19.07.12

Bankkunden

Dispozins zu hoch, aber Regierung will kein Gesetz

Das Verbraucherschutzministerium hat in einer Studie die Dispozinsen untersuchen lassen. Meistens sind sie zu hoch. Doch vor gesetzlichen Eingriffen schreckt das Ministerium zurück.

Foto: Infografik Welt Online
Disposätze in ausgewählten EU-Staaten
Disposätze in ausgewählten EU-Staaten

Viele Banken und Sparkassen kassieren für die Überziehung des Kontos zu hohe Zinsen von ihren Kunden. Bereits mit Zinssätzen von zehn Prozent im Jahr könnten Kreditinstitute "profitabel arbeiten", heißt es in einer Studie im Auftrag des Bundesverbraucherschutzministeriums.

Verlangt werden derzeit aber bis zu 14 Prozent. Vor allem die großen Filialbanken greifen beim Dispozins kräftig zu. Ministerin Ilse Aigner (CSU) lehnt gesetzliche Eingriffe dennoch ab. Sie beließ es bei einem Appell, dass Banken und Sparkassen für "faire Konditionen und volle Transparenz" zu sorgen hätten.

Die Autoren legen auf den 254 Seiten der Studie dar, warum die zum Teil hohen Zinsen ungerechtfertigt sind. Weder habe sich der Bearbeitungs- und Verwaltungsaufwand in den vergangenen Jahren erhöht, noch seien die Ausfallquoten mit im Schnitt höchstens 0,3 Prozent auffallend hoch. Im Gegenteil: Bei Konsumentenkrediten, deren Zins deutlich niedriger liegt, betrage die Ausfallquote sehr viel höhere 2,5 Prozent.

Dispozinsen hängen Geldmarkt hinterher

Zudem wird in der Studie mehrfach darauf hingewiesen, dass sich die Refinanzierungskosten der Banken am Geldmarkt in jüngster Zeit erheblich reduziert haben. Die Dispozinsen seien aber nicht unmittelbar und in gleichem Maße gefallen.

Es sei naheliegend, so die Autoren, "dass die Erträge aus dem Dispokreditgeschäft die Kosten, die dem Kreditinstitut für dieses einzelne Produkt entstehen, deutlich übersteigen, so dass sie zur Quersubventionierung anderer Leistungen oder zur Gewinnsteigerung verwendet werden". Als Beispiel wird das für viele mittlerweile selbstverständliche "kostenlose Girokonto" genannt.

Rund 80 Prozent der Haushalte verfügen über einen Dispo-Kreditrahmen, wodurch Kunden jederzeit und ohne gesonderten Antrag ihr Konto überziehen können. Das Kreditlimit liegt ungefähr beim doppelten des monatlichen Nettoeinkommens.

Überziehungszinsen sind noch höher

Wer sich innerhalb des Rahmens bewegt muss Dispozinsen zahlen, geht es über den von der Bank vorab genehmigten Bereich hinaus, sind die noch höheren Überziehungszinsen fällig.

Jeder sechste Haushalt nimmt den Dispokredit regelmäßig in Anspruch. Dabei gilt: Je geringer das Einkommen, desto häufiger landen Kunden im Minus. Wobei die Gleichung, niedriges Einkommen, hohe Verschuldung nicht immer gilt, wie die Untersuchung zeigt.

Denn auch 20 Prozent der Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 5000 Euro und mehr überziehen ihr Konto regelmäßig, mindestens vier Mal im Jahr. Besonders rege wird das teure, aber flexible Darlehen von Menschen zwischen 25 und 34 Jahren genutzt – Menschen im Rentenalter greifen dagegen kaum darauf zurück.

Verbraucher nicht unschuldig an hohen Dispozinsen

Aus Sicht der Autoren sind die Verbraucher nicht unschuldig an den hohen Zinsen. Kaum ein Kunde mache seine Kontenwahl von den Preisen beim Dispokredit abhängig. Dies deckt sich mit einer ebenfalls vom Ministerium in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage: Demnach weiß nicht einmal jeder zweite Kunde, wie hoch sein Dispozins ist. Der Anteil ist besonders hoch unter jungen Menschen und jenen mit einem geringen Einkommen – und damit ausgerechnet unter den Hauptnutzern des Kredits.

Zu den teuersten Anbietern gehört die Commerzbank. Sie betreibt gerade wieder einen großen Werbeaufwand, um ihr "kostenloses Girokonto" zu verkaufen. 50 Euro Startguthaben plus eine kostenlose Kreditkarte dienen als Lockmittel. Die Zinsen für die Überziehung des Kontos suchen Interessierte auf den Werbeseiten vergeblich.

Transparenz muss besser werden

Die stehen lediglich im Preisaushang der Bank. Genau hier will Bundesverbraucherschutzministerin Aigner ansetzen. "Es kann nicht sein, dass man eine Stunde lang auf der Internetseite einer Bank suchen muss, bis man die Höhe des Dispozinses findet", sagte sie. Die Kunden bräuchten umfassende Informationen, damit sie vergleichen und das für sie beste Angebot auswählen könnten.

Die Kreditwirtschaft hält die Kritik insgesamt für unangemessen. Kunden könnten unter einer Vielzahl von Angeboten an Dispositionskrediten und anderen Verbraucherkrediten mit unterschiedlichen Konditionen wählen, teilte der Dachverband der Sparkassen, Genossenschaftsbanken und privaten Institute mit.

Geldhäuser verstecken den Dispozins

Zu dem Vorwurf, viele Geldhäuser würden die Höhe der Zinsen verstecken, was einen Vergleich erschwert, ging die Lobbyorganisation nicht ein. Bei der Commerzbank hieß es, man werde sich die Untersuchung anschauen.

Mit einer anderen Passage wird die Kreditwirtschaft dagegen kaum Protest bei Verbraucherschützern provozieren: "Überziehungskredite sind grundsätzlich nur als Überbrückung für kurze Zeit gedacht", heißt es.

Konsumentenkredite sind preiswerter

Wer eine längerfristige Finanzierung benötige, solle dafür andere Angebote wie zum Beispiel Konsumentenkredite nutzen. Verbraucherschützer empfehlen Kunden, deren Konto längere Zeit im Minus liegt, seit langem eine solche Umschuldung. Diese ist allerdings nicht immer möglich, wie die Autoren der Studie feststellten, da Banken bei der Vergabe eines Ratenkredits oft strengere Kriterien anlegen

Ein Eingriff der Politik, beispielsweise eine Preisobergrenze, wird in der Studie abgelehnt. Der bestehende gesetzliche Rahmen sei ausreichend, um Zinsanpassungen transparent zu gestalten, so könnten Banken beispielsweise einen gering schwankenden Referenzzinssatz wählen, damit selbst bei einem allgemein steigenden Zinsniveau die Dispozinsen sich nur geringfügig erhöhen.

Niedriger Dispo zieht macht Kontoführung teurer

Gerade angesichts des aktuellen Niedrigzinsumfeldes warnen Beobachter vor einer strikten Koppelung des Dispozinses an einen Marktzins. Denn dann wären bei wieder anziehenden Marktzinsen noch höhere Dispozinsen programmiert.

Eine feste Zinsobergrenze wird ebenfalls abgelehnt. Dadurch würde ein zulässiger Preis manifestiert, sagte Aigner. Die Studienautoren können sich einen Grund vorstellen, niedrigere Zinssätze gesetzlich vorzuschreiben: Sinkende Dispozinsen gingen wegen der geringeren Quersubventionierung womöglich mit höheren Kontoführungsgebühren einher. Dies könne politisch gewollt sein, da dann besonders Arbeitslose und Alleinerziehende, die oftmals auf einen Dispokredit angewiesen seien, entlastet würden und es zu einer allgemeineren Preisgerechtigkeit komme.

Das sollten Verbraucher bei Dispokrediten beachten

Wo erfahren Bankkunden, wie hoch ihre Dispozinsen sind?

 

Banken informieren darüber mit Aushängen in ihren Filialen oder auf ihren Internetseiten. Auch die Berater erteilen Auskunft.

Eine weitere Informationsquelle ist der Kontoauszug, wenn fällige Zinsen abgerechnet werden, etwa zum Ende eines Quartals. Dann müssen die Konditionen auf den Kontoauszügen abgedruckt werden.

Um die Dispozinsen verschiedener Institute zu vergleichen, gibt es spezielle Internetseiten wie fmh.de oder biallo.de.

Was sind die Vor- und Nachteile von Dispokrediten?

 

Vorteil ist, dass eingeräumte Dispokredite nicht erst beantragt werden müssen, sondern sofort verfügbar sind.

Die Zinszahlungen verringern sich zudem mit jedem Zahlungseingang auf dem Girokonto; es gibt keine festen monatlichen Raten zur Rückzahlung.

Nachteil ist die Zinshöhe, die oft im zweistelligen Bereich liegt. Außerdem können Banken Dispokredite kurzfristig kündigen und zurückfordern, etwa wenn sie Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Kunden bekommen.

Wie können Bankkunden hohe Dispozinsen umgehen?

 

Verbraucher können mit ihrem Institut vereinbaren, dass ein Konto nicht überzogen werden darf. Finanzexperten raten aber dazu, zumindest einen Dispo-Rahmen von 500 Euro zu belassen.

So ist es möglich, dass regelmäßig fällige Beträge wie etwa Telefonrechnungen auch etwa während einer Urlaubsreise abgebucht werden können.

Dadurch lassen sich unter Umständen teure Mahngebühren sparen, welche die Kosten für Dispozinsen übersteigen können. Bankkunden können daneben mit ihren Instituten auch über die Höhe der Dispozinsen verhandeln.

Gibt es Alternativen zum Dispokredit?

 

Bei größeren Ausgaben raten Verbraucherschützer davon ab, das Girokonto dauerhaft zu überziehen. Sie empfehlen einen Raten- oder Abrufkredit mit niedrigeren Zinsen.

Ratenkredite sind Darlehen über eine bestimmte Summe und einen bestimmten Zinssatz, die in einem festen Zeitraum zurückgezahlt werden.

Abrufkredite funktionieren ähnlich wie Dispokredite mit einem Kreditrahmen, jedoch muss meist monatlich ein bestimmter Betrag zurückgezahlt werden.

Quelle: AFP

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Rehearsals - 58th Eurovision Song Contest
22:47Live-Ticker
Rumäniens Dracula-Kastrat malträtiert ESC-Publikum

Beim Eurovision Song Contest im schwedischen Malmö geht es heute Abend um die internationale Schlagerkrone. Deutschland schickt mit "Glorious" von "Cascada" einen aussichtsreichen Titel ins Rennen. mehr...

Die Norwegerin Margaret Berger gilt als Favorit
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest - Stimmen Sie für Ihren Favoriten

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...


Tod im Badeparadies: Ein 15-Jähriger starb in „Tropical Island“
18:28Badeunfall
15-Jähriger stirbt beim Baden im Freizeitparadies "Tropical Islands"

Im Freizeitbad "Tropical Islands" ist ein Jugendlicher leblos im Wasser gefunden worden. Der Junge wurde noch in eine Klinik gebracht. Doch alle Versuche, ihn wiederzubeleben, scheiterten. mehr...


Madleen Borngräber leidet an einer seltenen Krankheit
17:35Krebs-Gen wie Angelina Jolie
Warum sich eine Berliner Studentin die Brüste amputieren ließ

Madleen Borngräber (25) trägt das Krebs-Gen in sich. Deshalb ließ sie sich vorsorglich die Brüste entfernen. Genau wie Schauspielerin Angelina Jolie, die vor kurzem damit an die Öffentlichkeit ging. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote