13.09.12

Talanx-Versicherung

Investoren-Beben bringt Börsenpläne zu Fall

Die Anlegergemeinde war nicht bereit, insgesamt fünf Milliarden Euro für die neuen Aktien auszugeben. Ein Schlag ins Gesicht für die Talanx-Spitzenmanager. Und die Schuldigen wurden schon ausfindig gemacht.

Foto: picture-alliance/ dpa

Talanx hat überraschend seinen Börsengang abgeblasen. Den Anlegern war der Preis zu hoch
Talanx hat überraschend seinen Börsengang abgeblasen. Den Anlegern war der Preis zu hoch

Überraschender hätte die Absage nicht kommen können: Allenfalls ein Erdbeben könne den Versicherer Talanx noch von seinen Börsenplänen abbringen, hatte Vorstandschef Herbert Haas noch in einem am Sonntag veröffentlichten Interview gesagt. Schließlich hat der Dax seit der Ankündigung noch einmal um fünf Prozent zugelegt, Branchengrößen wie die Allianz sogar noch mehr.

EZB-Chef Mario Draghi hatte alles getan, um die Märkte euphorisch zu stimmen, und auch das Bundesverfassungsgericht spielte mit. Doch als Karlsruhe sein Urteil über den Euro-Rettungsschirm sprach, war das Erdbeben bereits da – ganz leise und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Die Investoren hatten es ausgelöst.

Vorstand wollte Unternehmen nicht verschleudern

Fünf Milliarden Euro – das hatte sich Deutschlands Nummer drei unter den Versicherern als Unternehmenswert mindestens vorgestellt. Eine halbe, wenn nicht eine Dreiviertelmilliarde weniger waren die großen Fonds und Finanzinvestoren bereit zu veranschlagen, wie mehrere Banker nach der Absage übereinstimmend sagten. Das wären – bei einer Platzierung von 15 Prozent – nur etwa 100 Millionen Euro weniger Erlös gewesen als geplant, aber ein Schlag ins Gesicht für Haas und den mächtigen Aufsichtsratschef Wolf-Dieter Baumgartl, der stets gesagt hatte, das Unternehmen bei einem Börsengang "nicht verschleudern" zu wollen.

Fast ein Jahrzehnt hatte Baumgartl selbst an den Plänen geschmiedet, seit sechs Jahren sprach Haas davon – nun sollte es endlich klappen. "Wir waren nicht naiv. Doch die Preisspanne lag deutlich unter dem, was wir zähneknirschend noch zu akzeptieren bereit gewesen wären", sagte ein Talanx-Sprecher am Donnerstag. An nicht zu überbrückenden Vorstellungen zwischen Eignern und Investoren über den Unternehmenswert war schon der Börsengang des Chemiekonzerns Evonik im Juni gescheitert – hier wie da war die Deutsche Bank unter den Organisatoren.

Die Geldhäuser hatten mehr versprochen

Die Schuldigen waren daher schnell gefunden – die Banken, die den Talanx-Börsengang vorbereitet hatten: Deutsche Bank, JP Morgan und Citi. Sie hätten mehr versprochen, hieß es ungewöhnlich scharf in der Absage von Talanx. Eine Absage, keine Verschiebung wie üblich. "Das ist deprimierend, da steckt fast ein Jahr Arbeit dahinter", sagt ein Banker frustriert. "Es gibt zu wenig Pragmatismus im Markt. Man muss eben Geld für den Eintritt in den Aktienmarkt zahlen."

Doch auch Investmentbanker zeigten sich am Donnerstag überrascht von der Übellaunigkeit der potenziellen Anleger: "Wir waren schon konservativ mit unserer Einschätzung", sagte einer von ihnen, der nicht genannt werden will. "Doch es kamen sehr, sehr niedrige Gebote herein." Böse Zungen rechnen vor, dass die Investoren für das Erstversicherungsgeschäft der Talanx kaum etwas zu zahlen bereit waren: Drei Milliarden Euro ist allein der 50-Prozent-Anteil an der Hannover Rück wert, dazu eine Milliarde Euro frisches Kapital, das Talanx mit dem Börsengang aufnehmen wollte. Die Gesamtbewertung lag nicht weit über vier Milliarden.

Banker reden von einer Milchmädchenrechnung

"Eine Milchmädchenrechnung", meint ein Banker. Aber dass es die erfolgreiche Hannover Rück, deren Wert allein zwei Drittel der gesamten Talanx ausmacht, längst an der Börse zu kaufen gibt, sei schon ein Problem bei der Vermarktung gewesen, räumt er ein. Warum dann eine neue Aktie zeichnen, die wenig Mehrwert bietet, mit einem niedrigen Streubesitz?

"Talanx wäre ein zu kleines und illiquides Asset gewesen. Deshalb hat es wenig Investoren-Interesse auf sich gezogen", sagte Fondsmanager Dirk Sebrechts von KBC Asset Management. Misstrauen habe auch Haas" Ankündigung gesät, mit dem Erlös aus dem Börsengang weitere Firmen zu kaufen, berichten Beteiligte. Denn die müssten vor allem in aufstrebenden Märkten wie Osteuropa und Südamerika zu teuer bezahlt werden.

Börsengang in absehbarer Zeit nicht mehr vorstellbar

Und die größten Gewinnsprünge habe Talanx ausgerechnet im deutschen Privatkunden-Geschäft in Aussicht gestellt, das mitten im Umbau ist. "Dort verdient nicht einmal die Allianz als Marktführer richtig Geld", moniert ein Investor. Probleme also, die so schnell nicht zu lösen seien. "In absehbarer Zeit ist ein Börsengang nicht mehr vorstellbar", heißt es im Umfeld des Unternehmens. Ein Sprecher relativiert: "Der Börsengang ist nicht aus unserer Strategie gestrichen. Wir können unsere Ziele aber auch so realisieren – nur eben nicht so schnell." Die beiden jüngsten Zukäufe in Polen, Warta und TU Europa, seien solide finanziert.

Wenn Haas einige Nächte darüber schlafe, werde er sich noch ärgern über die voreilige Absage, meint ein beteiligter Banker: "Wenn wir in drei Wochen zurückschauen, werden wir das alle bereuen."

Quelle: dpa/ww
© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Bayern feiert
11:02Champions-League-Finale
Die wahren Helden von Wembley

Fußball ist die letzte Bastion des Darwinismus. In einer überwaldorften Welt setzt sich hier noch immer der Stärkere durch: Jürgen Klopp und Jupp Heynckes sind beide Gewinner dieses Systems. mehr...


Bereits bei der Pokalübergabe bestanden die Spieler auf eine Beteiligung Uli Hoeneß’. Beim Bankett wurde es noch emotionaler
Aktualisiert vor 2 MinutenTriumph in Wembley
Hoeneß mit feuchten Augen beim Bayern-Bankett

Nach dem dramatischen Sieg im Champions-League-Finale ging es beim FC Bayern emotional weiter. Beim Vereinsbankett wurde mit reichlich Prominenz gefeiert und für Uli Hoeneß ein Liedchen geträllert. mehr...


Die zuletzt noch vom Veranstalter erhofften 30.000 Zuschauer waren es nicht auf der Fanmeile, aber...
07:38Finale
Fußballfans in Berlin feiern den Champions-League-Abend

Kneipen mussten wegen Überfüllung schließen, und trotz Dauerregens standen einige Tausend auf der Fanmeile: Berlin hat das Champions-League-Finale zwischen Dortmund und Bayern ausgiebig gefeiert. mehr...


Ein Lichtermeer und tiefe Bässe: Besucher tanzen beim Berlin Summer Rave 2013 in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof
10:42Tempelhofer Feld
Musik und Farbe überwältigen beim Berlin Summer Rave

Mehrere Tausend Menschen feierten in den Hangars des einstigen Flughafens Tempelhof beim Berlin Summer Rave. Die Veranstalter haben einen neuen Standard gesetzt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Anschlagswarnung Erhöhte Sicherheitskontrollen vor Finale
Randale Erneut Krawalle in Schweden – Schulen brennen
London-Stansted Kampfjets eskortieren Flugzeug – Terrorverdacht
Washington Brücke in USA eingestürzt
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fanfest

Berlins Fanmeile Champions-League-Finale

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote