16.08.12

Polen

Dubiose Finanzfirma schädigt 50.000 Anleger

Ein Goldhändler hat in Polen jahrelang zwielichtige Geschäfte betrieben. Jetzt ist er pleite – seinen Kunden schuldet er noch Millionen. Auch der Sohn des Ministerpräsidenten soll verwickelt sein.

Foto: picture alliance / dpa

Eine Filiale von Amber Gold in Warschau: Tausende Anleger sollen von dem Unternehmen geprellt worden sein
Eine Filiale von Amber Gold in Warschau: Tausende Anleger sollen von dem Unternehmen geprellt worden sein

Trotz mehrfacher Warnungen der Finanzkontrolleure hat in Polen offenbar über Jahre hinweg ein betrügerischer Anlegerring sein Unwesen getrieben, in den sogar der Sohn des polnischen Ministerpräsidenten verwickelt war. Jetzt brach das Geschäft zusammen und hinterließ Zehntausende von geprellten Investoren. Die Aufsichtsbehörden sprechen von einem Schneeballsystem.

Anfang der Woche meldete die zweifelhafte Vermögensverwaltung Amber Gold, die Anleger mit selbst konzipierten Goldderivaten lockte und höhere Zinsen als reguläre Banken versprach, dass sie sämtliche Geschäfte eingestellt habe. Das Unternehmen versicherte, dass es irgendwann die rund 24 Millionen Dollar zurückzahlen werde, die es seinen knapp 50.000 Klienten in Polen schuldet.

Der Gründer von Amber Gold, der 28-jährige Marcin Plichta, war bereits in der Vergangenheit als Anlagebetrüger aufgefallen und wurde auch schon wegen Untreue verurteilt. Daraus hatte er in der Öffentlichkeit auch keinen Hehl gemacht. Nun ist er für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Auch andere Vertreter von Amber Gold schweigen.

Zweifel an Wirksamkeit der Finanzkontrolle

Der Kollaps des Finanzkonzerns macht in Polen gerade landesweit Schlagzeilen und weckt Zweifel an der Wirksamkeit der Finanzaufsicht in der aufstrebenden Volkswirtschaft der Europäischen Union. Der Fall ist besonders prekär, weil Polens Finanzaufseher seit drei Jahren warnen, dass Amber Gold ohne gültige Lizenz operiert.

Trotzdem florierte das heftig beworbene Geschäft; immer mehr Investoren stiegen ein. In diesem Jahr gründete die Vermögensverwaltung sogar eine eigene Billigfluglinie namens OLT Express, die mit der staatlichen polnischen Fluggesellschaft LOT auf europäischen Strecken und im Inland konkurrieren sollte.

Im vergangenen Monat stellte die Fluglinie den Betrieb wieder ein. Jetzt folgte Amber Gold, nachdem die Regierung wiederholt Alarm geschlagen und die Geschäftsbanken dem Goldfonds schließlich die Konten gesperrt hatten.

Firmengründer spricht von "Hetzjagd"

Direkt danach hatte Firmengründer Plichta noch verkündet, sein Unternehmen sei Opfer einer "Hetzjagd" und die gegen ihn verhängten Schritte dienten nur dazu, einen Konkurrenten der nationalen Fluglinie auszuschalten. Inzwischen heißt es, dass sich "die Geschäftsauflösung über einige Zeit hinstrecken" werde. Genaue Angaben, wann die Investoren ihr Geld wiedersehen, gibt es nicht.

Seit Dienstag berät Polens Finanzminister mit den Spitzen der Finanzbehörden über den Kollaps des zwielichtigen Konzerns und dessen Folgen für die Bürger. Auch die polnische Zentralbank und das Amt für Verbraucherschutz sind eingeschaltet.

"Alle Anzeichen im Himmel und auf der Erde weisen darauf hin, dass Leute, die diesem Unternehmen vertraut haben, betrogen worden sind", sagte Polens Ministerpräsident Donald Tusk. Nun sei es die Pflicht des Staates, "ausreichend schnell dafür zu sorgen, dass Menschen vor solchen Systemen geschützt werden".

Sohn des Ministerpräsidenten verwickelt

Tusk bereitet der Fall persönlich Kopfschmerzen – nicht nur, weil Kritiker ihm vorwerfen, nicht rasch genug eingeschritten zu sein, sondern auch, weil sein eigener Sohn in die Geschäfte von Amber Gold verwickelt ist. Der 30-jährige Michael Tusk erledigte die Öffentlichkeitsarbeit der Billigfluglinie OLT Express. Er stand deswegen schon länger in der Schusslinie, denn gleichzeitig arbeitete er auch für den staatlich betriebenen Flughafen in Danzig, für den OLT ein Kunde war.

Polens Ministerpräsident nahm seinen Sohn in Schutz, gab jedoch zu, dass dieser nicht vorsichtig genug gewesen sei und jetzt einen hohen Preis für "ernsthafte Fehler" zahle. Michael Tusk war nach der öffentlichen Erklärung seines Vaters nicht für weitere Stellungnahmen zu erreichen.

Seit 2009 auf der roten Liste

Polens Finanzaufsicht FSA, die die Geschäfte von Banken kontrolliert und vor unregistrierten bankenähnlichen Unternehmen warnt, hatte Amber Gold schon im Jahr 2009 auf die rote Liste gesetzt. Auf dieser Warnliste stehen inzwischen noch 15 weitere zwielichtige Institutionen.

Schon damals prangerte die FSA öffentlich an, dass Amber Gold sich wie eine nicht lizenzierte Bank verhalte, und machte Druck auf die Behörden, gegen das Unternehmen vorzugehen. Es gab aber keine Strafen, weshalb jetzt aus der Opposition Rufe nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss laut werden.

Nach Auskunft von Wojciech Szelagowski, Sprecher der zuständigen staatlichen Strafverfolger in Danzig liegt es "in der Natur der Sache", dass eine Untersuchung in die Geschäftstätigkeiten von Unternehmen wie Amber Gold "lange dauert".

Anleger hoffen auf Rückerstattung

"Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt geschockt und weiß nicht, was ich machen soll", sagte eine Polin, die anonym bleiben will, sich aber als Kundin von Amber Gold zu erkennen gibt. "Der Boss dieses Unternehmens ist ein sehr vermögender Mann, und ich weiß nicht, wer die Befugnis hat, sein Vermögen zu blockieren, damit er nicht einfach entkommt", sagt sie.

Die Frau ist eine von Dutzenden, die Anfang der Woche vor einer geschlossenen Zweigstelle von Amber Gold stand und hoffte, irgendwelche Informationen über den Verbleib ihres Geldes zu bekommen.

Amber Gold sei "wie ein typisches Pyramidenmodell" aufgebaut gewesen, sagte Andrzej Jakubiak, Chef der Finanzaufsicht, im Interview mit der polnischen Tageszeitung "Rzeczpospolita". Irgendwann hätten die Leute aufgehört, Geld hineinzustecken. "Darauf folgte das Ende", sagt er.

Amber Gold besaß nach eigenen Angaben Vermögen im Wert von 45 Millionen Dollar, darunter auch 100 Kilogramm in Goldbarren. Seit Jahren schon gibt der Konzern keine Finanzberichte heraus. Dazu wäre er eigentlich verpflichtet. Für ein solches Versäumnis gibt es in Polen aber nur eine kleine Strafe.

Der Artikel "Schneeballsystem in Polen schädigte 50.000 Goldanleger" ist ursprünglich bei Wall Street Journal erschienen.

Quelle: Mitarbeit: Patryk Wasilewski
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