18.06.12

Finanzmärkte

Wahlergebnis in Athen beflügelt Börsen und Euro

Die Euro-Befürworter haben die Wahl in Griechenland gewonnen, die Börsen reagieren mit kräftigen Kursaufschlägen. Doch einige Analysten bleiben skeptisch. Die Probleme Europas seien noch nicht gelöst.

Foto: REUTERS
Börse Tokio
Ein Passant beobachtet in Tokio die Entwicklung der Börsenkurse: In Asien reagierten die Märkte erleichtert auf den Ausgang der Griechenland-Wahl

Aufatmen an den Finanzmärkten: Der Sieg der Euro-Befürworter bei der Wahl in Griechenland hat Investoren zum Einstieg in die Aktienmärkte animiert. Auch der Euro legte zu. Im Gegenzug verließen viele Investoren den "sicheren Hafen" Bundesanleihen.

Dax und EuroStoxx50 stiegen zur Eröffnung um jeweils rund ein Prozent auf 6306 beziehungsweise 2198 Punkte. Die Leitindizes in Paris, Madrid und Mailand gewannen zwischen ein und 1,8 Prozent. Der europäische Bankenindex notierte 1,9 Prozent höher. Auch der Euro verlor nach einem zwischenzeitlichen Monatshoch im Handelsverlauf wieder an Boden. Der Kurs sackte vom höchsten Stand seit Ende Mai bei 1,2747 US-Dollar wieder um mehr als einen Cent ab.

"Der Wahlausgang ist für die Märkte sicherlich eine gute Nachricht, da hierdurch eine Einigung mit EU, IWF und EZB auf ein neues Hilfsprogramm und damit der Verbleib des Landes in der Währungsunion wahrscheinlicher werden", sagte Commerzbank-Volkswirt Christoph Weil. "Allerdings könnte sich die nun wohl folgende Erleichterung an den Märkten als kurzlebig erweisen."

Am späten Vormittag war es bereits so weit: Ein Rekordhoch spanischer Anleiherenditen verdrängte die Erleichterung über den Wahlausgang in Griechenland. Nach einem anfänglichen Anstieg bis auf 6316 Punkte schmolzen die Gewinne im Dax zuletzt bis auf 0,31 Prozent und 6248,95 Punkte zusammen. Zwischenzeitlich lag der Leitindex sogar minimal im Minus.

Die Börsen in Asien hatten zuvor Kursgewinne verzeichnet. "Das schlimmste Szenario ist fürs erste abgewendet", sagte Hiroichi Nishi von SMBC Nikko Securities der Agentur Kyodo. An der asiatischen Leitbörse in Tokio zog der Nikkei-Index um zwei Prozent auf 8737 Zähler an. Der chinesische Shanghai Composite stieg um 0,5 Prozent auf 2319 Punkte.

Finanzlage Spaniens macht weiter Sorgen

Allerdings stellten Analysten die Frage, wie nachhaltig die Erholung sei. So sagte Viola Julien von der Helaba, die strukturellen und konjunkturellen Probleme der Euro-Periperieländer blieben bestehen. Dominic Schnider von der UBS sagte: "Ich denke nicht, dass wir eine langanhaltende Rally sehen werden."

Die Probleme seien nach wie vor da, es gebe noch immer große finanzielle Schwierigkeiten und das betreffe eben nicht nur Griechenland, sondern auch Spanien und andere.

"Es gibt ein kurzfristiges Aufatmen", sagte Belinda Allen, Investmentanalyst bei Colonial First State Global Asset Management in Sydney der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg. "Wir alle wissen, dass Griechenland noch einen langen und harten Weg vor sich hat und die Probleme Europas durch diese Wahl nicht gelöst sind", so Allen.

Bei den Parlamentswahlen war die konservative Nea Dimokratia am Sonntag nach Auszählung fast aller Stimmen mit knapp 30 Prozent stärkte Kraft geworden. Zusammen mit der sozialistischen Pasok würde sie über eine Mehrheit im Parlament verfügen. Beide Parteien haben sich für die Beibehaltung des Sparkurses und einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone ausgesprochen.

Währungsexperte Peter Dragicevic von der Commonwealth Bank of Australia mahnte mit Blick auf Griechenland jedoch zur Vorsicht: "Es gibt noch einige Unsicherheit darüber, wie die Regierung aussehen wird." Hier warte der Markt auf Klarheit.

Wie Deutschland sich für die Krise rüstet

Die deutsche Wirtschaft hat trotz der weiter schwelenden Krise in Griechenland, Spanien und anderen Euro-Ländern gute Aussichten auf einen robusten Aufschwung.

 

Vier Gründe, warum das so ist:

 

1. DIE ABHÄNGIGKEIT VON EUROPA SINKT

Keine Frage: Europa war, ist und bleibt ein wichtiger Markt für die Exportnation Deutschland. Allerdings lässt die Bedeutung merklich nach. 2011 gingen nur noch 59,2 Prozent der Exporte in die Europäische Union. Das ist der niedrigste Wert seit 20 Jahren – und er dürfte noch deutlicher zurückgehen.

"Bis Ende dieses Jahrzehnts dürfte der Anteil der EU an unseren Exporten unter die Marke von 50 Prozent fallen", sagt der Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. "Grund dafür ist, dass die Schwellenländer auch künftig stark wachsen werden – und damit auch unsere Ausfuhren dorthin."

China könnte schon in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden nach Frankreich aufsteigen. Für Unternehmen wie die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt.

Selbst wenn der EU eine jahrelange Flaute droht, dürften die Exporteure gute Geschäfte machen. Aufstrebende Staaten in Asien, Lateinamerika und Afrika investierten zunehmend in ihre Infrastruktur, in den Aufbau moderner Produktionsstätten und in umweltschonende Technologien.

Die deutschen Unternehmen haben die passenden Produkte dafür. Und diese werden wegen der Euro-Krise auch noch billiger: Sie drückt den Kurs der Gemeinschaftswährung schon seit langem. In den vergangenen Wochen lag er zeitweise er auf einem Zweijahrestief.

2. DEUTSCHLAND WIRD ALS STANDORT ATTRAKTIVER

Wer in Europa investieren will, der kommt nur schwerlich an Deutschland vorbei. Die Bundesrepublik gehört als einziger Euro-Staat zu den zehn wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt, fand die Schweizer Business School IMD bei einer weltweiten Umfrage unter Tausenden Geschäftsleuten heraus. Gut ausgebildete Beschäftigte, politische Stabilität und eine zuverlässige Infrastruktur gelten als größte Pluspunkte.

Nach einer Umfrage der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young unter 400 Unternehmen in China ist Deutschland in Europa das mit großem Abstand begehrteste Ziel für Investitionen und Zukäufe. 63 Prozent haben ihre Europa-Zentrale in Deutschland angesiedelt, Frankreich folgt abgeschlagen mit 13 Prozent.

3. DIE KRISE SORGT FÜR EINEN BAUBOOM

Bundeswertpapiere werden von verunsicherten Anlegern weltweit gesucht – mit der Folge, dass deren Zinsen von einem Rekordtief zum nächsten eilen, zumal die Europäische Zentralbank ihren Leitzins in den kommenden Monaten angesichts der Rezession in vielen Euro-Ländern auf neue Rekordtiefs senken könnte. Das alles macht Baugeld in Deutschland so billig wie noch nie.

Deutschland erlebt deshalb einen Bauboom. 2011 wurden rund 15 Prozent mehr Wohnungen fertiggestellt. Im ersten Quartal 2012 zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. "Die ausgesprochen gute Lage am Bau strahlt auf andere Wirtschaftsbereiche aus", sagt die Bundesbank. Am stärksten profitieren das Handwerk und baunahe Dienstleister.

4. DEM STAAT BLEIBT SPIELRAUM FÜR KONJUNKTURIMPULSE

Zeichnet sich ein Abschwung in Deutschland ab, muss die Bundesregierung dem nicht untätig zusehen. Während Griechenland, Spanien & Co. in der Rezession noch Steuern erhöht, Ausgaben gekürzt und die Krise damit noch verschärft haben, muss die Bundesregierung dies nicht tun. Im Gegenteil: Sie kann sogar gezielte Konjunkturimpulse setzen.

Nach Prognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) werden Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung in diesem Jahr einen Überschuss von 15 Milliarden Euro erwirtschaften. Damit können beispielsweise Sozialbeiträge gesenkt werden, um die Bürger zu entlasten und den Konsum anzukurbeln.

Auch ist genügend Geld da, um wie während der Finanzkrise 2008/09 Kurzarbeit zu finanzieren und Entlassungen zu verhindern. Damals gab es weit mehr als eine Million Kurzarbeiter, für deren Lohneinbußen die Bundesagentur für Arbeit aufkam.

Auch milliardenschwere Investitionen kann der Staat anschieben, etwa durch den wegen der Energiewende ohnehin notwendigen Ausbau der Stromnetze.

 

 

Quelle: Reuters

Quelle: Reuters/dpa/cat
Quelle: Reuters
17.06.12 1:00 min.
Zur Regierungsbildung braucht die stärkste Partei Neue Demokratie einen Koalitionspartner. Anbieten würde sich die sozialistische Pasok. Beide zusammen haben den Hochrechnungen zufolge eine Mehrheit.
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So geht es weiter in Griechenland
  • Leere Kassen

    Griechenland muss nach den Parlamentswahlen nun versuchen, eine handlungsfähige Regierung zu bilden. Das Land hat voraussichtlich noch bis Mitte Juli Geld, um Renten und Löhne von Staatsbediensteten zu bezahlen. Auch das Sparprogramm für 2013 und 2014 ist noch nicht mit den Geldgebern geklärt.

  • Regierungsbildung

    Das Verfahren zur Bildung einer Koalitionsregierung ist definiert im Artikel 37 der griechischen Verfassung. Demnach wird Staatspräsident Karolos Papoulias den Chef der stärksten Partei Nea Dimokratia (ND), Antonis Samaras, mit den Sondierungen beauftragen. Die konservative Nea Dimokratia bekam bei den Wahlen am 17. Juni 29,66 Prozent und 129 Abgeordnete. Das Mandat gilt für drei Tage.

  • Sondierungsmandat

    Scheitern diese Verhandlungen, erhält der Chef des Bündnisses der Radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras, ein dreitägiges Sondierungsmandat. Er hat aber bereits erklärt, er wolle in der Opposition bleiben. Die Syriza wurde zweitstärkste Kraft – mit 26,89 Prozent und 71 Abgeordneten. Dann wären die Sozialisten als drittstärkste Partei am Zug. Sie bekamen 12,28 Prozent und 33 Abgeordnete.

  • Koalitionen

    Konservative und Sozialisten scheinen zu einer Koalition bereit zu sein. Im Gegensatz zu den Wahlen am 6. Mai haben sie diesmal zusammen mit 162 Abgeordneten die nötige Mehrheit im 300-köpfigen Parlament (am 6. Mai 149). Vertreten im Parlament sind auch die rechtsorientierten Populisten der Partei der Unabhängigen Griechen (20 Abgeordnete) sowie die kleinere Partei der Demokratischen Linken (17). An eine Kooperation mit den Rechtsradikalen (18) oder den Kommunisten (12) denkt niemand.

  • Neuwahlen

    Neuwahlen stehen bevor, wenn all diese Sondierungen ohne Ergebnis bleiben. Dann würde der Präsident alle Parteivorsitzenden zu einer letzten Sondierungsrunde zusammenbringen. Dabei würde er ein letztes Mal prüfen, ob eine Koalitionsregierung gebildet werden kann. Sollte auch dies scheitern, wird das eben erst gewählte Parlament aufgelöst, und es werden Neuwahlen binnen 30 Tagen angesetzt. Das Land würde solange von einer Übergangsregierung geführt – voraussichtlich unter Leitung des Präsidenten eines der höchsten Gerichtshöfe. dpa

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