26.07.12

Wall Street

Schneller Computerhandel bremst Kleinanleger aus

Der weitgehend automatische Computerhandel sorgt für wundersame Kurskapriolen an den Börsen. Vor allem Kleinanleger haben gegen den Wissensvorsprung der Computer keine Chance.

Foto: Infografik Welt Online
Der Aktienkurs von IBM am 19 Juli 2012
Der Aktienkurs von IBM am 19 Juli 2012

Seltsame Dinge passieren in diesen Tagen an der Wall Street. Wie von Geisterhand bewegen sich die Börsenkurse von Weltkonzernen nach einem festen Rhythmus. Ohne Nachrichten schwankten etwa in der vergangenen Woche die Notierungen von Coca Cola, IBM und McDonalds.

Im Halbstundentakt ging es vom Tageshoch zum Tagestief und wieder zurück. An einem Handelstag wechselten Aktien der drei Multis im Wert von 3,4 Mrd. Dollar die Hände. "Da muss wohl ein großer Computerhändler ein Programm installiert haben, das in 30-Minuten-Intervallen große Stückzahlen an Aktien kauft und wieder verkauft", sagt Bruce Weber von der US-Universität Delaware gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. "Auf alle Fälle sind solche Kapriolen nicht dazu angetan, das Vertrauen der Investoren in die Börse zu stärken", sagt Weber.

Für Anleger ist eine solche Zick-Zack-Bewegung eine neue Erfahrung. Schließlich bringen die drei Konzerne fast eine halbe Billion Dollar auf die Börsenwaage und sind für 14 Prozent des Dow-Jones-Index verantwortlich.

Wundersame Entwicklung auch bei Blue Chips

Doch in Zukunft müssen sich Anleger wohl daran gewöhnen, dass es zu wundersamen Entwicklungen auch bei Blue Chips kommt. Denn der so genannte Hochfrequenzhandel, kurz HFT, gewinnt an Bedeutung. Der HFT besteht aus vollautomatisierten Computern, die auf der Grundlage komplizierter mathematischer Algorithmen innerhalb von Millisekunden Wertpapiere kaufen oder verkaufen.

Die teure Computersoftware ist so programmiert, dass kleinste Preisunterschiede zwischen Wertpapieren blitzschnell gehandelt werden. Die Maschinen reagieren schneller als ein Wimpernschlag auf aktuelle Konjunkturdaten.

HFT macht mehr als die Hälfte aller Deals

Nicht ein Mensch deutet neueste Unternehmensmeldungen, sondern eine aufwendige Worterkennungssoftware. Inzwischen zeichnet der HFT für fast die Hälfte aller Handelsaktivitäten an der Wall Street verantwortlich. In Europa wird jede dritte Transaktion von einer Maschine statt Menschen initiiert.

"Aktienkurse sind zunehmend das Ergebnis von Computerprogrammen und Algorithmen", sagt Joseph Saluzzi von der Handelsfirma Themis Trading. "Der Markt wird zur Geisel der Computer."

Der automatische Kauf und Verkauf zwischen den Rechnern sorgt zunehmend für Unbehagen. Nicht wenige Experten fürchten, dass in Zukunft Computer schwere Turbulenzen auslösen könnten. Wenn immer mehr Investoren mit Hilfe ähnlicher Programme handeln, könnte dies sogar einen Crash auslösen.

"Flash Crash" schaffte 2010 Aufmerksamkeit

Im öffentlichen Bewusstsein ist das Phänomen spätestens seit dem sogenannten "Flash Crash" im Mai 2010. Damals brach der Dow Jones Index an der Wall Street binnen weniger Minuten erst um zehn Prozent ein, um danach den Großteil der Verluste wieder wettzumachen. Wie von Geisterhand waren zwischenzeitlich fast eine Billion Dollar an Marktwert verschwunden.

Nicht erst diese Episode belegt, dass die neue Marktmacht zu Lasten der "normalen" Sparer geht. Denn immer stärker schwankende Kurse, abzulesen etwa am Index VDax, stellen per se ein Risiko dar. Nicht nur das. Gegen die Hochfrequenzhändler können klassische Investoren nur verlieren.

Denn die Anbieter gehören zu den größten Kunden der Börsen und werden von diesen mit großen Mengen an Daten versorgt. Die Handelsinformationen werden mithilfe ausgeklügelter Programme ausgewertet. Auf diese Weise lassen sich bestimmte Entwicklungen antizipieren.

Kleinanleger ist der Dumme

Außerdem wissen die Computer aufgrund der ausgewerteten Verhaltensmuster sofort, ob es sich bei ihrem potenziellen Gegenüber um einen erfahrenen Anleger handelt oder aber ein Greenhorn. Durch ihre privilegierte Stellung bei den Börsen haben die Hochfrequenzhändler zudem einen tieferen Einblick in die Orderbücher. Sie können sehen, wo Investoren ihre Kauf- und Verkaufslimite gesetzt haben und diese Informationen gezielt nutzen.

Hat etwa ein Anleger bei Aktie X eine Verlustbegrenzung bei 100 Dollar gesetzt, können die Computer versuchen, das Wertpapier bewusst kurz unter die 100-Dollar-Marke zu drücken und die Stopp-Loss-Order sozusagen abfischen. Der Kleinanleger ist der Dumme, weil er seine Aktie zu einem ungünstigen Preis losgeworden ist.

Börsen verkaufen ihre Daten an HFT-Händler

"Die Börsen verkaufen ihre Daten an die Hochfrequenzhändler zum Schaden der seriösen Anleger", sagt Saluzzi. Benachteiligt seien nicht nur die Halter einzelner Aktien. Gerade auf börsengehandelte Indexfonds, die ETF, hätten es Computerhändler abgesehen. Hier käme es häufig zu Mini-Differenzen zwischen dem Fondswert und dem zugrunde liegenden Index, den die Maschinen ausnutzten, zum Schaden der ETF-Halter.

Überdies werfen Kritiker den Computerhändlern vor, den Markt bewusst zu täuschen. So würden beispielsweise Scheinaufträge platziert, die einen fallenden Aktientrend signalisieren. Kommt dann ein "langsamer" Käufer, ist diese Liquidität plötzlich weg und der Anleger kauft zu einem höheren Kurs. Oft würden Scheinverkaufsaufträge platziert, um andere Aktionäre zum Verkauf zu locken und sich selbst günstig einzudecken.

HFT-Branche argumentiert mit besserer Liquidität

Die Branche hält dem entgegen, dass sie zusätzliche Liquidität an den Märkten schaffe. So seien die Geld-Brief-Spannen deutlich gesunken. Doch die Hochfrequenzhändler werden wohl um eine stärkere Regulierung nicht herum kommen.

Die neue europäische Finanzmarktrichtlinie Mifid2 sieht vor, dass sich die Anbieter registrieren lassen müssen. So wollen die Aufsichtsbehörden die Computerhändler und deren Algorithmen besser überwachen und mehr Transparenz schaffen.

Darüber hinaus existieren Gedankenspiele, mit Hilfe einer Finanztransaktionssteuer, die Handelsaktivitäten in Millisekunden unattraktiver zu machen. In Deutschland ist im Gespräch, eine Mindesthaltedauer einzubauen, um Chancengleichheit mit anderen Finanzmarktakteuren zu erreichen.

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autor auf Twitter. Holger Zschäpitz hat vor allem die weltweite Verschuldung der Staaten im Blick.

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