28.07.12

Euro-Krise

Zu was der Finanztest-Chef bei der Geldanlage rät

Europa steckt tief in der Wirtschaftskrise. Doch Hermann-Josef Tenhagen mahnt die Deutschen zu Ruhe - und sicheren Anlagen.

Foto: Jakob Hoff
Unabhängig: Hermann-Josef Tenhagen ist seit 1999 Chefredakteur von „Finanztest“
Unabhängig: Hermann-Josef Tenhagen ist seit 1999 Chefredakteur von "Finanztest"

Europa steckt tief in der Wirtschaftskrise. Die Ratingagentur Moody's droht, Deutschland herabzustufen, die Märkte reagieren nervös, Anleger sind verunsichert. Sie sollten aber ruhig bleiben und ihr Geld auf sichere Anlagen und Aktienfonds aufteilen, rät Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur von "Finanztest". Eva Lindner sprach mit ihm über Anlagestrategien, ab wann es sich lohnt, in Immobilien zu investieren, und ob es Sinn macht, Geld zu Hause zu bunkern.

Morgenpost Online: Herr Tenhagen, wenn Sie momentan 100.000 Euro zur Verfügung hätten, was würden Sie mit dem Geld machen? Anlegen oder ausgeben?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich würde es nicht ausgeben. Wie ich es anlege, hängt davon ab, wie lange ich es zur Verfügung habe. Auf jeden Fall ist es wichtig, das Geld zu streuen. Wenn ich es die nächsten zehn Jahre nicht brauche, würde ich 70 Prozent des Geldes für drei Jahre in Festgeld anlegen. Bei den Banken, die momentan gut bei uns abschneiden, bekomme ich dann 3,25 Prozent Zinsen. Die übrigen 30 Prozent des Geldes würde ich in die besten Aktienfonds mit Beimischung Schwellenländer anlegen. Unsere Tests haben gezeigt, dass die in den letzten Jahren bei vergleichbarem Risiko mehr Rendite gebracht haben. Bei kleineren Summen von 10.000 oder 25.000 Euro gilt im Grunde das Gleiche.

Morgenpost Online: Viele Menschen sind unsicher, ob eine Geldanlage überhaupt noch zukunftsträchtig ist. Hat man momentan nicht mehr davon, mit seinem Geld auf Weltreise zu gehen?

Hermann-Josef Tenhagen: Wenn der Job sicher ist und man finanziell keine Probleme hat, kann man das Geld natürlich auch ausgeben. Man sollte aber ungefähr zwei Monatseinkommen auf dem Tagesgeldkonto lassen, damit man nicht in den Dispo muss, falls Kühlschrank und Auto gleichzeitig kaputtgehen. Den Dispo glatt zu ziehen, halte ich für sehr wichtig, da die Banken, gerade auch in Berlin, viel zu hohe Zinsen dafür nehmen. Die beste Rendite ist immer, Schulden zu tilgen.

Morgenpost Online: Lohnt es sich, in Immobilien zu investieren?

Hermann-Josef Tenhagen: Bei Immobilien gibt es immer zwei Kriterien: Das Wichtigste ist die Lage, man muss sich wirklich gut überlegen, ob die gut ist und dort auch in 20 Jahren noch jemand wohnen will. Als Zweites darf der Kaufpreis nicht zu hoch sein, wenn die Immobilie eine Geldanlage sein soll. Das muss man gut durchrechnen. Wenn man eine Eigentumswohnung kauft, bei der die Nettokaltmiete 500 Euro beträgt, darf sie nicht mehr als 120.000 Euro kosten, damit es sich lohnt.

Morgenpost Online: Wie sieht es mit Tagesgeld aus?

Hermann-Josef Tenhagen: Das ist natürlich eine gute Idee, wenn ich schneller wieder an das Geld rankommen muss. Dann kann man es zurzeit etwa für 2,4 Prozent für zwei Jahre anlegen.

Morgenpost Online: Macht es Sinn, abzuwarten, ob sich die Finanzlage im Herbst bessert?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein, Abwarten macht keinen Sinn. Und auch in einem halben Jahr wird die Krise nicht vorbei sein. Ich habe dabei auch keine Angst um das Ersparte der Deutschen, auch nicht um mein eigenes, sondern eher um die wirtschaftlichen Auswirkungen und die Folgen für Export und Arbeitsplätze. Momentan profitieren wir ja auch aus der Krise, zurzeit kann man günstig Autos aus Italien oder Spanien kaufen oder Baukredite bekommen.

Morgenpost Online: Manche irischen oder schottischen Banken locken mit extrem hohen Zinssätzen für Tagesgeld. Sind Anbieter aus dem Ausland vertrauenswürdig?

Hermann-Josef Tenhagen: Wir testen Banken und listen die auf, die die Einlagensicherung der EU haben und glaubwürdig sind. Die haben keine Fußangeln an den Verträgen, auf die man aufpassen muss, im Pleitefall kriegt man das Geld zurück. 100.000 Euro kann man da schon lassen. Mit Banken, die man im Internet findet, sollte man aber schon vorsichtig sein.

Morgenpost Online: Von welcher Geldanlage würden Sie momentan abraten?

Hermann-Josef Tenhagen: Ich würde nicht über einen langen Zeitraum hinweg in Zinsprodukte anlegen, weil man nicht weiß, ob die Inflation nach zehn Jahren nicht doch zu stark ist. Und ich würde nicht sehr kurzfristig Aktien kaufen, das ist immer nur Spekulation, man wird schnell zum Zocker und muss sich sehr intensiv mit den Einzelunternehmen beschäftigen.

Morgenpost Online: Manche Kreditinstitute werben mit Premium-Sparangeboten. Sind solche Lockangebote empfehlenswert?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein, da sollte man gut draufschauen und vergleichen. Manchmal sind es gute Angebote, aber nach ein paar Monaten müsste man schon wieder aktiv werden und sich kümmern. Viele haben dazu aber keine Lust, dann lohnt es sich nicht. Wer sein Geld auf ein gutes Tagesgeldkonto legt, erhält meist mehr Zinsen.

Morgenpost Online: Nicht nur die Griechen, sondern auch viele Deutsche bunkern Geld zu Hause. Ist das klug?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein überhaupt nicht. Die Griechen kann ich ja noch verstehen, die sagen, wenn die Drachme wiederkommt, sind meine Euros mehr wert. Wenn in Deutschland der Euro wegkäme, was ich wegen der Risiken für Arbeitsplätze nicht hoffe, wäre es tendenziell eher so, dass die deutsche Währung aufgewertet werden würde, man macht dann mit dem Euro also Verlust. Im Übrigen ist Geld unter der Matratze sehr riskant, weil zu Hause natürlich ganz schnell alles geklaut werden kann.

Morgenpost Online: Wie sieht es mit Bundesanleihen aus?

Hermann-Josef Tenhagen: Die sind supersicher, bringen aber absolut keine Rendite. Als Steuerzahler bin ich dafür, dass der Bund keine Zinsen anbietet, für Anleger ist das natürlich schlecht.

Morgenpost Online: Beunruhigen Sie die Aussagen von Moody's?

Hermann-Josef Tenhagen: Nein, Moody's sagt ja nichts Neues. Die haben jetzt halt begriffen, dass es in Deutschland einen Länderfinanzausgleich und damit Geldströme gibt. Als Zeitungsleser weiß man doch, dass die wirtschaftliche Lage momentan nicht rosig ist, dafür braucht man kein Rating. Man muss auch nicht immer auf diese Agenturen schimpfen, ihre Geschäftsmodelle sind politisch gemacht. Vor Jahrzehnten schienen gesetzliche Regelungen sinnvoll, die solche Bewertungen durch Ratingagenturen erzwingen. Heute könnte man mal prüfen, ob sie noch erforderlich sind. Die Leute sollten ruhig bleiben. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, die einen nachhaltig irritieren müssten, Kapital deshalb umzuschichten, braucht man definitiv nicht.

Morgenpost Online: Würden Sie heute noch raten, eine Lebensversicherung abzuschließen?

Hermann-Josef Tenhagen: Altersvorsorge mit Versicherungen halten wir bei "Finanztest" immer noch für eine prinzipiell gute Idee. Wir schimpfen aber oft, weil die Kosten, die die Versicherer abziehen, viel zu hoch sind. Wer seit Längerem einen Vertrag hat, sollte auf jeden Fall daran festhalten. Geförderte Altersvorsorge kann man auch neu abschließen, eine klassische Lebensversicherung neu zu unterschreiben, davon würde ich allerdings abraten. Die sind teuer in ihrer Vertriebsstruktur und brauchen lang, bis sie Renditen abwerfen.

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