03.06.12

Geldanlage

Wie sicher ist Ihr Geld beim Euro-Crash?

Alle Welt arbeitet an Notfallplänen für einen Kollaps des Euro. Da ist es höchste Zeit auch für den Kleinsparer, sich auf den möglichen Griechen-Ausstieg aus der Währungsunion einzustellen.

Von D. Eckert und H. Zschäpitz
Foto: Bildagentur Huber
100 Euro
Der mögliche Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone löst Ängste aus. Er dürfte zu erheblichen Verwerfungen beim gemeinsamen Geld führen

Wir leben in verrückten Zeiten. So verrückten Zeiten, dass Anleger Finanzminister Wolfgang Schäuble inzwischen Geld geben – damit sie ihm Geld anvertrauen dürfen. Erstmals in der Geschichte musste die Bundesrepublik bei Ausleihungen mit mehrjähriger Laufzeit zuletzt gar keinen Zins mehr bieten. Im Gegenteil: Die Bundesanleihen sind "negativ verzinst". De facto zahlen Investoren dafür, dass der Staat ihr Kapital sicher verwahrt.

Die Flucht in die Sicherheit der Bundesanleihen ist nur ein Aspekt einer globalen Umwälzung. Denn die Krise in der Euro-Zone greift immer weiter um sich, scheint nicht zu stoppen und bringt alte Gewissheiten ins Wanken. Innerhalb eines Monats hat der Euro mehr als sieben Prozent an Wert verloren – für eine große Währung ist das ein massiver Einbruch, hinter dem brutale Kapitalbewegungen stehen. Seit Anfang Mai ist die Flucht aus dem Euro mit jeder politischen Volte stärker geworden.

Der Grexit ist möglich

Ein Austritt Griechenlands (Grexit) ist mittlerweile im Bereich des Möglichen, und auch die Nachrichten aus Spanien zeugen davon, dass alle Hoffnungen auf eine Eindämmung der Krise verfrüht waren. Allein im ersten Quartal sind knapp 100 Milliarden Euro von der Iberischen Halbinsel abgeflossen – und das zu einer Zeit, als die Krise eher auf Sparflamme köchelte. Professionelle Investoren stellen eilig Notfallpläne auf.

In der jetzigen angespannten Situation könnte ein Grexit schwer kalkulierbare Folgen haben. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Kaskade von Ereignissen, an deren Ende die europäische Währungsunion auseinanderfliegt.

Sparer sollten vorbereitet sein

Selbst wenn es nicht zum Äußersten kommt – Sparer und Verbraucher sollten Vorbereitungen für Turbulenzen treffen, die schlimmer sein könnten als nach der Lehman-Pleite 2008. Auch bei einem nahenden Tornado würde man die Versicherungspolicen daraufhin durchgehen, ob der Vertag auch diesen und jenen Folgeschaden des Sturms abdeckt.

Betroffen ist jeder, der bei einer Bank Geld auf dem Konto hat, im Ausland Urlaub machen will oder eine Lebensversicherung, eine Riester-Rente oder Investment-Produkte wie Fonds sein Eigen nennt. Hart trifft es Aktionäre, denn die Euro-Krise hat das Potenzial, an der Börse eine lange Eiszeit auszulösen.

Blutroter Freitag an der Börse

Wie prekär die Lage ist, zeigte sich in den vergangenen Tagen allzu deutlich: Allein am Freitag sackte der Dax um 3,4 Prozent ab. Im Mai ging es um 7,4 Prozent nach unten – Negativrekord. "Die politischen Börsen scheinen uns zu überfordern", sagt Andreas Hürkamp, Chefstratege bei der Commerzbank.

Jetzt seien starke politische Antworten nötig, um einen weiteren Absturz zu verhindern. Als Beispiele nennt er eine Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB), eine europaweite Garantie der Bankeinlagen oder eine direkte Unterstützung der Kreditinstitute über den Euro-Rettungsfonds ESM.

Hürkamps Vorschläge zeigen, wo es am meisten brennt – im Finanzsektor. Außereuropäische Geldmarktfonds leihen den Banken auf dem Kontinent keinen Cent mehr. Auch die privaten Kunden werden unruhig. Bisher gibt es zwar nur vereinzelt Berichte darüber, dass besorgte Bürger ihr Geld vom Konto abheben.

Bankrun kommt immer überraschend

Erfahrungen von vergangenen Krisen lehren jedoch, dass die Situation schnell kippen kann. "Ein Bankensturm kommt plötzlich" erklärt Citigroup-Stratege Matt King. "Noch am Vorabend sieht alles ruhig aus, und am nächsten Morgen ist es dann zu spät."

Der Run auf die Bankschalter dürfte nicht auf Griechenland beschränkt bleiben, auch in Spanien oder Italien sind bange Kunden versucht, ihr Geld in Sicherheit zu bringen. In der Europäischen Union sind pro Sparer 100.000 Euro gesetzlich geschützt, jedoch ist der Schutz jeweils nationalstaatlich organisiert, in Frankreich etwa über den Fonds de Garantie des Dépôts. Die Einlagensicherung ist nur für den Ausfall einzelner Institute in normalen Zeiten konzipiert, nicht für eine umfassende Systemkrise.

Staaten haften für die Gelder

Im Zweifelsfall muss der jeweilige Staat für die Gelder haften, und da macht es einen Unterschied, ob es sich bei dem Staat um Deutschland oder um das Königreich Spanien handelt. Entscheidend ist, wo sich der Sitz der Bank befindet und nicht, ob sie eine ausländische Mutter hat.

So ist die Santander Consumer Bank ein deutsches Institut und damit Pflichtmitglied in der Entschädigungseinrichtung deutscher Banken. Der Online-Broker CortalConsors hingegen ist ein französisches Institut. Im Zweifelsfall müssten die Kunden ihre 100.000 Euro in Paris eintreiben. Die Bank of Scotland, wegen hoher Tagesgeldzinsen beliebt, unterliegt der britischen Einlagensicherung.

Bankensicherungssysteme sind nicht für Systemkrisen

Über die gesetzliche Garantie hinaus haben sich viele Banken zu eigenen Sicherungssystemen zusammengeschlossen. Die Bank of Scotland ist zum Beispiel ebenso wie CortalConsors Mitglied im Einlagensicherungsfonds des Bundesverbands Deutscher Banken, der je nach Institut deutlich höhere Beträge garantiert.

Sparkassen und genossenschaftliche Institute gehören eigenen Systemen an: Jedes einzelne Geldhaus steht mit seinen gesamten Einlagen für andere ein. Diese Institutssicherung soll Kundeneinlagen in theoretisch unbegrenzter Höhe absichern. Allerdings mussten auch diese Systeme noch keine europaweite Bankenkrise überstehen.

Deutschland ist besonders sicher

Die Deutschen können sich einerseits besonders sicher, andererseits besonders gefährdet fühlen. Kein anderes Volk hat so viel Geld auf der Bank wie die Bundesbürger. Auf Sparbüchern sowie Tages-, Festgeld- oder Girokonten liegen hierzulande 1,4 Billionen Euro. Die Italiener zum Beispiel haben nur rund 600 Milliarden Euro bei der Bank deponiert.

Zu den deutschen Eigenheiten gehört es auch, dass ein Gutteil des Geldvermögens in Lebensversicherungen investiert ist. Noch mal 1,4 Billionen stecken in den Policen. Die Versicherungsgesellschaften wiederum haben das Geld am Kapitalmarkt investiert, vor allem in Pfandbriefen, aber auch in Bank- und Staatsanleihen. Der hohe Anteil von Festverzinslichen bringt die Assekuranz zunehmend in Nöte, denn sichere Bonds werfen kaum noch etwas ab.

Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sackte am Freitag auf 1,13 Prozent, die Umlaufrendite, an der sich die Verzinsung der Lebensversicherungen orientiert, brach sogar auf mickrige 0,92 Prozent ein. Erstmals lag der Wert damit unter der Schwelle von einem Prozent. Einzige Alternative sind Anleihen von Firmen oder anderen Euro-Staaten, doch die haben ein erhöhtes Risiko.

Versicherungen müssen Rechenschaftbericht geben

Sollte die Euro-Zone zerfallen, müssten die Policen-Halter schmerzliche Verluste befürchten. Sinnvoll und legitim ist daher, beim Versicherer anzufragen, wie genau das Geld angelegt ist. Einen ersten Einblick gewährt der Rechenschaftsbericht, der häufig im Internet steht.

Ganz praktische Sorgen haben Urlauber, die ihren Sommerurlaub im Süden verbringen wollen. Kommt es in den Krisenstaaten zum "Bankensturm", müssen die Institute dort womöglich schließen. Dann ist auch mit sozialen Unruhen zu rechnen. Massenstreiks, Demonstrationen und Straßenschlachten sind nicht ausgeschlossen.

Urlauber sollten vorbereitet sein

In Südeuropa könnten Sommerurlauber 2012 in ähnliche Situationen geraten wie Reisende während des arabischen Frühlings in Nordafrika. Das Bürgerliche Gesetzbuch sagt dazu Folgendes: Wird die Reise durch Faktoren beeinträchtigt, die keiner der Vertragspartner zu verantworten hat, dürfen Urlauber vom Vertrag zurücktreten. Niemandem kann zugemutet werden, in ein Krisengebiet zu reisen.

Allerdings müssten die Unruhen schon die Urlaubsfreuden direkt vor Ort trüben: Nur weil in Athen gestreikt wird, heißt das nicht, dass der Kreta-Urlaub kostenlos storniert werden kann. Strittig bleibt, ob bereits ein Währungswechsel dem Reisevertrag die Grundlage entzieht.

Auf Kreditkarten ist kein Verlass

Touristen sollten genügend Bargeld einpacken: Hoteliers akzeptieren teils schon heute keine Kreditkarten mehr, und auf die Geldautomaten ist im Ernstfall kaum Verlass. Auch der Reiseveranstalter TUI rät Griechenland-Urlaubern zum Euro-Vorrat. Es sind verrückte Zeiten.

Die Autoren sind die geborenen Euro-Späher: Der eine stammt aus der deutsch-französischen Grenzregion, der andere hat als Ostdeutscher bereits einen Staatsbankrott auf dem Buckel. Den Euro-Wahnsinn kommentieren beide auch als @Tiefseher und @Schuldensuehner bei Twitter

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