kriegsfinanzierung auf Kredit folgte das monetäre Chaos der Zwanzigerjahre. Deutschland erlebte eine der schlimmsten Inflationen der Geschichte mit Teuerungsraten von mehreren Tausend Prozent.

Gemischtes System gescheitert

Der Versuch eines gemischten Systems von Gold- und Devisenunterlegung scheiterte in den Dreißigerjahren, nicht zuletzt weil die Staaten im Zeitalter des Wirtschaftsnationalismus gegeneinanderarbeiteten. Nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs hatte nur eine einzige Nation genügend Gold, um ihre Währung damit zu unterlegen: die USA.

Die Edelmetallbindung des Greenback – damals zu einem Kurs von 35 Dollar je Unze – bildete das Rückgrat des Bretton-Woods-Währungssystems, das in der gesamten westlichen Welt durch moderate Inflationsraten gekennzeichnet war.

Erst als der Vietnamkrieg und der Ausbau des Sozialstaats immer größere Ausgaben erforderten, kappten die USA die letzten Bindungen ans Gold. Präsident Nixon löste den Goldstandard am 15. August 1971 mit einem Federstrich auf, um größeren finanziellen Spielraum für seine Regierung zu haben.

Doch Spielraum hieß seither stets, dass sich die USA und andere Industriestaaten immer abstruser verschuldeten – nicht nur in Kriegs-, sondern auch in Friedenszeiten. "Die jetzige Krise begann in jenem August 1971, als sich die USA als letzte Volkswirtschaft vom Goldstandard verabschiedeten", sagt Jim Reid, Stratege bei der Deutschen Bank.

Zentralbanken kommt Maßstab abhanden

Das Problem mit dem heutige Geldsystem ist, dass den Notenbanken wegen ihrer politischen Ziele zunehmend ein Maßstab abhandenkommt, den Wert des Geldes zu verankern. Das bringt die Weltwirtschaft durcheinander. Der klassische Goldstandard wirkte nicht nur der Inflation entgegen, sondern auch Spekulationsblasen wie auch überbordenden Handelsbilanzdefiziten und -überschüssen.

Importierte eine Nation mehr, als sie exportierte, floss Gold ab. In Reaktion darauf war die Notenbank gezwungen, die Zinsen zu erhöhen, um wieder Gold ins Land zu locken. Das dämpfte die Einfuhrneigung in der heimischen Wirtschaft und stärkte über sinkende Preise die Exporte. "Ungleichgewichte wurden im Goldstandard schneller ausgeglichen – und das ohne politische Intervention", sagt Skene.

Ein Goldstandard steht für wirtschaftliche Stabilität und die Verhinderung großer spekulativer Blasen. Von 1843 bis 1914 variierten die langfristigen Zinsen in England lediglich zwischen 2,4 und 3,6 Prozent. Das machte eine langfristige Planung für Bürger und Unternehmen einfach.

Die angesehenen US-Ökonomen Irving Fisher und Hyman Minsky merkten an, die einzige Chance zu verhindern, dass eine Bubble zu einer Deflation führt, sei zu verhindern, dass eine Bubble überhaupt entsteht. Eine Neuverankerung des Geldes in Edelmetall könnte ein Weg sein.

Gleichwohl ist eine baldige Rückkehr zum Goldstandard unwahrscheinlich. Notenbanken und Regierungen haben sich seit Nixons Tagen zu sehr an das süße Gift der Schulden gewöhnt. "Eine Defizitpolitik ist Teil der westlichen Kultur geworden", sagt Reid. Es werde schwierig sein, davon wieder loszukommen.

Verbinden Sie sich mit den "Welt"-Autoren auf Twitter. Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.

Quelle: dapd
08.09.12 1:51 min.
Friedrich Tiggemann, pensionierter Gärtner und Hobby-Ökonom, predigt, dass man sein Geld nicht zur Bank schaffen, sondern in Gold investieren soll. Das sei die sicherste Methode aus der Krise.
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