27.07.12

Libor-Skandal

Wussten Hedgefonds von den Zins-Tricksereien?

Mit ihrem Insiderwissen sollen Fondsmanager womöglich illegal satte Handelsgewinne eingefahren haben. Anleger fürchten Strafzahlungen und fordern umfassende Aufklärung. Interne Ermittlungen laufen bereits.

Foto: Bloomberg
Das Bankenviertel von London. Hier soll ein großer Teil der Libor-Manipulationen stattgefunden haben
Das Bankenviertel von London. Hier soll ein großer Teil der Libor-Manipulationen stattgefunden haben

Die Ermittlungen wegen Zins-Manipulationen bei einer Reihe von Großbanken machen zunehmend auch die Hedgefonds nervös. Denn deren Kunden fordern lückenlose Aufklärung darüber, wie viel die Hedgefonds von den Zins-Tricksereien der Banken wussten und ob sie bei ihren eigenen, teils hochspekulativen Handelsstrategien womöglich von Insiderwissen profitierten, wie mehrere mit der Sache vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten.

Hintergrund ist, dass viele Hedgefonds-Manager aus der Bankenszene kommen, wo sie früher als Händler gearbeitet haben. Auf Investorenseite gebe es daher Sorge, dass am Ende auch auf die Hedgefonds Strafzahlungen zukommen könnten.

Hedgefonds müssen interne Untersuchungen einleiten

Entsprechend groß sei in vielen Fondshäusern der Druck, interne Untersuchungen anzuschieben. Vielerorts liefen sie bereits, um keine Kunden zu verlieren. "Die Leute schauen sich das jetzt sehr genau an", so ein Insider. Offiziell äußert sich niemand aus der Branche zu dem Thema.

Weltweit gehen die Regulierer derzeit Hinweisen nach, dass mehr als ein Dutzend Banken in den Jahren 2005 bis 2009 wichtige Zinssätze durch falsche Angaben verzerrt haben, um ihre Refinanzierungskosten zu verschleiern.

Barclays bekam bereits eine Strafe von einer halben Milliarde Dollar aufgebrummt, auch gegen die Deutsche Bank wird ermittelt. Im Kern geht es um den Referenz-Zinssatz Libor. Er wird einmal täglich in London ermittelt und ist Basis für weltweite Finanztransaktionen wie Hypotheken und Derivate im Volumen von über 500 Billionen Dollar.

Hedgefonds könnten über Netzwerke profitiert haben

Hedgefonds sind an der Festsetzung des Libor zwar nicht beteiligt. Eine Verbindung gibt es über die langjährigen persönlichen Beziehungen aber trotzdem. Wer ein gutes Netzwerk in die Banken pflegt und frühzeitig wusste, wo der Libor steht, hätte seine Positionen darauf ausrichten und satte Handelsgewinne einstreichen können. Das gilt vor allem für jene Hedgefonds-Manager, die auf bestimmte Preisdifferenzen zwischen einzelnen Wertpapieren und dem Libor wetten.

Die Regulierer haben sich bislang nicht dazu geäußert, ob sie auch Hedgefonds durchleuchten. Doch etliche große Fonds gerade in Europa warten erst gar nicht darauf, dass die Ermittler irgendwann vor der Tür stehen.

E-Mails werden nach Schlagwörtern durchforstet

Stattdessen suchten sie intern bereits systematisch nach Hinweisen, ob sich Fondsmanager und Händler bei den Banken über den Libor ausgetauscht hätten, berichteten die Insider. In einem Fall werde sogar mit einer speziellen Software gearbeitet, um alte E-Mails nach bestimmten Schlagwörtern zu durchforsten.

Dass dies alles auf Druck der Investoren geschieht, lässt Branchenkenner aufhorchen. Sie sprechen von einer Zeitenwende. Jahrelang waren die kaum regulierten Hedgefonds der Inbegriff für Intransparenz am Kapitalmarkt. Die Investmentvehikel warben bei Anlegern damit, besser als Vergleichsindizes abzuschneiden und damit eine überdurchschnittliche Rendite abzuwerfen.

Hedgefonds werden nicht mehr den Erwartungen gerecht

Solange dies der Fall war, stellten die Kunden – zumeist vermögende Privatleute, aber auch Profi-Anleger wie Pensionsfonds – keine Fragen. Doch das hat sich geändert. Viele Hedgefonds sind entzaubert, sie können die hohen Renditeerwartungen nicht mehr erfüllen.

Zugleich ist die Kritik an ihnen lauter geworden, wurde ihnen doch in der Finanzkrise vorgeworfen, die Börsen-Turbulenzen mit Leerverkäufen noch verschärft zu haben. Falls jetzt noch Libor-Ermittlungen hinzukommen, kratzt das weiter am Image. Und womöglich stellen dann irgendwann auch die Kunden der institutionellen Hedgefonds-Investoren Fragen.

Quelle: Reuters/dma
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Libor, Euribor, Interbankenhandel
  • Libor

    Der Libor soll den durchschnittlichen Zinssatz angeben, den die Banken für Geldverleih-Geschäfte untereinander verlangen. Er beruht wie sein Gegenstück im Euro-Raum, der Euribor, aber nicht auf echten Transaktionen. Er wird berechnet aus Schätzungen der 18 weltweit wichtigsten Banken, zu welchen Sätzen sie Geld am Interbankenmarkt aufnehmen können. Grundlage sind also nicht tatsächliche Zinsen, sondern die Einschätzung der Banken über ihre Finanzierungsbedingungen.

    Der Libor wird täglich durch den britischen Bankenverband BBA festgestellt. Die höchsten und niedrigsten Werte werden gestrichen. Das sollte Manipulationen eigentlich ausschließen. Den Libor gibt es seit den 80er-Jahren. Der Referenz-Zinssatz ist ausschlaggebend für die Zinsen von zahlreichen Finanzierungen in Dollar. Darunter Hypotheken, variabel verzinste Immobilien-Kredite oder die Zinsen für Kreditkarten.

  • Euribor

    So wird der durchschnittliche Zinssatz bezeichnet, zu dem 57 europäische Banken einander Anleihen in Euro gewähren. Der Euribor ist die Grundlage für zahlreiche Zinsprodukte, die in Euro laufen. Täglich um 11.00 Uhr werden die Euribor-Werte – 15 verschiedene Euribor-Zinssätze mit unterschiedlichen Laufzeiten – festgesetzt. 43 Institute melden dafür ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs berechnet wird. Die im Vergleich zum Libor höhere Zahl der beteiligten Banken soll die Betrugsgefahr senken.

    Den Euribor gibt es seit der Einführung des Euro im Jahr 1999. In Deutschland ersetzte er den Fibor (Frankfurt Interbank Offered Rate). Die Höhe der Euribor-Zinssätze wird in erster Linie durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dazu kommen Faktoren wie etwa das Wirtschaftswachstum, die Höhe der Inflation, die Kreditwürdigkeit und das gegenseitige Vertrauen der Banken sowie das Vertrauen der Verbraucher.

  • Interbankenmarkt

    Auf dem Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Institute, die kurzfristig Geld übrig haben, verleihen es an Banken mit kurzfristigem Finanzbedarf. Dabei wechseln sich Geber- und Nehmerbanken ab. Der Markt funktioniert nur, wenn sich die Banken gegenseitig vertrauen, denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Das Vertrauen ist seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 immer wieder gestört. Deswegen sind die Notenbanken immer wieder eingesprungen, um die Geschäftsbanken mit billigem Geld zu versorgen. Zur Jahreswende 2011/2012 pumpte die Europäische Zentralbank rund 1000 Milliarden Euro in die Geschäftsbanken.

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