21.06.12

US-Notenbank

Operation Twist – Milliarden Dollar für die Märkte

Die amerikanische Notenbank Fed pumpt als Konjunkturspritze 267 Milliarden Dollar in den Markt und brandmarkt die Europäer als Wachstumsbremse

Quelle: dapd
21.06.12 1:30 min.
Die US-Notenbank musste ihre Prognose für das US-Wachstum in diesem Jahr deutlich senken. Fed-Chef Ben Bernanke kündigte nun an, die US-Wirtschaft mit umgerechnet rund 200 Milliarden Euro zu stützen.

Jahrzehntelang hat sich die US-Notenbank, die Federal Reserve (Fed), erfolgreich dagegen gewehrt, nach ihren Zinsentscheidungen Pressekonferenzen zu geben. In den Genuss, dem mächtigsten Notenbanker der Welt Fragen zu stellen, kommt die Öffentlichkeit erst seit April 2011.

Alle drei Monate sitzt Fed-Chef Ben Bernanke nun im fünften Stock der Fed-Zentrale in Washington, um den Journalisten Rede und Antwort zu stehen. In den Fragerunden gab sich der ehemalige Wirtschaftsprofessor bislang stets, wie es sich für ein guten Notenbanker gehört: zurückhaltend und verschlossen. Bis zu diesem Mittwoch.

In ihrer Sitzung hatte die Fed zuvor beschlossen, weitere 267 Milliarden Dollar (211 Milliarden Euro) in die Märkte zu pumpen, um der wieder schwächelnden US-Konjunktur auf die Beine zu helfen. Das frische Geld soll die längerfristigen Zinsen niedrig halten und, so die Hoffnung, Kredite und Investitionen ankurbeln.

Europa bremst die US-Entwicklung

In der Erklärung der Fed zu ihrer Entscheidung tauchte "Europa" zwar mit keinem Wort auf. Doch in der Pressekonferenz ließ Bernanke keinen Zweifel daran, wer mit schuld am Straucheln der US-Konjunktur ist: "Die europäische Situation bremst das US-Wirtschaftswachstum", sagte der Notenbank-Chef mit finsterem Gesicht. Die Krise in Europa führe zu großen Problemen auf den Finanzmärkten und sei auch für die USA "ein signifikantes Problem". Das saß.

Lange Zeit schien es so, als könnten sich Teile der Weltwirtschaft von der europäischen Schuldenkrise abkoppeln. Mit der US-Konjunktur ging es Anfang des Jahres bergauf, die chinesische Wirtschaft zeigte sich ebenfalls unbeeindruckt. Und in Europa galt Deutschland als Insel der Glückseligen, während rundherum ein europäisches Land nach dem anderen in die Rezession rauschte.

Die neuesten Daten malen ein tristes Bild von der globalen Konjunktur, und nun trifft es ausgerechnet die Wachstums-Lokomotiven. Für die taumelnde Euro-Zone sind dies verheerende Nachrichten. Ohne Wachstum wird es für sie noch schwerer, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.

Deutschland rettet die Euro-Zone

Schon Anfang des Jahres konnte sich die Euro-Zone einzig und allein bei Deutschland bedanken, leicht gewachsen zu sein. Das starke Wachstum in der Bundesrepublik hatte der gesamten Währungsunion zu einer schwarzen Null verholfen. Im zweiten Quartal droht die Wirtschaft in der Euro-Zone nun aber zu schrumpfen. "Die Stabilisierung der Euro-Wirtschaft im ersten Vierteljahr 2012 war nur eine kurze Unterbrechung der Talfahrt.

Sorgen bereitet, dass inzwischen auch Deutschland zunehmend in den Abwärtssog der Staatsschuldenkrise gerät. Der Einbruch der Einkaufsmanagerindizes spricht eine deutliche Sprache", heißt es einer Analyse der Commerzbank.

Der vom Markit-Institut erhobene Einkaufsmanagerindex fiel im Juni auf um 0,8 auf 48,5 Punkte – die Geschäfte von 1000 befragten Unternehmen liefen damit so schlecht wie seit drei Jahren nicht mehr. "In den deutschen Unternehmen setzt sich zunehmend die Ansicht durch, dass die Turbulenzen in der Euro-Zone die Geschäftsaussichten für die zweite Jahreshälfte 2012 bereits beschädigt haben", sagte Markit-Ökonom Tim Moore.

Am schlimmsten hat es die Industrie erwischt, deren Exportgeschäft stark unter der Abkühlung der Weltkonjunktur und der Euro-Krise leidet. Die Industrie strich so viele Stellen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Aber auch die Dienstleiter sind pessimistisch: Sie nahmen ihre Prognose für die kommenden zwölf Monate so stark zurück wie noch nie seit Beginn der Umfrage vor 15 Jahren.

Sorgen in den Schwellenländern

Neben Deutschland machen sich auch andere Boomländer plötzlich Sorgen. China etwa. Im Juni lag der entsprechende Einkaufsmanagerindex den achten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Von Mai auf Juni sank der Indikator um 0,3 Punkte auf 48,1 Zähler. In den USA trübte sich die konjunkturelle Lage ebenfalls ein. Die zuletzt schwache Industrieproduktion macht den 12,7 Millionen arbeitlosen Amerikanern wenig Hoffnung Jobs zu finden. Im Mai wurden nur 69.000 neue Stellen geschaffen, weniger als erwartet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte deshalb vor großen Risiken für die Weltwirtschaft. Das weltweite Wirtschaftswachstum schwäche sich anscheinend ab, heißt es im IWF-Bericht für die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20). In den USA und in einigen anderen Industrieländern bestehe im kommenden Jahr deshalb das Risiko, dass sich die Haushaltslage deutlich verschlechtert.

Wie stark die globale Konjunktur bereits schwächelt, lässt sich am Ölpreis ablesen. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent etwa 91 Dollar und notierte damit so niedrig wie seit Dezember 2010 nicht mehr. Die fallenden Ölpreise sind ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage sinkt, weil die Einkäufer einen Rückgang der Industrieproduktion erwarten.

Chefvolkswirt der Commerzbank warnt vor Panik

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt aber davor, in Panik zu verfallen. "Um die Volkswirtschaften in Asien und Amerika mache ich mir keine großen Sorgen." Das zuvor überbordende Wachstum in China lasse nach, worauf die Regierung gedrängt hatte, um eine Überhitzung zu vermeiden. Und die USA arbeiteten sich – wenn auch langsam – aus der Talsohle heraus. So sei die Zahl unverkaufter Häuser deutlich zurückgegangen, sagt Krämer. "Das eigentliche Risiko für die Weltwirtschaft geht vom Euro-Raum aus."

Die Hoffnungen ruhen nun auf den Zentralbanken. Experten setzen auf eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB hatte bereits auf ihrer vergangenen Sitzung über eine Zinssenkung debattiert und wird dies wohl auch auf ihrer nächsten Sitzung tun, sagte Direktoriumsmitglieds Benoit Coeure der "Financial Times".

Und auch in den USA fordern Ökonomen von der Fed ein entschiedenes Handeln. Die 267 Milliarden Dollar, die die Fed nun beschlossen hat, seien nicht genug gewesen. "Die Fed muss die Geldpolitik weiter lockern", sagt der Chefökonom von Goldman Sachs, Jan Hatzius. Die letzten Aufkaufprogramme der Fed seien "hilfreich für das Wachstum" gewesen, die damit verbundenen Kosten seien gleichzeitig "sehr gering" gewesen.

Mehr Geld bedeutet auch keine Lösung

Viele deutsche Ökonomen sehen das anders. Die Krise sei nicht damit zu lösen, immer mehr Geld ins System zu pumpen. Das habe die Finanzkrise erst verursacht. Für viele Experten ist jedoch ausgemacht, dass die Fed die Schleusen bald öffnen wird. "Ein neues Aufkaufprogramm kommt", prognostiziert Anlagestratege Daniel McCormack von der Macquarie Bank. "Es ist nur eine Frage der Zeit."

Bernanke ließ die Tür für ein weiteres Programm auf der Pressekonferenz weit offen. Zwar hoffe er, dass Europa Maßnahmen zur Lösung der Krise ergreife. "Aber wir würden sicherlich auch weitere Staatsanleihen-Käufe in Erwägung ziehen, wenn die Wirtschaft einer weiteren Stärkung bedarf", sagte er. Das Anleihenprogramm, das Bernanke nun bis Ende des Jahres verlängerte und über das er die weiteren 267 Milliarden Dollar in die Märkte pumpt, trägt den Namen "Operation Twist". Gut möglich, dass Bernanke statt "Twist" bald "Rock'n Roll" auflegt und den Märkten gibt, wonach sie verlangen.

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