03.09.12

Hochfrequenzhandel

Schäuble plant Tempolimit für Börsencomputer

Superschnelle Rechner dominieren den Aktienhandel. Kritiker monieren, dass der Mensch nicht mehr mitkommt – und gefährliche Kursbewegungen drohen. Nun sollen die Computer ausgebremst werden.

Foto: dapd

Bundesfinanzminister Schäuble: Sein Ministerium arbeitet an einem Gesetz gegen die Auswüchse des Hochfrequenzhandels
Bundesfinanzminister Schäuble: Sein Ministerium arbeitet an einem Gesetz gegen die Auswüchse des Hochfrequenzhandels

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat für den Herbst energische Schritte bei der Regulierung des Finanzsektors angekündigt. Noch im September werde ein Gesetzentwurf zur Eindämmung des automatisierten Hochfrequenzhandels vorgelegt, kündigte Schäuble in Hannover an.

"Die Handelstrategien müssen dann offen gelegt werden", sagte Schäuble. Im Oktober solle das Bundeskabinett dann einen weiteren Gesetzentwurf verabschieden. "Bestimmte Derivatgeschäfte außerhalb von Börsen sollen künftig nicht mehr direkt von Geschäftspartnern abgeschlossen werden, sondern müssen über zentrale Clearingstellen geleitet werden", sagte Schäuble.

Damit erhalte die Aufsicht einen Überblick über Preise und Risikopositionen der Institute. Zudem müssten Finanzinstitute Geschäfte mit Schattenbanken nicht nur offenlegen, sondern auch mit Eigenkapital unterlegen.

Die sogenannten Hochfrequenzhändler geben mit extrem schnellen Computern und komplexen Rechenmodellen am Markt immer mehr den Takt vor. Im Bruchteil von Sekunden erzielen sie so fantastische Deals – oder bringen ganze Börsen ins Wanken.

So wie im Mai 2010. Seinerzeit war der Dow Jones Industrial innerhalb von wenigen Minuten um beinahe 1000 Punkte in die Tiefe gestürzt, hatte sich dann aber fast genau so rasch wieder erholt. Bei solch abrupten Kursstürzen kann der Privatanleger einen Totalverlust erleiden, wenn er in Finanzprodukte wie etwa Hebelzertifikate investiert hat, die ab dem Unterschreiten eines bestimmten Indexstandes oder Kurses automatisch wertlos werden – selbst wenn das Börsenbarometer oder die Aktie schnell wieder nach oben ausschlagen sollte.

Die Hochfrequenzhändler werden verdächtigt, solche Blitzcrashs zwar nicht ausgelöst, aber mit ihren beträchtlichen großen Order-Größen verstärkt zu haben.

Aber nicht nur deshalb stößt der Hochfrequenzhandel vor allem bei Anlageschützern auf Bedenken: "Es ist vom Grundsatz her unfair, wenn ein Marktteilnehmer einen anderen wegen der technologischen Überlegenheit der eingesetzten Computersoftware übervorteilen kann", sagte Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Vorsprung der Maschinen

Und in der Tat: Der technologische Vorsprung der Maschinen ist frappierend. So bestimmen die Computer innerhalb von Milliardstelsekunden, ob sie bestimmte Aktien kaufen oder verkaufen wollen. Sie vergleichen die Kurse an unterschiedlichen Handelsplätzen und nutzen dann minimale Preisunterschiede aus.

Das funktioniert umso besser, je kürzer die Kabel zwischen den Maschinen und den Rechenzentren der Börsenbetreiber sind. Der normale Privatanleger bleibt dabei außen vor.

Im Raum steht auch der Vorwurf, dass Hochfrequenzhändler große institutionelle Anleger unfair austricksen und damit deren Privatkunden schaden. So werden beispielsweise die Auftragsbücher der Börsenbetreiber ausgespäht und nach versteckten, großen Ordern durchsucht. Besonders benachteiligt seien dabei Anteilseigner von Aktienfonds, sagte Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel dem Magazin "Wirtschaftswoche".

Anleger könnten finanzielle Einbußen erleiden, weil Fonds durch Hochfrequenzhändler Nachteile hätten – etwa dann, wenn ihre Aktienfonds am Markt zu teuer einkaufen, weil die Computer ihre Aufträge entdeckt und vor ihnen zugeschlagen haben.

Anteil von 70 Prozent am Aktienhandel

Aller Kritik zum Trotz greifen die superschnellen Computer immer weiter um sich. In den USA soll ihr Anteil am Aktienhandel Schätzungen zufolge bereits bei 70 Prozent liegen. In Deutschland beträgt die Quote nach Schätzungen der Bundesbank etwa 40 Prozent. Insofern verwundert es nicht, dass Finanzminister Schäuble Ende Juli einen Gesetzentwurf zum Thema vorlegte.

Demnach müssen die im Hochfrequenzhandel tätigen Firmen ihre Systeme künftig so ausgestalten, dass Störungen des Marktes unterbleiben. Bestraft werden sollen die "nicht auf einen Geschäftsabschluss gerichtete Handelsaktivitäten, die das Funktionieren der Handelssysteme stören oder verzögern oder andere Handelsteilnehmer täuschen".

Gemischte Reaktionen auf Schäubles Vorstoß

Die Reaktionen auf den Vorstoß von Schäuble fallen derweil eher verhalten aus. So spricht sich der Fondsverband BVI für eine stärkere Regulierung des Hochfrequenzhandels aus. Die Initiative der Bundesregierung erfolge übereilt, so Hauptgeschäftsführer Thomas Richter. Denn innerhalb der Überarbeitung der "Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente" sei eine europaweit einheitliche Regelung bereits auf dem Weg.

Die Deutsche Börse indes weist selbst darauf hin, dass sie einige der bislang diskutierten Maßnahmen zur Bändigung des Hochfrequenzhandels schon umgesetzt hätte. So können an der Deutschen Börse zum Beispiel pro Leitung maximal 150 Aufträge pro Sekunde ins System geschickt werden. Und "wer zu viele Orders aufgibt, bei denen es nicht zu Handelsabschlüssen kommt, zahlt ein erhöhtes Entgelt", sagte Unternehmenssprecher Andreas von Brevern.

Zudem gebe es sogar eine Notbremse: "Im Extremfall kann ein Handelsteilnehmer per Knopfdruck komplett abgeschaltet werden."

Quelle: dpa-AFX/lw
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