10.08.12

Rätselhafter Zuwachs

1,5 Millionen Aktionäre verschollen, bitte melden!

Mehr als eine Million Anleger sollen den Weg an deutsche Börsenplätze gefunden haben. Doch niemand hat sie gesehen. Ein Berliner Morgenpost-Reporter geht auf die Suche nach den Verschollenen.

Foto: DAPD
Deutsche Boerse
10,2 Millionen Aktienbesitzer soll es derzeit in Deutschland geben. 1,5 Millionen mehr als vor sechs Monaten - doch wo sind die neuen Anleger?

Staatsschuldenkrise, Zukunft des Euro, das Auf und Ab des Deutschen Aktienindex, all diese Themen interessieren seit dieser Woche in den Banken und an den Börsen niemanden mehr. Alle sind nur noch auf der Suche nach den 1,5 Millionen neuen Aktionären, die es in Deutschland geben soll.

So meldete es am Dienstag das Deutsche Aktieninstitut. Statt 8,7 Millionen existieren demnach plötzlich wieder 10,2 Millionen Aktienbesitzer, ein Plus von 17 Prozent innerhalb von sechs Monaten, der größte Zuwachs seit dem Boomjahr 2000. Das will zumindest der Interessenverband der börsengelisteten Unternehmen mit Hilfe einer repräsentativen Umfrage ermittelt haben.

Wer hat so ein gutes Händchen?

Welch eine Erfolgsmeldung! Die Aktienkultur in Deutschland wurde doch schon vor Jahren für tot erklärt. Und nun sollen so viele Menschen trotz aller Enttäuschungen ihr Erspartes wieder in Dividendenwerten anlegen. Und das auch noch so geschickt, nämlich nicht erst, wenn die Kurse fallen, nein, seit Jahresanfang hat der Deutschen Aktienindex rund 15 Prozent zugelegt. Doch was sind das für Menschen, die ein so gutes Händchen bei ihren Anlageentscheidungen bewiesen haben? Man möchte ihnen gratulieren.

Deutsche Börse weiß von nichts

Ein Anruf bei der Deutschen Börse schafft bestimmt Klarheit. Irgendwo müssen die neuen Helden der Kapitalmärkte ihre Aktien kaufen. "Hier wurden sie noch nicht gesehen", heißt es von dort. Man könne zwar nicht zwischen alten und neuen Aktionären unterscheiden, Order sei Order, doch die Handelsumsätze sprächen nicht für einen Ansturm neuer Anlegerschichten. Die Umsätze in Frankfurt gingen im ersten Halbjahr um 17 Prozent zurück.

Das sagt noch gar nichts. Die Sparer der neuen Generation könnten sich an anderen Börsen im Land eingedeckt haben. Oder vielleicht noch plausibler: Die erfahrenen Investoren hielten sich im ersten Halbjahr so sehr zurück, dass die 1,5 Millionen Frischlinge trotz bester Vorsätze diese Lücke nur teilweise schließen konnten.

Depotverwalter wundern sich

Besserer Gedanke: Wer Aktien haben will, braucht ein Wertpapierdepot, der größte Wertpapierverwahrer im Land muss die neuen Aktionäre kennen. Die Deutsche WertpapierService Bank, kurz DWP-Bank, verwaltete allein für die Sparkassen und Genossenschaftsbanken bereits Ende 2011 rund 4,5 Millionen Depots, rund 1,3 Millionen kamen noch einmal von Kunden privater Institute hinzu.

Und nun, nachdem die Aktie in Deutschland von so vielen Menschen wiederentdeckt wurde? Überstunden, Neueinstellungen, Aufbruchstimmung am DWP-Sitz in Frankfurt? Weit gefehlt. "Die Anzahl verarbeiteter Transaktionen, also Wertpapierkäufen und –verkäufen, bleibt derzeit hinter den Werten des Vorjahrs zurück. Auch in den Depotzahlen können wir bei unseren Wertpapiergeschäften noch kein Wachstum verzeichnen", sagt DWP-Vorstandschef Markus Walch.

Machen Anleger einen Bogen um Frankfurt?

Frankfurt muss das Problem sein, ja klar. Die Hoffnungsträger der Aktienkultur machen einen Bogen um alles, was mit dem Finanzplatz zu tun hat. Zu verstehen wäre es. Jahrzehntelang schauten die Herren und Damen in den Bankentürmen schließlich eher spöttisch auf Privatanleger herab, man brauchte sie höchstens, wenn es wieder einmal galt, für eine viel zu teure Aktie dumme Abnehmer zu finden. Die Börsengänge der Telekom oder des Bezahlfernsehsenders Premiere sorgen mitunter heute noch für schelmisches Grinsen in der Stadt.

Verstecken sie sich die ominösen 1,5 Millionen deshalb vielleicht im südlichen Nürnberg oder im nördlichen Hamburg, genauer gesagt in Quickborn? Dort sind mit Cortal Consors und Comdirect zwei der größten Onlinebroker beheimatet.

Keine Spur in Quickborn

"Wir sitzen hier mit Feldstecher und Lasso und versuchen, sie einzufangen", heißt es bei Cortal Consors. Das klingt gut, der Wille ist da – doch die 1,5 Millionen nicht. Die Zahl der Depots sei im ersten Halbjahr um weniger als ein Prozent gestiegen.

Die Zahl der aktiven Anleger, die in den vergangenen zwölf Monaten zumindest einmal Aktien ge- oder verkauft haben, soll sogar gesunken sein. Man bleibe aber wachsam, schiebt der Sprecher noch hinterher. Bei Comdirect ist die Hoffnung auf Entdeckung der Vermissten nahe dem Nullpunkt. "Wir haben keine Spur", so die Aussage in Quickborn. Die Zahl der Depots sei nur unwesentlich gestiegen.

Deutsches Aktieninstitut weiß keinen Rat

Zurück zum Deutschen Aktieninstitut: Die müssen doch den Aufenthaltsort der verschollenen Anleger kennen. "Wir haben auch über das Umfrageergebnis gestaunt und können es uns nicht recht erklären", sagt Direktor Franz-Josef Leven. Am Profil der Umfrage habe man nichts geändert. Zehn Mal im Jahr würden insgesamt rund 20.000 repräsentativ ausgewählte Bundesbürger befragt. Die Frage sei dabei stets die gleiche: "Besitzen Sie zurzeit persönlich Aktien?" Da bleibt am Ende nur zu hoffen, dass alle Befragten wussten, was eine Aktie ist.

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Dividende
  • Definition

    Wer Aktien besitzt, kann in der Regel mit einer erfolgsabhängigen Entlohnung rechnen – der Dividende. Sie ist der Anteil am Gewinn einer Aktiengesellschaft, der pro Aktie ausgeschüttet wird. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort „dividendum“ ab und bedeutet „das zu Teilende“. Die Höhe wird aufgrund des Jahresabschlusses in der Regel von Vorstand und Aufsichtsrat des Unternehmens vorgeschlagen und von der Hauptversammlung der Anleger beschlossen.

  • Berechtigung

    Dividenden werden normalerweise periodisch, das heißt viertel-, halb- oder jährlich ausgeschüttet. Ausgezahlt werden sie nach den Hauptversammlungen der Firmen, in Deutschland in der Regel über die depotführende Bank. Berechtigt sind dabei alle, die am Tag der Aktionärsversammlung Titel des Unternehmens haben. Die Beteiligung am Gewinn kann auch in Form von Gratisaktien erfolgen, das heißt in zusätzlichen Aktienanteilen. Oder Anteilseigner erhalten das Recht, Papiere zu einem bestimmten Preis pro Aktie zu erwerben.

  • Apple

    Die Gewinnbeteiligung kann in mageren und wachstumsarmen Zeiten allerdings sehr schwanken. Auch schütten manche Unternehmen kaum oder gar keine Dividenden aus, weil sie ihre Erträge in vollem Umfang in die Firma investieren.

    Apple hatte zuletzt 1995 eine Dividende an seine Aktionäre gezahlt, bevor das Unternehmen an den Rand der Pleite rutschte. Nach der Rückkehr von Gründer Steve Jobs 1997 erholte sich Apple allmählich und konnte vor allem nach dem Marktstart von iPhone und iPad ein Milliardenvermögen anhäufen. Jobs sprach sich aber auch nach Rekordgewinnen gegen die Forderung einzelner Aktionäre aus, eine Dividende auszuschütten.

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