07.09.12

Naturstoffe

Wie Obst und Gemüse auf Medikamente wirken

Pflanzliche Stoffe aus Obst, Gemüse und Gewürzen unterstützen Krebs- und andere Therapien. In Kombination mit manchen Medikamenten ist Vorsicht geboten.

Von Silvia von der Weiden
Foto: picture alliance / WILDLIFE
Obst und Gemüse hält nicht nur der Vitamine und Mineralstoffe wegen gesund. Spezielle Inhaltsstoffe können auch helfen, wenn eine Krankheit bereits ausgebrochen ist
Obst und Gemüse hält nicht nur der Vitamine und Mineralstoffe wegen gesund. Spezielle Inhaltsstoffe können auch helfen, wenn eine Krankheit bereits ausgebrochen ist

Obst und Gemüse sind gesund. Sie enthalten neben einer Vielzahl von Vitaminen und Mineralstoffen auch Antioxidantien, Stoffe, die Pflanzen zum Schutz ihres Organismus bilden. Von vielen Antioxidantien profitiert auch der Mensch, wenn er diese beim Verzehr von Obst und Gemüse zu sich nimmt.

Manchmal jedoch kommt es zu unerwünschten Wirkungen. So kann der Genuss von Grapefruit- oder Pampelmusensaft die Wirkung von Arzneimitteln beeinträchtigen. Grapefruits bilden besonders viel von dem Antioxidans Naringin. Es verleiht den Früchten ihr typisch bitteres Aroma.

Von Naringin ist schon länger bekannt, dass es die Wirkung von Arzneimitteln beeinflusst, indem es Stoffwechselwege in der Leber hemmt. Dadurch kann die Wirkstoffkonzentration im Blut auf bedenkliche Werte ansteigen und Unverträglichkeitsreaktionen des Körpers auslösen. Hersteller von Arzneimitteln warnen deshalb auf den Beipackzetteln von betroffenen Medikamenten davor, diese mit Grapefruitsaft einzunehmen.

Manchmal macht Grapefruit Medikamente wirksamer

In seltenen Fällen hat der Mechanismus aber auch seine guten Seiten. Dann macht Grapefruitsaft Medikamente sogar wirksamer, ohne dass Nebenwirkungen auftreten.

Einen solchen positiven Effekt von Grapefruitsaft haben US-Forscher nun bei dem Medikament Sirolimus entdeckt. Es wird eigentlich zur Dämpfung des Immunsystems bei Transplantationen eingesetzt, senkt aber nach neuesten Erkenntnissen auch das Risiko an einem bösartigen Tumor nach einer Organübertragung zu erkranken.

Wie die Gruppe um Ezra E.W. Cohen vom Comprehensive Cancer Center an der University of Chicago gezeigt hat, konnten Krebspatienten, die täglich ein Glas Grapefruitsaft tranken, die Dosis des Medikaments um zwei Drittel verringern. Die Wirksamkeit der Therapie wurde dadurch nicht beeinträchtigt, Nebenwirkungen traten keine auf. Über die erstaunlichen Ergebnisse berichten die Forscher im Fachjournal Clinical Cancer Research.

Gleiche Wirkung mit geringerer Dosis

In einer klinischen Studie hatten sie die Wirksamkeit von Sirolimus an 138 Krebspatienten untersucht. Die Forscher teilten die Patienten in drei Gruppen ein. Eine bekam nur die Arznei, eine zweite Gruppe zusätzlich zum Medikament ein Glas Grapefruitsaft und eine dritte Gruppe das Medikament und zur Kontrolle Ketoconazol – ein Wirkstoff, der wie Grapefruitsaft Enzyme hemmt, die Medikamente normalerweise abbauen.

Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass bei der zweiten und dritten Gruppe das Medikament länger im Körper verblieb und eine geringere Dosis die gleiche Wirkung erzielte. Bei der Grapefruit-Gruppe wurde eine bis zu 350 Prozent höhere Dosis des Medikaments im Blut gemessen.

Dieser Effekt war bei Ketoconazol sogar noch stärker. Der Grapefruitsaft habe aber den Vorteil, dass er weder giftig noch teuer ist und keine Nebenwirkungen zu beobachten waren, so die Forscher. Die jetzt festgestellte Wirkung des Zitrussaftes könnte künftig dazu beitragen, die Dosis von Sirolimus und verwandter Mittel zu senken. Wie es bei dem Medikament zu der speziellen Wirkweise kommt, wissen die Forscher noch nicht.

Konzentration von Wirkstoffen im Blut beeinflusst

Erst kürzlich hatte der Pharmakologe David G. Bailey von der kanadischen University of Western Ontario einen anderen, bis dahin unbekannten Effekt von Grapefruitsaft aufgedeckt. Danach senkt Naringin die Blutspiegel von einigen verbreiteten Arzneimitteln, indem es eine Schlüsselsubstanz blockiert, die die Aufnahme des Wirkstoffes aus dem Darm steuert.

Betroffen sind die Betablocker Celiprolol, Atenolol und Talinolol, die Antibiotika Ciprofloxacin und Levofloxacin, das Antipilzmittel Itraconazol, das Zytostatikum Etoposid und das Antihistaminikum Fexofenadin. Bei letzterem hatten Probanden, die den Arzneistoff mit einem Glas Grapefruit eingenommen hatten nur halb so hohe Wirkstoffkonzentration im Blut wie die Kontrollgruppe, die das Mittel mit Wasser getrunken hatte. Patienten, die die Mittel einnehmen, sollten deshalb stets die Informationen auf dem Beipackzettel beachten.

Auch für ein beliebtes Gewürz haben australische Forscher nun einen neuen pharmazeutischen Effekt nachgewiesen, wenn auch erst in Zellkulturen. Auszüge aus Ingwerwurzeln können die Aufnahme von Glukose in Muskelzellen unterstützen, ohne dass dazu Insulin nötig wäre.

Aufnahmefähigkeit von Glukose normalisiert

Offenbar erhöht sich durch die Aufnahme der Ingwerverbindungen die Zahl eines Proteins auf den Muskelzellen, welches den Glukosetransport in das Zellinnere steuert. Das berichten Basil Roufogalis, Professor für pharmazeutische Chemie an der University of Sydney und Kollegen im Fachblatt "Planta Medica". "Die für die erhöhte Glukose-Aufnahmefähigkeit verantwortlichen Bestandteilen sind Gingerole, bei denen es sich um die größte Gruppe sogenannter Phenole aus der Ingwerwurzel handelt", erläutert Roufogalis.

Phenole sind eine im Pflanzenreich weitverbreitete und in großer Fülle ausgebildete Klasse von Verbindungen, von denen viele pharmazeutisch genutzt werden. Die beiden im Experiment mit Rattenmuskelzellen aktiven Gingerolverbindungen könnten einen Ansatz liefern, um die bei Patienten mit Typ 2-Diabetes gestörte Aufnahmefähigkeit von Glukose zu normalisieren, glauben die Forscher. In klinischen Studien wollen sie das nun prüfen.

Viele Gemüsesorten bilden ebenfalls pharmazeutisch wirksame Bestandteile. Vor allem Senfölverbindungen, die in hohen Konzentrationen in Kohlarten wie Broccoli, Blumen-, Rot- und Weißkohl, Kohlrabi und Meerrettich vorkommen, stärken das Immunsystem und schützen vor Infektionen.

Heilwirkung von Senfölen

Senföle verleihen dem Gemüse einen pikant scharfen und leicht bitteren Geschmack. Um deren Heilwirkung wusste schon die alte Klostermedizin, doch erst die moderne Molekularbiologie macht die Wirkmechanismen transparent.

Das Zusammenspiel zwischen solchen pflanzlichen Schutzstoffen und dem Organismus erforscht die Gruppe um Professor Andreas Diefenbach vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Freiburg. Die Wissenschaftler zeigten im Tierversuch, dass Senfölglykoside die Differenzierung von speziellen Immunzellen, den so genannten Lymphoid-Tissue-Inducer (LTI)-Zellen, beeinflussen. Sie übernehmen wichtige Vermittlerfunktionen bei der Kommunikation der Immunzellen.

Abwehrfunktion mit Senfölen gestärkt

LTI-Zellen sind wichtig für den Schutz des Darmepithels und verhindern Entzündungsreaktionen. Die Forscher fütterten Mäuse mit einer synthetischen Kost, die keine Pflanzenbestandteile und damit auch keine Senfölverbindungen enthielt. Das schwächte die Immunabwehr der Tiere. Sie bildeten nur wenige LTI-Zellen und waren für Darminfektionen und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sehr anfällig. Gaben die Wissenschaftler eine oder mehrere Senfölverbindungen zum Futter dazu, stärkte das die Abwehrfunktion wieder und die Symptome verschwanden.

"Die gesammelten Daten zeigen zum ersten Mal einen definierten molekularen Pfad auf, über den Nahrungsbestandteile bestimmter Gemüsesorten das Immunsystem des Darms verstärken können", stellen die Forscher fest. Obwohl Studien für den Menschen noch nicht vorliegen, sei es wahrscheinlich, dass ähnliche Mechanismen wie bei den Mäusen wirksam sind, folgern sie.

Wenig Gemüse und Obst - höheres Risiko von Darmerkrankungen

Tatsächlich haben Studien bereits einen Zusammenhang zwischen gemüse- und obstarmer Ernährung und einem gesteigerten Erkrankungsrisiko für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen nachgewiesen. "Es ist jetzt vorstellbar, dass solche Pflanzenbestandteile oder verwandte Moleküle in Zukunft zur Vorbeugung oder Behandlung von Darminfektionen und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie zum Beispiel Morbus Crohn eingesetzt werden", sagt Diefenbach.

Für die gesundheitliche Wirkung von Senfölverbindungen interessiert sich auch seine Kollege Andreas Conrad vom Universitätsklinikum in Freiburg. Untersuchungen an Zellkulturen ergaben, dass die Verbindungen, die aus dem Kraut der Kapuzinerkresse und Meerrettichwurzeln gewonnenen wurden, gegen 13 klinisch relevante Bakterienstämmen "eine ausgeprägte keimhemmende Wirkung" zeigten.

Wirksam gegen Krankenhauskeime

Bei den getesteten Erregern handelte es sich um Bakterien, die schwere Infektionen der Harnwege und der Atemwege beim Menschen auslösen, darunter auch der gefährliche Krankenhauskeim MRSA ( Methicillin-resistente Staphylococcus aureus), der gegen fast alle gängigen Antibiotika resistent ist. Pro Jahr infizieren sich in Deutschland zwischen 40 000 und 50 000 Patienten mit dem MRSA-Erreger.

Etwa 1500 Todesfälle fordert die lebensbedrohliche Infektion jedes Jahr. Die Forscher hoffen nun mit Hilfe der Pflanzenstoffe umfassend wirksame Alternativen zu chemisch hergestellten Antibiotika entwickeln zu können.

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