03.08.12

Wall Street

Börsen-Panne vernichtet Millionen in Minuten

Ein technisches Problem bei Knight Capital hat die Wall Street ins Chaos gestürzt, der Handelsfirma droht die Pleite. Der Absturz weckt Ängste vor der Unkontrollierbarkeit des Hochfrequenzhandels.

Von D. Eckert und H. Zschäpitz
Foto: Infografik Welt Online, Bloomberg
Börse
Am 6. Mai 2010 erschütterte ein Flash-Crash die US-Börsen

Die Börse wird zum Geisterhaus. An den meisten Handelsplätzen ist das Parkett nur noch Kulisse für die Fernsehkameras – echte Händler, die aktiv in die Kursgeschehen eingreifen, verschwinden. Zugleich zuckeln die Kurse wie von Geisterhand bewegt auf den Monitoren. Computer handelt mit Computer, das Ganze im Millisekundentakt.

Fehler im Programm können bei dieser computerisierten Börse schwer wiegende Folgen haben. Wie diese Woche zu erleben war: Die IT-Panne einer Handelsfirma namens Knight Capital wirbelte an der Wall Street die Notierungen wichtiger Aktien durcheinander. Die Handelsvolumina schossen für eine Dreiviertelstunde auf monströse Weise nach oben.

Ein mutmaßlich von Computern ausgelöster Börsencrash wie im Mai 2010 blieb diesmal zwar aus (da sich Verkaufs- und Kaufaufträge weitgehend die Waage hielten), doch der Schaden der Geisterstunde an der Börse ist gewaltig, vor allem der psychologische.

Das Vertrauen der Anleger hat einmal mehr gelitten: "Wenn die Kurse jeglichen Bezug zur realen Wirtschaft verlieren und nur noch das Ergebnis wild gewordener Computer sind, dann heißt es für normale Anleger: Ohne uns", sagt Joseph Saluzzi, Geschäftsführer beim US-Broker Themis Trading.

Der Wall-Street-Kenner berichtet von immer mehr Kunden, die ihr Geld vom Aktienmarkt abziehen. Seit dem "Flash-Crash", wie der 1000-Punkte-Absturz des Dow Jones vom 6. Mai 2010 genannt wird, hätten Kleinanleger 300 Milliarden Dollar von der Börse zurückgeholt. Dieser Exodus der Privaten verstärkt wiederum die Macht der Computer.

An der New Yorker Wall Street, dem weltweit führenden Handelsplatz für Aktien, findet mehr als die Hälfte des Handels nur noch unter Computern statt. Manche Ökonomen gehen inzwischen sogar von 60 bis 70 Prozent aus.

Profit mit winzigen Preisdifferenzen

Die Orders werden nicht mal mehr von Menschen angestoßen, sondern von Software-Programmen generiert. Besonders gefährlich ist der sogenannte Hochfrequenzhandel, bei dem Algorithmen (kurz "Algos") eingesetzt werden, um in Bruchteilen von Sekunden durch ein Stakkato von Kauf- und Verkaufsorders kleinste Gewinne aus dem Markt zu ziehen.

Der Grundgedanke ist, mit dem Ausnutzen von winzigen Preisdifferenzen en masse Profit zu machen. Ob der Gesamtmarkt steigt oder fällt, ist den Computer-Programmen dabei egal. Für die Börsenbetreiber sind die Hochfrequenzhändler mittlerweile wichtige Kunden, weshalb sie auch privilegiert behandelt werden.

Sie bekommen zum Beispiel tieferen Einblick in die Orderbücher und die normalen Handelsdaten, mit denen sie ihre Computer füttern können. Außerdem dürfen sie ihre Rechner direkt an die Börse stellen, damit sie dann noch schneller sind als die übrigen Anleger.

US-Finanzfirma ringt ums Überleben

Für den Verursacher des Chaos, Knight Capital selbst, könnte der Zwischenfall das Ende bedeuten. Der US-Finanzfirma brockte der Fehler einen Verlust von 440 Millionen Dollar ein, sie ringt jetzt ums Überleben. Die Aktie hat in zwei Tagen 75 Prozent ihres Werts verloren, der Börsenwert schrumpfte auf gut 250 Millionen Dollar.

Nach Berichten, Knight habe inzwischen einen Notkredit erhalten und die Bücher für mehrere potenzielle Käufer geöffnet, schoss der Kurs am Freitag um mehr als ein Viertel nach oben. Es gehe um einen Einstieg oder eine Übernahme. Unter anderem helfe die Investmentbank Goldman Sachs bei der Suche nach einem Investor, hieß es.

Angesichts möglichen Ärgers mit den Aufsichtsbehörden sei aber unsicher, ob eine große Bank ein ernsthaftes Gebot wage, berichtete der Sender CNBC unter Berufung auf seine Quellen. Inzwischen sei auch das Handelsvolumen drastisch gefallen, weil sich viele Partner verabschiedet hätten.

Kritiker sprechen von Marktmanipulation

Kritiker werfen den Computerhändlern vor, nicht nur die Systeme zu destabilisieren, sondern auch den Markt bewusst zu manipulieren. Es werden zum Beispiel Scheinaufträge platziert, die einen fallenden Aktientrend vorgaukeln.

Kommt dann ein "langsamer" Käufer, ist dieses vorgetäuschte Handelsvolumen plötzlich weg – und der angelockte Schnäppchenjäger wird in einen höheren Kurs gelockt. Oft werden auch Scheinverkaufsaufträge platziert, um andere Aktionäre zum Verkauf zu bewegen und sich selbst günstig einzudecken.

Die Branche hält dem jedoch entgegen, dass sie zusätzliche Liquidität an den Finanzmärkten schaffe. So seien die Geld-Brief-Spannen deutlich gesunken. Doch die Hochfrequenzhändler werden wohl um eine stärkere Regulierung nicht herumkommen.

Deutschland plant Gesetz

In Deutschland sollen alle Handelspraktiken, die "ohne Handelsabsicht" getätigt werden, als Marktmanipulation verboten werden. Marktmanipulation ist ein Straftatbestand und kann hierzulande mit mehreren Jahren Haft geahndet werden. Durchsetzen soll das Verbot die deutsche Finanzaufsicht BaFin.

Ziel des Gesetzes ist aber auch, den Hochfrequenzhandel generell einzuschränken. Denn eine Vielzahl von Trades in äußerst kurzer Zeit destabilisiert noch jedes System.

Davon können auch Aktionäre von Facebook ein Lied singen: Als das Papier des sozialen Netzwerks am 18. Mai an die Börse ging, kam wegen der chaotischen Orderlage für rund eine halbe Stunde gar kein Handel zustande. Anleger und auch Banken haben dadurch Milliarden verloren. Von dem anfänglichen Schock hat sich die Aktie bis heute nicht erholt.

Am Freitag notierte das Papier bei knapp über 20 Dollar. Der Ausgabepreis war bei 38 Dollar festgesetzt worden. Sicher ist das Chaos zu Beginn nicht der einzige Grund für den Kursverfall, doch wiegt der Vertrauensverlust schwer. Facebook hatte das Zeug zu einer Volksaktie der digitalen Generation.

Doch ein Vertrauensverlust gegenüber dem Aktienmarkt ist nicht nur bei Privatanlegern zu beobachten. Auch Unternehmen sehen die geisterhaften Phänomene mit Grausen. "Wir müssen uns nicht wundern, dass die Zahl der Börsengänge eingebrochen ist", sagt Wall-Street-Profi Saluzzi. Die Firmen könnten es ihren Anteilseignern nicht mehr vermitteln, warum der Kurs der Aktie solche Kapriolen schlägt.

Verbinden Sie sich mit den "Welt-Online"-Autoren auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick. Daniel Eckert twittert vor allem zur Entwicklung von Euro, Dollar, Gold und Yuan.

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