14.08.12

Allroundhilfsstoffe

Weichmacher könnten dick und zuckerkrank machen

Viele Alltagsgegenstände werden durch Phthalate elastisch und weich. Forscher haben einen schlimmen Verdacht: Wahrscheinlich begünstigen die Stoffe die Entstehung von Diabetes und Fettleibigkeit.

Foto: chromorange
Gummiente
Weichmacher in Alltagsgegenständen steht im Verdacht, Krankheiten auszulösen

Weichmacher sind allgegenwärtig, dem Plastikzeitalter sei Dank. Seit Jahrzehnten schon werden die als Phthalate bezeichneten Stoffe in großem Umfang Kunstoffen, Farben, Lacken und Klebstoffen zugesetzt. Nach Angaben des Berliner Umweltbundesamtes produziert die Chemie-Industrie in Europa jedes Jahr etwa eine Million Tonnen dieser Substanzen.

Rund 90 Prozent davon gehen in die Weich-PVC-Herstellung. Experten gehen von einer drastisch steigenden Nachfrage für Weichmacher in den kommenden Jahren aus. Bis 2018 könnte die weltweite Produktion demnach auf 7,6 Millionen Tonnen pro Jahr ansteigen.

Und das nicht ohne Grund: Denn als Weichmachersubstanzen sorgen sie dafür, dass Kunststoffe leicht verarbeitet werden können und daraus gefertigte Artikel – wie Lebensmittelfolien, Fußbodenbeläge, Schuhsohlen, Kabelisolierungen, Kinderspielzeug und Schnuller, Katheter oder Infusionsbeutel – weich und elastisch bleiben.

Spuren in Hausstaub und Trinkwasser

Sogar für die Herstellung beschichteter Tabletten werden Phthalate benötigt. Kaum ein Produkt des täglichen Lebens, das ohne die auf Hunderte unterschiedlicher Substanzen angewachsene Chemikalienfamilie auskommt. Ihre Spuren finden sich überall: im Hausstaub, im Trinkwasser, im Boden und im menschlichen Blut. Und genau da liegt das Problem. Denn es mehren sich die Indizien, dass etliche der Allroundhilfsstoffe den Organismus von Mensch und Tier schwer schädigen können.

So warnte die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) jüngst vor den Weichmachern im Plastik. Sie bezieht sich dabei auf eine aktuelle schwedische Studie, der zufolge bestimmte Phthalate offenbar die Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 2 begünstigen.

In der im Fachblatt "Diabetes Care" erschienenen Untersuchung hatten Forscher aus Uppsala 1016 Senioren im Alter von über 70 Jahren auf die Erkrankung untersucht. Etwa jeder neunte Teilnehmer litt an Diabetes. Die Forscher fanden im Blut aller Probanden drei verschiedene Phthalate: kurz MMP, MiBP und MEP. Sie binden im Körper an bestimmte Rezeptoren, die neben dem Blutfettspiegel auch den Blutzuckerhaushalt und die Insulinempfindlichkeit regulieren.

Erhöhtes Diabetesrisiko

Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die betroffenen Weichmacher den Glukosehaushalt stören. Auf ein erhöhtes Diabetesrisiko durch Phthalate hatte bereits eine erste mexikanische Untersuchungsreihe mit weniger Studienteilnehmern hingewiesen.

Auch eine im Frühjahr veröffentlichte Untersuchung der britischen Umweltorganisation ChemTrust hatte Hinweise gefunden, dass Weichmacher Fettleibigkeit und Diabetes auslösen können. "Anscheinend hemmen bestimmte Phthalate die Bildung von Insulin", erläutert Helmut Schatz, Endokrinologe aus Bochum und DGE-Sprecher. "Andere begünstigen dagegen vermutlich eine Resistenz gegen das Hormon. Dieser Zusammenhang muss nun möglichst rasch durch Studien geklärt werden."

Der Ärzteverband fordert nun, gesundheitsgefährdende Weichmacher durch unschädliche Stoffe zu ersetzen.

Autoverkleidungen im Fokus

Darüber hinaus erheben Forscher aber noch weitere Vorwürfe gegen den Einsatz von Phthalaten. Frühere Untersuchungen hatten bereits ergeben, dass das vor allem bei der Herstellung von Automobilarmaturen und -verkleidungen eingesetzte Phthalat DEHP Männer unfruchtbar machen oder Fehlbildungen an den Geschlechtsorganen bei Kindern auslösen können.

Bei DEHP weicht die Industrie inzwischen größtenteils auf andere Phthalate aus. Doch auch unter ihnen sind offenbar einige gesundheitsschädigend. Deshalb wurde 2005 durch eine Entscheidung des EU-Parlaments die Verwendung von drei häufigen Phthalaten, DEHP, DBP und BBP, in Spielzeug und Babyartikeln verboten. Eine Risikobewertung der EU-Kommission hatte diese Stoffe als "krebserzeugend, erbgutverändernd und fortpflanzungsgefährdend" eingestuft.

Der Gebrauch dreier weiterer Phthalate, DINP, DnOP und DiDP in Kleinspielzeug und Babyartikeln, die Kinder in den Mund nehmen können, wurde ebenfalls untersagt.

Weichmacher auf Basis von Pflanzenölen

"Für Verpackungen von Lebensmitteln wurden die Richtwerte für Phthalatgehalte inzwischen gesenkt. Aber viele Medizinprodukte wie Blut- und Infusionsbeutel, Schläuche oder Katheter enthalten noch immer Phthalate in höheren Konzentrationen", sagt Schatz. "Die Stoffe lösen sich leicht aus dem Kunststoff und gelangen auf diese Weise in den menschlichen Körper. Die EU hat im März 2010 zumindest eine Kennzeichnungspflicht für Medizinprodukte erlassen, welche DEHP enthalten", sagt der Wissenschaftler.

Laut dem Marktforschungsinstitut Ceresana nimmt DEHP mit einem Anteil von nahezu 54 Prozent immer noch eine herausragende Stellung auf dem Weltmarkt ein. Die Experten erwarten jedoch, dass gesetzliche Bestimmungen und ein steigendes Umweltbewusstsein immer öfter den Einsatz phthalatfreier Weichmacher etwa auf Basis von Pflanzenölen erzwingen.

Seit Jahren untersucht das Umweltbundesamt die Wirkung der Phthalate, von denen derzeit etwa 600 für eine Prüfung durch die vor fünf Jahren in Kraft gesetzte europäische Chemikalienrichtlinie "Reach" vorregistriert sind.

Urinproben archiviert

Für den Verkauf und die Verwendung dieser Chemikalien ist ab dem Jahresbeginn 2015 eine Zulassung nötig. Genau die sieht das Umweltbundesamt kritisch: "Die Stoffe werden weiterhin so breit eingesetzt, dass weitere Regulierungsschritte sinnvoll erscheinen." Ergebnisse aus dem Kinder-Umwelt-Survey des Umweltbundesamtes hatten gezeigt, dass bis zu 80 Prozent der Kinder in Deutschland zwischen 2003 und 2006 so hoch mit den fünf häufigsten Phthalaten DnBP, DEHP, DiBP, BzBP und DiNP belastetet waren, dass "die tolerable tägliche Aufnahme überschritten wird".

Bedenklich seien auch die Trends bei jungen Erwachsenen, wie eine Untersuchung des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Erlangen-Nürnberg gezeigt habe. Das Institut untersuchte in einer rückblickenden Studie über 800 archivierte Urinproben auf Rückstände der fünf Phthalate. Studierende der Universität Münster im Alter zwischen 20 und 29 Jahren spendeten die Proben zwischen 1998 und 2008.

Die Experten wiesen die Rückstände aller fünf Phthalate in nahezu sämtlichen Urinproben nach. Laut Umweltbundesamt "weist das auf eine allgemein verbreitete Belastung der deutschen Bevölkerung hin".

Schädigend für die Schilddrüse

Inzwischen steht ein weiteres Phthalat unter verschärfter Beobachtung: DPHP wird als Weichmacher vor allem für die Herstellung von Kabelummantelungen und in Fahrzeugen eingesetzt. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung wurde es nun auch verstärkt in Kinderspielzeug nachgewiesen.

"Möglicherweise nutzen einige Spielzeughersteller diesen Weichmacher verstärkt, weil seine Verwendung bislang nicht nach der Reach-Verordnung beschränkt ist", mutmaßt das Institut. In Tierversuchen hatte sich der Stoff als schädigend für die Schilddrüse und die ebenfalls Hormone produzierende Hirnanhangdrüse erwiesen. Deshalb sei es notwendig, die Belastung durch DPHP aus Spielzeug zu verringern.

Handlungsbedarf sieht auch die Bundesregierung. Sie teilte dem Deutschen Bundestag mit, dass die gesetzlichen Regelungen für die Anforderungen an Kinderspielzeug noch nicht ausreichend seien und eine mögliche Ausweitung rechtlicher Bestimmung nun geprüft werde.

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