07.05.12

Manifest

Feminismus hat den Mann zum Verlierer gemacht

Männer sterben früher, versauern in der Unterschicht, sind chronisch krank: In seiner Streitschrift "Das entehrte Geschlecht" plädiert der Schriftsteller Ralf Bönt für eine zweite Eman(n)zipation.

Foto: kpa
"Agnes und seine Brüder"
Sie sollen nachdenklich und gleichzeitig impulsiv sein, spontan und verständnisvoll, Latin Lover und Reflexions-Genie in einem: männliche Selbsthilfegruppe in Oskar Roehlers Film "Agnes und seine Brüder" (2004)

Vor genau dreißig Jahren war es ein Hitparaden-Erfolg: "Ich sprüh's auf jede Wand/ Neue Männer braucht das Land", sang damals Ina Deter, hoch auf der "Neuen deutschen Welle". Was ist seither geschehen? Nichts, konstatiert der 1963 geborene Physiker und Romanautor Ralf Bönt, weshalb er jetzt einen Essay vorlegt, dessen Titel nicht weniger wändebesprühend-forsch erscheint: "Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann".

Wie es sich für einen ernsthaften Wissenschaftler geziemt, redet Bönt jedoch weder lange herum, noch suhlt er sich in jenem impressionistisch weichgespülten Ratgeber-Sound, der mittlerweile jedes zweite Sachbuch durchzieht. Dass die daraus resultierende Stringenz auch auf Kosten solcher (Stil-)Tugenden wie Ironie und Geschmeidigkeit geht, wird billigend in Kauf genommenen, denn die Lage ist nicht nur ernst, sondern mittlerweile auch unerträglich:

"Als Frauen sich gegen die rigiden Rollen zur Wehr zu setzen begannen, hat sich der Mann nicht gegen seine gewandt und mehr Freiheit gefordert. Der Mann dient weiter soldatisch dem Arbeitgeber, dem Staat und der Familie, bis er ins Grab kippt. Sein größter Fehler ist, nirgends einen eigenen Platz zu beanspruchen. Für den maskulinen Lebensweg gilt: Karriere, Konkurrenz, Kollaps."

Unisex-Gewursel mit Kind

Nun klingt diese Beschreibung subjektiv-wehleidiger, als sie in Wirklichkeit ist, denn die Statistiken geben dem Autor Recht: Männer sterben in Deutschland im Durchschnitt sechs Jahre eher als Frauen. Wobei auch Bönts Gegenbeispiele interessant sind: Unter Nonnen und Mönchen sowie in israelischen Kibbuzim, wo sich die Lebensgewohnheiten zwischen den Geschlechtern angeglichen haben, gibt es diese Kluft nicht. Aber wird nicht eher allerorten beklagt, dass solche Angleichung schon zu weit gediehen sei und maskuline Frauen und feminisierte Männer längst ein gräuliches Unisex-Gewusel mit Kind bilden, wie man seiner nicht nur im spießer-hippen Berliner Prenzlauer Berg ansichtig werden kann?

Mit solchen Großstadt-Spezialitäten aber hält sich Bönt nicht auf: Der mit schwieligen Fingern verschämt im "Playboy" blätternde Gabelstapelfahrer erscheint unter seinem Radar ebenso wie der sich frei und entspannt dünkende Akademiker.

Die Dominanz, die den Männern von feministischer Seite noch heute nachgesagt wird, buchstabiert er dabei auf überraschende Weise neu. "Sie dominieren am oberen Ende der sozialen Skala, aber auch am unteren: Obdachlose, Hilfsarbeiter und chronisch Kranke sind männlich. Gut aushalten lässt es sich auf dieser Skala dort, wo die Frauen siedelten und noch immer siedeln: In der Mitte."

Der Feminismus wird neoliberal

Könnten sich beide Geschlechter also nicht genau dort treffen, wobei hier "die Mitte" auch eine Körperregion bezeichnet? Gerade da aber hapere es, sagt der Autor und führt die Klage, dass neben den Launen und Wünschen des Vorgesetzten und den ungeschriebenen Erwartungen der Gesellschaft auch im Privaten ein nahezu unerfüllbarer Anforderungs-Katalog aufgeblättert werde: Sei nachdenklich und gleichzeitig impulsiv, spontan und verständnisvoll, Latin Lover und Reflexions-Genie in einem.

In einer interessanten Volte wird dafür ein übersteigerter Feminismus verantwortlich gemacht, der von den Männern das Dominanzgebaren übernommen habe, um diese damit zu peinigen, was freilich um den Preis unsinnlicher Rigidität auf die Frauen zurückfalle: "Mit der Forderung nach im Beruf härter kämpfenden Frauen wird der Feminismus neoliberal und passt auf einen Bierdeckel."

Zutiefst geprägt (und wohl auch traumatisiert) von jener Latzhosen-Kratzbürstigkeit der Siebziger- und Achtzigerjahre, als im politisch korrekten Milieu nahezu jeder Mann als potenzieller Vergewaltiger galt und der heterosexuelle Geschlechtsakt als Zeichen der Unterdrückung, sieht Ralf Bönt noch den scheinbar moderateren Gegenwartsdiskurs davon determiniert: "Über den Mann redet es sich noch immer nur schick, wenn man ihn als Dominateur gleichzeitig auf- und abwertet.

Freiheit eines maskulinen Lebensentwurfs

Doch der große und grundlegende Irrtum unser feministischen Zeit ist die Fantasie von der Freiheit eines klassisch maskulinen Lebensentwurfs, wie sie Simone de Beauvoir so aufwendig konstruiert hat." Allerdings: Hat das Werk von Sartres herrischer Hälfte tatsächlich diese Breiten- und Nachwirkung? Ist (die im Buch zu Recht ob ihres Rabulismus vorgeführte) Alice Schwarzer wirklich noch als Alleinvertretungsstimme aller Frauen akzeptiert? Gilt John Lennons heuchlerischer Song "Woman is the nigger of the world" weiterhin als Hymne?

Gut möglich, dass die eingangs erwähnte Strenge dieses Essays dem ja durchaus erfahrungsgesättigten Familienvater ein wenig die Perspektive verrutschen ließ, denn statt gegen die manichäischen Vereinfachungen Beauvoirs und Schwarzers zu polemisieren, hätte man sich ja auch auf solch sympathisch libertäre Frauenbewegte wie Fanny Lewald oder Erica Jong besinnen können, die dann ihr männliches Pendant etwa bei Vivant Denon oder Milan Kundera fanden.

Eine fühllose "männliche Waffe"

Hatten nicht gerade letztere bereits auf denkbar charmante Weise die Mär vom stets aktiven Mann und der zur Passivität verurteilten Frau widerlegt? Der deutsche Wissenschaftler hätte ihnen vielleicht mit einem kleinen Aperçu gedenken oder auch die eigene Bedingtheit als westlich-protestantisch Sozialisierter erwähnen können, um damit seine im Grunde verdienstvolle Beweisführung vom Ruch des unfreiwillig Komischen frei zu halten.

Wenn er nämlich den fragilen Penis (samt an "Meyers Konversationslexikon" erinnerndem Schaubild!) en detail vom Vorwurf freispricht, eine fühllose "männliche Waffe" zu sein, und mit gleicher Ernsthaftigkeit die "aktiven" Bestandteile im Inneren der Vagina analysiert, dann bleibt das, nun ja - reichlich trocken. Was zwar schade ist, dem Buch jedoch nichts an Plausibilität nimmt: Die Selbst-Befreiung des geschurigelten Mannes steht noch immer aus. Im Übrigen aber wohl auch so lange, wie er in der Rolle des zürnenden Essayisten jenen Frauen die Leviten liest, "die nur mit Männern aus anderen Kulturen zusammen sind". Diese werden nämlich schon wissen, warum.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
-
18.05.13Kreuzberg
Karneval der Kulturen 2013 in Berlin – Alles was Sie wissen müssen

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Infos zum Fest und die Übersicht der Straßensperrun… mehr...

Die dänische Sängerin Emmelie de Forest hat den ESC gewonnen
08:29Malmö 2013
Eurovision Song Contest - Dänin vorn, Deutschland enttäuscht

Emmelie de Forest war die Favoritin der Buchmacher, und gewann mit ihrem Hippie-Chic tatsächlich den Eurovision Song Contest. Deutschland stürzt mit Euro-Trash-Klängen von Cascada auf Platz 21 von 26. mehr...


Flughafenchef Hartmut Mehdorn will den Airport Tegel bis 2018 offen halten und den BER etappenweise ans Netz gehen lassen. Mit seinen Plänen sind nicht alle Gesellschaftler zufrieden
07:22Hauptstadtflughafen
Was die Aufsichtsratsmitglieder von Hartmut Mehdorn halten

BER-Chef Mehdorn hat sich mit seinen neuen Hauptstadtflughafen-Plänen wenig Freunde gemacht. Besonders die Tatsache, dass er Tegel bis 2018 offen halten will, stößt vielen Politikern sauer auf. mehr...


In der U2 haben am Sonnabend mehrere Männer auf einen schlafenden Jugendlichen eingeschlagen
09:39Kriminalität
Schlägertruppe prügelt in U2 auf schlafenden 17-Jährigen ein

In einer Berliner U-Bahn kam es wieder zu roher Gewalt: Eine Gruppe von mehreren Männern wählte sich willkürlich einen schlafenden Jugendlichen als Opfer, und prügelte wild auf ihn ein. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote