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05.08.08

Übernahmen

Die Firmenjäger schlagen wieder eiskalt zu

Die Zahl der feindlichen Übernahmen ist in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. Der Kampf um den Automobilzulieferer Continental war ein vorläufiger Höhepunkt und gibt die eingeschlagene Richtung vor: Dax-Konzerne rüsten sich für ungemütliche Zeiten – und Familienunternehmen für den Angriff.

© AP
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Als sich "Paul" zu erkennen gab, kamen die hoch bezahlten Manager und Berater von Continental kaum aus dem Staunen heraus. Sicher, zwischen März und April stieg der Aktienkurs des Autozulieferers von 51,89 Euro auf 82,75 Euro, ungewöhnlich stark für einen Wert im Dax. Dafür konnte es nur einen Grund geben: einen heimlichen Angreifer, der die Aktien aufkaufte. Aber so einer?

Auch die aufwendige Suche nach dem unbekannten Käufer brachte lange nichts Konkretes ans Tageslicht. Bis der sich am 11. Juli selbst zu erkennen gab: Es war die Schaeffler KG, ein Familienunternehmen aus Herzogenaurach, das sich für die Operation den Decknamen "Paul" ausgesucht hatte. Und noch etwas erfuhren die Conti-Manager: Ihr eigenes Unternehmen lief bei den Schaefflers unter dem Codenamen Emma. "Paul" hatte keiner im Verdacht gehabt - ein Unternehmen, das dreimal kleiner ist als Conti und sich vorwiegend mit Wälzlagern beschäftigt.


Seit Wochen schlägt die Operation "Paul kauft Emma", wie Schaeffler intern den Vorstoß getauft hatte, hohe Wellen. Die Politik ist alarmiert, die Gewerkschaften warnen vor einem Kahlschlag bei den Mitarbeitern von Continental, und das Management des Autozulieferers suchte zunächst die Flucht in markige Worte: Das Vorgehen Schaefflers sei "egoistisch" und "illegal".


Doch darüber hinaus zeigt sich am Vorstoß Schaefflers vor allem eines: Der feindliche Übernahmeversuch ist immer noch ein Novum für Deutschland. Nach den Übernahmeschlachten von Vodafone und Mannesmann im Jahr 2000 und dem erfolglosen Griff von Merck nach Schering 2006 ist es der drittgrößte feindliche Übernahmeversuch in Deutschland.


Und glaubt man jüngsten Statistiken, ist der Griff nach Conti keine Ausnahme mehr - er liegt vielmehr im Trend. Feindliche Übernahmen sind derzeit in Mode wie noch nie, nicht nur bei deutschen Unternehmen. Obwohl weltweit in den ersten sechs Monaten des Jahres das Geschäft mit Fusionen und Übernahme (M&A) um 31 Prozent zurückgegangen ist, steigt die Zahl der feindlichen Übernahmen rapide an. Im ersten Halbjahr 2008 gab es nach Berechungen des britischen Finanzdienstleisters Thomson Reuters mit 62 unfreundlichen Kaufversuchen im Volumen von 231 Milliarden Dollar (148 Milliarden Euro) so viele wie zuletzt vor acht Jahren. Damals erreichte der Internetboom seinen Zenit, und der britische Mobilfunker sorgte mit dem feindlichen Übernahmeversuch des deutschen Traditionskonzerns Mannesmann für Furore. Rund 372 Milliarden DM (191 Milliarden Euro) ließen sich die Briten den Zukauf damals kosten.

Ein Übernahmeversuch jagt den anderen

Die neue Gangart bei Übernahmen hat nach Meinung von Experten einen simplen Grund: Aufkäufer agierten aggressiver als früher, "weil mehrere Transaktionen der vergangenen Jahre bewiesen habe, dass man damit Erfolg haben kann", sagte Alexander Gehrt, der das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen bei der UBS in Deutschland verantwortet.

So jagt ein feindlicher Übernahmeversuch derzeit den anderen - mit atemberaubenden Kaufpreisen: Der größte Bergbaukonzern der Welt, BHP Billiton, bietet etwa für den Bergbaukonzern Rio Tinto 154 Milliarden Dollar. Der belgische Bierbrauer Inbev will für 52 Milliarden Dollar Anheuser-Busch schlucken, den amerikanischen Konkurrenten mit deutschen Wurzeln. Und noch nicht gänzlich abgeschlossen ist der Versuch Microsofts, den Konkurrenten Yahoo zu übernehmen. Im ersten Versuch bot die Firma von Bill Gates satte 47 Milliarden Dollar.

Auch europäische Firmen mischen vorne mit. So will sich der ansonsten bieder wirkende Schweizer Pharmakonzern Roche die US-Biotech-Firma Genentech für 43,7 Milliarden Dollar vollständig sichern. Doch bisher lehnt Genentech das Angebot als zu niedrig ab. Die feindlichen Übernahmeversuche ziehen sich durch alle Branchen. Ausnahmen gibt es keine.

Gefördert werden die unfreundlichen Annährungsversuche vor allem durch das günstige Umfeld: Zum einen biete das niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnis vieler Aktien derzeit gute Einstiegschancen, sagt Tilmann Galler, Aktienmarktexperte bei JPMorgan Asset Management in Frankfurt. Zum zweiten fällt mit den Private-Equity-Gesellschaften ein aggressiver Preistreiber bei Übernahmen der vergangenen Jahre aus. Die Finanzinvestoren haben es wegen der angespannten Kreditlage schwer, neues Geld für Aufkäufe zu erhalten.

Das Umfeld ist günstig

Das Umfeld sei deshalb günstig für "kaufwillige Unternehmen mit gut gefüllter Kriegskasse", sagt etwa Henrik Aslaksen, Übernahmeexperte der Deutschen Bank. Für Kaufinteressenten sei es deshalb momentan der ideale Zeitpunkt zuzugreifen, da auch das Management der Übernahmeziele inzwischen weniger Alternativen hat, um einen feindlichen Übernahmeversuch durch ein Konkurrenzangebot zu blockieren.

Experten sind sich daher sicher, dass die feindlichen Übernahmeversuche weiter zunehmen werden. Auch für die Manager deutscher Vorzeigekonzerne ein Alarmsignal: "Es wird ungemütlicher, rauer und schmutziger", prophezeit ein Manager einer Investmentbank, der auch in der Sache Schaeffler gegen Continental mitmischt. Die ersten Dax-Konzerne bereiten sich deshalb schon auf ungemütlichere Zeiten vor und überarbeiten zusammen mit ihren Bankern die Abwehrpläne. Darunter ist auch ein führender Industriekonzern vom Rhein: "Wir haben uns burgfest gemacht", heißt es dort.

Der Griff nach Continental wird den Trend weiter vorantreiben, glauben Experten. Mit Familienkonzernen wie Schaeffler treten neue Spieler aufs Feld und lösen die Finanzinvestoren wohl für die nächsten Jahre ab. Mit prall gefüllter Kasse suchen die Familienkonzerne nach Anlagemöglichkeiten. Porsche greift deshalb bei Volkswagen nach der Mehrheit, Schaeffler bei Conti. "Familiengeführte Firmen haben immer wieder bewiesen, dass sie ein gutes Gefühl dafür haben, wann die richtige Zeit für einen Kauf oder Verkauf ist", sagt UBS-Banker Gehrt.

Sein Kollege Martin Reitz, Co-Chef des UBS-Investmentbankings in Deutschland, ergänzt: "Es gibt mehr als zwei Handvoll Familienkonzerne, die auch einen Dax-Wert übernehmen könnten." Zudem: Gefährlich sind nicht nur die deutschen Familienunternehmen. Die indischstämmige Familie Mittal übernahm etwa vor knapp zwei Jahren wenig freundlich den Luxemburger Konkurrenten Arcelor für knapp 30 Milliarden Euro.

Auch die Chinesen wittern ihre Chance

Dabei sind die Familienkonzerne nicht die einzigen neuen Akteure auf dem Feld der feindlichen Übernahmen. Auch chinesische Konzerne, bislang bei der Übernahme ausländischer Unternehmen eher zurückhaltend, reihen sich neuerdings ein unter die Firmenaufkäufer. So hat der Stahlkonzern Sinosteel kürzlich für knapp eine Mrd. Dollar den australischen Eisenerzproduzenten Midwest übernommen - gegen den Willen des dortigen Managements.

Der Wind dreht sich für deutsche Unternehmen. Noch vor zehn Jahren waren solche Aktionen nicht nur gesellschaftlich verpönt. Sie waren auch meist gar nicht durchführbar. Die Deutschland AG zog ein festes Bollwerk um die deutschen Vorzeigekonzerne: Durch gegenseitige Beteiligungen war eine feindliche Übernahme gegen den Willen der wichtigsten Aktionäre und des Managements schlicht nicht möglich. Doch heute bröckelt dieser Schutz. Kaum ein Dax-Konzern hält als strategischer Investor noch Aktien an einem anderen.

Experten bezweifeln ohnehin schon seit längerer Zeit, dass ein feindlicher Übernahmeversuch überhaupt abgewehrt werden kann. Zumindest sprechen die Zahlen dagegen: Mehr als 75 Prozent der feindlichen Übernahmeversuche verlaufen erfolgreich, wohl auch, weil üblicherweise der Widerstand bei einem höheren Kaufpreis aufgegeben wird.


Für die Manager bei Continental steht das vorerst noch nicht zur Debatte. Konzernchef Manfred Wennemer gab sich im Interview mit der "Welt am Sonntag" jüngst kämpferisch. Conti werde zu den restlichen 25 Prozent gehören, sagte er – jedenfalls, "wenn Schaeffler nicht deutlich nachbessert und den restlichen Aktionären ein faires Übernahmeangebot macht".

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