15.08.12

Schuldenkrise

Investoren flüchten jetzt auch aus Bundesanleihen

Für Anleger steckt Deutschland in einem Dilemma: Gerade weil die Bundesrepublik wirtschaftlich so stark ist, muss sie womöglich andere Länder raushauen. Das sorgt für Verunsicherung.


Kursentwicklung der Bundesanleihe
Kursentwicklung der Bundesanleihe

Deutschland fällt in Ungnade bei den Investoren. Insbesondere große Adressen aus Übersee verlieren das Vertrauen in die Einzigartigkeit der größten und derzeit stabilsten Volkswirtschaft der Euro-Zone. Fondsmanager von Zinsanlagen flüchten aus Bundesanleihen und suchen für ihre Gelder nach Alternativen. Für die Anlageprofis steckt Deutschland als größter Euro-Retter in einem Dilemma, das hohe Risiken für hiesige Staatsschuldtitel birgt.

"Deutschland befindet sich in einer Situation, in der es nur verlieren kann", sagt Brett Wander, Leiter Anlagestrategie Festverzinsliche bei Charles Schwab Investment Management gegenüber dem Nachrichtendienst Bloomberg.

"Entweder verstärken sie ihre Bemühungen, übernehmen einen Großteil der Arbeit und zahlen den Löwenanteil, um das Euro-System am Leben zu erhalten oder, sollten sich die Deutschen dagegen entscheiden, werden sie langfristig darunter leiden. Das ist nicht fair, aber eine andere Wahl haben sie nicht. Entweder gehen sie alle unter oder sie schwimmen gemeinsam."

Andere Staatsanleihen werfen ein Vielfaches ab

Bundesanleihen verlieren damit ihren Glanz als Hort der Sicherheit. Ablesen lässt sich das am kräftigen Zinsanstieg, die Bunds, wie die Titel im Jargon heißen, zuletzt verzeichnet haben. Zur Wochenmitte schoss die Rendite der zehnjährigen Titel erstmals seit sechs Wochen wieder über die Marke von 1,5 Prozent. In der Spitze rentierten die Papiere bei 1,56 Prozent.

Seit Anfang August sind die Renditen um über 0,3 Prozentpunkte geklettert. Das mag wenig klingen, entspricht aber angesichts des niedrigen Zinsniveaus einem Anstieg um nahezu ein Viertel. Und ein Ende des Zinsanstiegs scheint nicht in Sicht.

Investoren fragen sich zunehmend, warum sie ihr Geld in niedrig verzinsten Bundesanleihen halten sollen, wenn andere Staatsanleihen etwa von Spanien oder Italien ein Vielfaches abwerfen.

Dies gilt umso mehr, als Spanien wohl demnächst Rettungsgelder für das Land beantragen wird. Dies signalisierte zumindest EU-Währungskommissar Olli Rehn.

Wenn aber Deutschland letztlich für die Rettung von Spanien und möglicherweise von Italien einspringen muss, ist das Chancen-Risiko-Verhältnis bei Peripherieanleihen gegebenenfalls vorteilhafter, so das Kalkül der Investoren.

"Spanien wird ohne Hilfe von außen nicht überleben"

Die Umschichtungen haben bereits ihren Niederschlag in den Renditen gefunden. Die Zinsaufschläge italienischer und spanischer Anleihen gegenüber Bundesanleihen sind kräftig gefallen. Während die Renditen von zehnjährigen Bundesanleihen am Mittwoch um acht Basispunkte zulegten, verminderten sie sich bei italienischen und spanischen Schuldtiteln gleicher Laufzeit um sieben Basispunkte. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozentpunkten.

"Es ist ausgeschlossen, dass Deutschland vom Fortgang der Euro-Krise nicht betroffen sein wird", sagt Stuart Thomson von Ignis Asset Management, der im Juli Bundesanleihen abgestoßen hat. "Spanien wird ohne Hilfe von außen nicht überleben. Die Rettung wird Deutschland zusätzlich belasten."

Wie Thomson denken nach einer Bloomberg-Umfrage auch Fondsmanager bei Merrill Lynch Wealth Management, Fidelity Investments, Carmignac Gestion und Pimco. Auch Banken, darunter BNP Paribas, Royal Bank of Scotland und Barclays haben Bundesanleihen verkauft.

"Das Risiko, dass Deutschland mehr Schulden aufnehmen muss, um die Rettung zu finanzieren, ist real", sagt Johannes Jooste, leitender Stratege bei Merrill Lynch Wealth Management in London. "Ich bin skeptisch, in Papiere zu investieren, die Null-Rendite bieten. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die gegenwärtigen Renditen gerechtfertigt sind."

Profis sprechen von einer Spekulationblase

Andere Profis sprechen gar von einer riesigen Spekulationblase, die sich in Bundesanleihen gebildet habe. "Zehnjährige Bundesanleihen gehören derzeit wohl zu den gefährlichsten Investments auf dem Planeten", meint Carl Weinberg, Chefökonom beim unabhängigen Analysehaus High Frequency Economics. "Bunds erscheinen vielleicht für Anleger fair bewertet, die zur Jahrtausendwende in die Technologieblase investiert haben und dann vom Platzen überrascht wurden."

Tatsächlich haben Bundesanleihen eine fabelhafte Rallye hinter sich. Zweistellige Jahresrenditen waren keine Ausnahme. In den vergangenen 22 Jahren konnte das Rentenbarometer RexP das Aktienpendant Dax klar schlagen; bei weitaus geringeren Schwankungen.

Deutschlands Stärke kann nicht überzeugen

Dieser Lauf könnte nun vorbei sein. Selbst Deutschlands wirtschaftliche Stärke gerade auch im Vergleich zur restlichen Euro-Zone vermag die Investoren nicht mehr überzeugen. Vielmehr werde dadurch der Druck auf Deutschland weiter steigen, die anderen Ökonomien der Euro-Zone zu unterstützen.

Die Wirtschaft der Bundesrepublik hat als eine der wenigen der Währungsgemeinschaft die Krise abgeschüttelt. Die Aktivität liegt über dem Vorkrisen-Niveau von 2008, wohingegen die Wirtschaftsleistung von Frankreich oder Italien weit darunter liegt.

Die Schuldenkrise in Europa nahm ihren Ausgang vor drei Jahren, als die damals neu gewählte griechische Regierung erklärte, das Defizit sei doppelt so hoch wie von der Vorgängerregierung angegeben. Seither haben Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Zypern um externe Hilfen ersucht.

Spanien hat bereits für seine Banken Hilfen im Umfang von bis zu 100 Milliarden Euro beantragt. Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy hat angedeutet, dass eine Ausweitung des Gesuchs möglich sei. Italiens Erziehungsminister Francesco Profumo sagte, im Kabinett in Rom habe es eine ausführliche Diskussion darüber gegeben, ob das Land ein Gesuch an den europäischen Rettungsschirm richte.

Neue Nahrung für die Kritiker

Zwar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel noch im Juli erklärt, sie werde keine zusätzlichen Lasten in der Schuldenkrise übernehmen ohne strengere Haushaltskontrollen. Die Kanzlerin stehe jedoch hinter den Vorschlägen von EZB-Präsident Mario Draghi, der Käufe italienischer und spanischer Bonds als mögliches Szenario in Aussicht gestellt hatte, in Abstimmung mit den europäischen Rettungsschirmen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter.

Vor diesem Hintergrund dürfte die aufgekommene Skepsis an der Solidität der Bundesanleihen weiter Nahrung erhalten. "Ich habe nicht viel Vertrauen mit Blick darauf, was in Deutschland passieren wird", sagt Rose Ouahba, Leiterin Festverzinsliche bei Carmignac. Sie verkaufte im Juli ihren Bestand an Bundesanleihen vollständig und setzt lieber auf US-Treasuries, wo Anleger eine "klarere" Sicht hätten.

Vor allem innenpolitisch dürfte es für die Kanzlerin immer schwieriger werden, die Wähler zu überzeugen, ihre Geldbörse weiter zu öffnen, um klammen Partnern in der Eurozone unter die Arme zu greifen. 2013 stehen Wahlen zum Bundestag an.

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autoren auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.

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