Rettungskredite
Woher nehmen die Notenbanken diese Milliarden?
180.000.000.000 von der US-Notenbank, 100.000.000.000 von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main: Kurzfristig leihen die staatlichen Marktaufseher den angeschlagenen Geschäftsbanken Geld. Das wird bestimmt irgendwo gedruckt, oder? Morgenpost Online erklärt das Prinzip der Sonderkredite.
Von Karsten Seibel
Die weltweit führenden Notenbanken haben erneut die Geldschleusen geöffnet – und das so weit wie nie zuvor. Die US-Notenbank stellte 180 Milliarden Dollar (125 Milliarden Euro) bereit. Andere Zentralbanken konnten auf diese Summen ebenfalls zugreifen und sie verteilen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte zu Wochenbeginn bereits 100 Milliarden Euro in den Markt gepumpt.
Angesichts solcher Summen fragt sich so mancher Normalbürger mit ein paar tausend Euro auf dem Konto, wie die Notenbanken überhaupt noch mit dem Drucken des Geldes nachkommen. Allerdings liefen in den vergangenen Tagen keine Maschinen heiß, vielmehr stellten die Notenbanken virtuell per Computeranweisung den Geschäftsbanken auf Wunsch Geld gegen Sicherheiten zur Verfügung.
Oberstes Ziel ist es, eine drohende Geldknappheit der Kreditinstitute zu verhindern. In normalen Zeiten regeln die Banken ihre Bargeldversorgung untereinander. Wer Überschüsse hat, leiht sie anderen über Nacht und kassiert dafür Zinsen. Doch derzeit bunkern Banken lieber Geld, statt sie Konkurrenten zu geben. Die Notenbanken müssen nun einspringen, damit Banken, die zu wenig Geld haben, nicht plötzlich zahlungsunfähig werden. Dafür bezahlen diese auch gern etwas mehr.
Wenn nun plötzlich so viel neues Geld an den Markt kommt, müssten der Theorie zufolge eigentlich die Preise steigen – für das Brötchen, die Urlaubsreise oder den Fernseher. Nach der reinen Lehre gilt: Steigt die Geldmenge, steigen auch die Preise. Denn es gibt plötzlich mehr Geld als Waren. "Die Geldspritzen der Notenbanken rufen keinerlei Inflation hervor", beruhigt jedoch Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America. Das Geld tauche vereinfacht gesagt in der Wirtschaft gar nicht auf. Es bewege sich lediglich zwischen Notenbanken und Geschäftsbanken. Natürlich würden die Banken die Summen auch nutzen, um Kredite zu vergeben. Doch in einer Wirtschaftsphase wie dieser sei eher die Sorge, dass die Geldhäuser die Firmen mit zu wenig Darlehen versorgten, als dass sie Dank des Geldes der Notenbanken ihre Kreditvergabe plötzlich ausweiteten.
Davon geht auch Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater aus. "Der Sinn ist, Liquiditätsspitzen abzufangen. Das Geld wird dann schnell wieder eingezogen." Auch dass die US-Regierung die Rettung des Versicherers AIG durch Ausgabe neuer Staatsanleihen im Wert von 40 Mrd. Dollar finanzieren wolle, habe keinen Einfluss auf die Preise. Er erklärt das so: AIG bekomme erst einen Kredit zur Rettung, begleiche damit unter anderem seine Schulden und dann sammele die Regierung einen Teil des zusätzlichen Geldes über den Verkauf der Staatsanleihen bei anderen Banken wieder ein.
Das Spiel mit den Geldspritzen können Notenbanken eine ganze Weile machen. Die Aktionen der EZB zu Wochenbeginn waren quasi Über-Nacht-Kredite. Sie gibt an einem Tag Geld aus und verlangt es gegen Zinsen am nächsten Tag wieder zurück. Es gibt auch längere Fristen, beispielsweise 28 oder 84 Tage. Der Zins für die Leihe orientiert sich grundsätzlich am Leitzins, etwa den 4,25 Prozent in Europa. Verteilt wird das Geld in einem Auktionsverfahren – wer mehr Zinsen bietet, bekommt mehr.
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