06.08.12

Schuldenkrise

Der Euro ist auf dem Weg zur Weichwährung

Führende Ökonomen senken ihre Prognosen für die krisengeschüttelte Gemeinschaftswährung. Einige erwarten bereits eine Parität zum Dollar. Der Euro sei für viele Mitgliedsländer einfach zu stark.

Foto: Quelle: OECD

So hat sich der Euro im Vergleich zu anderen wichtigen Währungen entwickelt
So hat sich der Euro im Vergleich zu anderen wichtigen Währungen entwickelt

Eine harte Währung ist besser als eine weiche. Aber immer mehr Ökonomen zweifeln, dass das Kunstgebilde Euro-Zone und hartes Geld zusammenpassen. Nach dem politischen Schwenk der Europäischen Zentralbank (EZB) senken viele Experten die Daumen: Sie sehen den Euro auf dem Weg zur Weichwährung. Ein weiteres Abbröckeln des Kurses erwarten zum Beispiel Bank of America, Credit Suisse, Lloyds, Morgan Stanley und UBS.

Das Übergreifen der Schuldenkrise auf Spanien in den vergangenen drei Monaten hat den Euro bereits deutlich unter Druck gebracht: Zum Dollar hat die Gemeinschaftswährung seit Mai 5,5 Prozent an Wert verloren und zum Pfund zwei Prozent.

Zum Japanischen Yen verbilligte er sich um beträchtliche 7,3 Prozent. Trotz dieser herben Verluste gehen viele Marktkenner davon aus, dass sich die Talfahrt der Gemeinschaftswährung fortsetzt. Am Montagnachmittag notierte der Euro bei knapp 1,24 Dollar.

Einer der größten Euro-Pessimisten ist Peter Garnry von der dänischen Saxo Bank. Aus Sicht des Ökonomen sind die europäischen Politiker noch immer in der Phase des Leugnens: "Europa ist nicht nur praktisch insolvent, sondern hat auch weiterhin keinen glaubwürdigen Plan für die Zukunft."

Im Vergleich mit anderen Währungen werde der Euro in der Defensive bleiben. Die Saxo Bank sieht die Gemeinschaftswährung gegen Ende des Jahres bei 1,16 Dollar, circa acht US-Cent unter dem jetzigen Niveau.

Wettbewerbsfähigkeit hat sich verschlechtert

Nicht nur Garnry stellt fest, der Euro für viele Länder der Währungsgemeinschaft zu stark ist. Statistiken zeigen, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit zahlreicher Euro-Staat seit Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 1999 beträchtlich verschlechtert hat. Ein wichtiges Kriterium dafür sind die Lohnstückkosten, die angeben, wie viel Lohn für die Herstellung einer bestimmten Ware oder Dienstleistung aufgewendet werden muss. Rechnet man die Währungsentwicklung hinzu, ergibt sich für viele Peripherie-Länder ein dramatisches Bild.

Spaniens und Portugals Lohnstückkosten haben sich seit der Jahrtausendwende in Dollar gerechnet um 80 Prozent erhöht. Ähnliches gilt für Italien. Griechenland, das erste Opfer der Euro-Schuldenkrise, sah sogar eine Verdopplung seiner Lohnstückkosten. Zum Vergleich: Amerikas Lohnstückkosten zogen nur um rund 20 Prozent an.

"Ein sehr viel schwächerer Euro wäre ein wichtiger Beitrag dazu, die Euro-Zone zu erhalten", sagt David Woo, Ökonom bei der Bank of America. Nach seiner Einschätzung wird nicht mal die drittgrößte Euro-Land-Volkswirtschaft Italien auf Dauer einem Euro auf dem jetzigen Niveau gewachsen sein. Woobringtes so auf den Punkt: "Die Währungsunion hat die Wahl zwischen einem sehr viel schwächeren Euro und dem Zerfall."

Beitrag zur Stabilisierung der Euro-Zone

Da die europäische Politik ein Zerbrechen der Währungsunion kategorisch ausgeschlossen habe, sei eine weitere Aufweichung des Euro die logische Konsequenz. Aus Sicht von Woo ist ein schwächerer Euro nahezu "unerlässlich", um die Wettbewerbsfähigkeit der Peripherie-Staaten wieder herzustellen und sie auf einen gesunden Pfad der Wirtschaftsentwicklung zurückzubringen.

Woo sieht einen Fall Richtung Dollar-Parität als wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Euro-Zone als Ganzes. "Eine 20-prozentige Abwertung würde Italiens Wettbewerbsverlust gegenüber den USA um etwa die Hälfte ausgleichen." Ein solcher Wertverfall um ein Fünftel würde den Euro auf die Parität zum Dollar bringen, also auf einen Kurs eins zu eins.

Auch aus historischer Perspektive hat der Euro deutliches Potenzial nach unten. In der Langfristbetrachtung notiert er zu einem Korb wichtiger Währungen immer noch etwa zehn Prozent höher als zur Jahrtausendwende. Im Vergleich mit dem Dollar liegt die aktuelle Höherbewertung sogar bei stolzen 45 Prozent.

Auch Fed betreibt lockere Geldpolitik

Nicht alle Strategen sind so pessimistisch. Zu den Euro-Optimisten gehört Michael Sneyd von der französischen BNP Paribas. Er sieht den Kurs der Gemeinschaftswährung etwa da, wo er im Frühjahr schon mal war, nämlich bei 1,35 Dollar. Der Ökonom weist darauf hin, dass nicht nur die EZB eine lockere Geldpolitik betreibt und die Zinsen drückt, sondern auch die amerikanische Zentralbank Fed und die Bank of England. Andere machen geltend, dass aus Spanien - dem aktuellen Krisenherd - zuletzt entspannende Signale kamen.

In den Staaten der europäischen Währungsunion werden Güter und Dienstleistungen für etwa 13 Billionen Dollar im Jahr erwirtschaftet. Euroland ist der nach den Vereinigten Staaten größte Wirtschaftsblock der Welt. Während Ökonomen den USA 2012 ein Wachstum von rund zwei Prozent zutrauen, ist die Euro-Zone in die Rezession gerutscht. Experten rechnen mit einer ökonomischen Kontraktion von 0,5 Prozent.

Seit Einführung der Gemeinschaftswährung an den Devisenmärkten im Januar 1999 hat der Euro-Kurs stark geschwankt. Der Tiefpunkt wurde im Oktober 2000 bei 0,82 Dollar markiert, das Hoch im April 2008 bei 1,60 Dollar. Im Schnitt kostete die Einheitswährung an den Devisenmärkten 1,2087 Dollar.

So problematisch ein sinkender Euro-Kurs für Verbraucher ist, Anleger können sich gegen den Wertverlust wappnen. Sie sichern sich mit Fonds ab, die im Nicht-Euro-Raum investieren, etwa dem BNY MellonUK (WKN: 798163) oder dem JPM US Value (WKN: 580673).

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autor auf Twitter: Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan.

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Was die EZB darf und was nicht
  • Aufgaben

    Eigentlich ist der Auftrag der Europäischen Zentralbank (EZB) klar umrissen: Die Notenbank soll vor allem die Inflation im Zaum halten und gut 330 Millionen Bürgern in inzwischen 17 Euro-Staaten eine stabile Gemeinschaftswährung sichern. Das tut sie, indem sie Zinsen je nach Bedarf senkt oder erhöht. Doch in der Schuldenkrise in Europa sahen sich die Währungshüter zuletzt immer wieder zu Sondermaßnahmen gezwungen. Ob Aufkaufprogramm für Staatsanleihen kriselnder Euroländer oder Beteiligung am Schuldenschnitt für Athen durch die Hintertür: Die EZB sieht sich dabei innerhalb des ihr zugebilligten rechtlichen Rahmens.

  • Ziel

    Die „Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank“ hält fest: Das „vorrangige Ziel“ des Eurosystems, also der EZB und der nationalen Zentralbanken der Eurostaaten, sei „die Preisstabilität zu gewährleisten“. Zudem sollen die Zentralbanken „die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Union“ unterstützen, „soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist“.

  • EZB-Rat

    Der EZB-Rat kann demnach „mit der Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen über die Anwendung anderer Instrumente der Geldpolitik entscheiden“, die er bei Beachtung dieser Vorgaben „für zweckmäßig hält“. Diesem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank gehören die 17 Vertreter der nationalen Euro-Notenbanken an sowie das EZB-Direktorium, das aus dem EZB-Präsidenten, dem EZB-Vizepräsidenten und vier weiteren Mitgliedern besteht.

  • Finanzierung

    Staatsfinanzierung mit Hilfe der Notenpresse erlauben die EU-Verträge nicht. Die „Konsolidierte Fassung des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union“ legt in Artikel 123 fest: „Überziehungs- oder andere Kreditfazilitäten bei der Europäischen Zentralbank oder den Zentralbanken der Mitgliedstaaten (...) für (.......) Zentralregierungen, regionale oder lokale Gebietskörperschaften oder (........) öffentliche Unternehmen der Mitgliedstaaten sind ebenso verboten wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die Europäische Zentralbank oder die nationalen Zentralbanken.“

  • Unabhängigkeit

    Betont wird überdies die Unabhängigkeit der Zentralbank (Artikel 130): „Bei der Wahrnehmung der ihnen (...) übertragenen Befugnisse, Aufgaben und Pflichten darf weder die Europäische Zentralbank noch eine nationale Zentralbank (.....) Weisungen von Organen, Einrichtungen oder sonstigen Stellen der Union, Regierungen der Mitgliedstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen. Die Organe (....) der Union sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten verpflichten sich, diesen Grundsatz zu beachten und nicht zu versuchen, die Mitglieder der Beschlussorgane der Europäischen Zentralbank oder der nationalen Zentralbanken bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu beeinflussen.“

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