Kolumne
Eine Rezession ist nicht mehr zu vermeiden
Samstag, 3. Januar 2009 21:10 - Von Norbert WalterWeniges bleibt so, wie es war. Die vergangenen Wochen waren an Dramatik kaum zu überbieten. 15 Monate nach dem Ausbruch der Subprime-Krise hat ein Tsunami die Strukturen des Weltfinanzmarktes verändert. Viele Pfeiler des alten Systems sind geschluckt, andere zerstört. Es braucht alle Kräfte, um die Krise zu meistern.
Vielerorts weiß man, was man versäumt hat, hier und da scheint man zu ahnen wie neu zu bauen ist. Alle wichtigen Akteure und Institutionen haben alle Hände voll zu tun. Sie sind zuerst wohl absorbiert von der Sicherung des Überlebens. Die ersten Antworten waren spontan. Die ad hocerie hat freilich auch Unsicherheit über die Rollenverteilung entstehen lassen. Zeit ist wie so oft bei solchen Katastrophen von entscheidender Bedeutung. Aufschub der Rettung heißt oft Todesurteil.
Als ganz besonders kompetent erwiesen sich die Zentralbanken der Welt, insbesondere die EZB und die Fed. Sie haben fortlaufend den nicht funktionierenden Interbankenmarkt ersetzt, indem sie enorme Liquiditätspuffer bereitstellten. Im Zuge der vermehrten Bankpleiten oder nahezu Pleiten waren die Risikozuschläge für Refinanzierung von Finanzinstituten auf bislang nicht gekannte Höhen gestiegen. Diese erhöhten Kosten haben selbstverständlich ebenso wie das vernichtete Eigenkapital der Banken einen beachtlichen Effekt auf das Potenzial der Kreditvergabe.
Damit wird deutlich, dass die Finanzmarktkrise tiefere Spuren bei der Realwirtschaft hinterlassen wird als bislang angenommen. Eine Rezession in den USA, Europa und Japan ist nicht mehr vermeidbar. Dies ist der tiefen Immobilienkrise in vielen Ländern, insbesondere den USA, England, Irland und Spanien, den damit verbundenen Problemen in der Bauindustrie, der dramatisch schrumpfenden Wertschöpfung im Finanzsektor, aber auch der Abschwächung in der Autoindustrie geschuldet. Letztere hat mit der allgemeinen Abschwächung, aber natürlich insbesondere den gestiegenen Kraftstoffkosten zu tun. Dies betrifft die drei großen Automobilhersteller und eine Reihe deutscher Anbieter stärker als etwa die japanischen Autobauer.
Auch Mitarbeiter und Manager tragen die Verluste
Während das Handeln vieler Akteure, selbst jener mit unmittelbarer politischer Verantwortung, von beachtlicher Professionalität gekennzeichnet war, war die Begleitung der Ereignisse durch die Äußerungen von politischer Verantwortlichkeiten alles andere als überzeugend. Da gab es naiv gefährliche Kommentare, etwa zur Sicherheit von Kundeneinlagen durch deutsche Politiker. Da gab es in den USA republikanische Abgeordnete, die im Feuersturm Debatten über die geeignete Organisationsstruktur der Feuerwehr führen wollten. Und allerorten gab es eine große Neigung von politisch Verantwortlichen zum Beschuldigen anderer, seien es andere Länder – hier traf die Weltverachtung vor allem die USA – oder die Akteure im Finanzsektor. Einfache Beschuldigungsmuster haben Hochsaison. „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“ ist ein solcher Slogan. Dass es private Gier bei Eigentümern, Managern und Mitarbeitern und ebenso bei Kunden und Anlegern gab, kann und soll nicht geleugnet werden. Aber zu ignorieren, welche dramatischen Kursverluste Aktionäre erlitten haben, dass Manager und Mitarbeiter ihre Stelle und ihre Reputation verloren haben, dass also Verluste zu einem großen Teil – sachgerecht – auch privat getragen werden, sorgt nicht für eine angemessene Beurteilung der Entwicklungen.
Als ganz besonders talentiert erscheinen da jene Politiker, die vor lauter Konzentration auf die Holzstücke im Auge des Gegenübers die Balken im eigenen Auge übersehen können. Mit vollem Brustton der Überzeugung von Marktversagen und der Stärke der eigenen staatlich gesteuerten Wirtschaft zu schwadronieren, ist angesichts des Desasters der staatlich gesteuerten Freddies und Fannies oder dem Niedergang der ländergesteuerten Landesbanken, der IKB und der verunglückten Transaktionen bei der KfW wohl nicht mehr als Chuzpe der freudigen Kommentatoren zu bezeichnen. Es ist einfach billig, und wichtiger noch: es ist das Gegenteil dessen, was dringend gebraucht wird: ein kühler Kopf, Gemeinsamkeit im Handeln und Bündelung aller Kräfte, um aus der Krise bald und – soweit möglich – geordnet herauszukommen. Die Talente sind im privaten Sektor und mehr noch bei den Aufsichtsbehörden dünn gesät. Es gilt, sie zu erkennen und zu ermutigen.
Mit so hilfreichen Bemerkungen, jetzt müsse man bei Marx und Keynes nachschlagen, verrät man zwar Gesinnung, nicht aber Klugheit. Es gilt jetzt Adam Smiths „Die Theorie der ethischen Gefühle“ zu beherzigen. Dort steht alles, was es zu bedenken gilt über Mitgefühl, Ethik, geeignete Gesetze und im „Wohlstand der Nation“ alles über Wettbewerb, was es zu beachten gilt. Und die Deutschen könnten Walter Euckens „Die Grundsätze der Wirtschaftspolitik “ inhalieren, um das rechte Maß an staatlicher Verfasstheit der Wirtschaftsordnung zu identifizieren. Und wenn wir unsere Europamüdigkeit überwinden würden, könnte auch diesem Anfang – nach dem Niedergang – ein Zauber innewohnen. Europa hätte für die neue Finanzordnung nicht nur den Euro zu bieten.
Norbert Walter ist Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe
Erschienen am 10.10.2008
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