10.08.12

Luxus

Reiche lassen Nobelweine links liegen

Die Preise für Bordeaux-Spitzengewächse brechen ein. Der "Saft der Millionäre" ist ein Konjunkturindikator. Nun verdirbt die Euro-Krise auch den Superreichen den Appetit auf edle Tropfen.

Foto: dpa

Teure Spitzentropfen finden immer weniger Abnehmer. Auch Superreiche schränken ihre Ausgaben ein.
Teure Spitzentropfen finden immer weniger Abnehmer. Auch Superreiche schränken ihre Ausgaben ein.

Bisher galt die Euro-Krise als eine Krise, die vorwiegend die Ärmeren und die Mittelschichten in eine Depression stürzt. Doch nun schlagen die Schuldenprobleme auch den Reichen auf die Stimmung. Das lässt sich aus der Marktentwicklung bei Spitzen-Bordeaux, den renommiertesten Weinen der Welt, ablesen.

Bei den Edeltropfen aus dem Südwesten Frankreichs, die auch als "der Saft der Millionäre" bezeichnet werden, ist es in den vergangenen Monaten zu einem Preisabsturz gekommen. Im Schnitt haben sich die Edelgewächse seit August 2011 um fast ein Drittel verbilligt - und das, obwohl Spitzenweine als "wahre Werte" gelten, die immun gegen Geldentwertung sind.

"Wenn ich mich so bei wohlhabenden Weinliebhabern umhöre, bekomme ich ganz oft gesagt: Wir sind nicht in der Stimmung für große Einkäufe", sagt Mario Scheuermann, der den Wein-Blog Planet Bordeaux betreibt. Das wirtschaftliche und psychologische Umfeld sei nicht danach, jetzt Premiers Crus zu ordern. "Premier Cru" (zu Deutsch erstes Gewächs) ist die französische Bezeichnung für einen Wein der absoluten Spitzenklasse.

Für Normalsterbliche unerschwinglich

Eine Sechserkiste von berühmten Châteaux (Weingütern) wie Lafite-Rothschild, Haut Brion oder Latour kann je nach Jahrgang einige Tausend oder sogar einige Zehntausend Euro kosten. Längst sind Produkte dieser Güter für Normalsterbliche unerschwinglich geworden. Umso mehr erlaubt die Preisentwicklung einen Aufschluss über die Stimmung bei den oberen Zehntausend.

Bis weit ins vergangene Jahr hinein schien der Markt für Spitzengewächse von der Eurokrise unberührt zu bleiben. Der Liv-Ex 50, eine Art Dax der Weinwelt, verzeichnete Ende Juni 2011 sein Rekordhoch bei 445,56 Punkten. Die extrem langlebigen Weine profitierten von ihrem Status als "wahre Werte", die einen Schutz gegen Inflation bieten.

Doch dann kam es zu einem Bruch. Von einer kleinen Erholung im diesem Frühjahr abgesehen, geht es seither nur nach unten. Vor allem der Vergleich mit anderen Sachwerten fällt negativ aus. Deutsche Immobilien sind gefragt wie seit Jahrzehnten nicht, und auch Gold konnte seine Schwäche von der Jahreswende abschütteln. Das Edelmetall notierte am Freitag in hiesiger Währung gerechnet bei 1312 Euro lediglich drei Prozent unter seinem Rekordhoch.

Schlechte Jahrgänge rächen sich

Nobelwein haftet anders als der ewigen Währung Gold der Ruf an, ein Luxusgut zu sein. In der jetzigen Situation, in der in Europa die Verunsicherung um sich greift, hat das nach Ansicht von Marktkennern zum Einbruch der Preise beigetragen. Hinzu kamen überhöhte Preise für mäßige und schlechte Jahrgänge wie 2006, 2007 und 2008, die sich jetzt rächen. Von Mitte 2001 bis Mitte 2011 waren die Preise der 100 renommiertesten Weine um insgesamt 167 Prozent gestiegen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hatte im gleichen Zeitraum lediglich 26 Prozent an Wert gewonnen.

Auch in China ist Bordeaux für die Reichen nicht mehr alternativlos. "Bis vor einiger Zeit waren die Premier Crus im Reich der Mitte der Inbegriff europäischer Weinkultur", sagt Scheuermann. Angesichts der verschlechterten Konjunktur und nach der Preisexplosion der Vorjahre, entdeckten die reichen Chinesen nun andere edle Tropfen, zum Beispiel die "Super Tuscans" aus der Toskana. "Der Markt für Bordeaux ist in China immer noch stark, aber es wird eben nicht mehr alles zu jedem Preis gekauft," sagt Scheuermann.

Ob es zu einer Erholung der Preise kommt, ist ungewiss. Das hängt nicht nur von der Konjunkturentwicklung in Europa und China ab, sondern auch davon, wie der Jahrgang 2012 ausfällt. Unter Weinkennern ist dessen Potenzial ähnlich umstritten wie unter Ökonomen die Lösungsvorschläge für die Euro-Krise.

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