Nahrungsmittel
Wie Spekulanten zu Hungersnöten beitragen
Die steigende Nachfrage und das knappe Angebot gelten vielfach als Ursachen für die Preisexplosion bei Reis und Mais. Doch die Bundestagsfraktion der Grünen hat einen weiteren Schuldigen ausgemacht: die Spekulanten. Mit dieser Erklärung macht es sich die Öko-Partei zu einfach.
Von Frank Stocker
Die Preise für Reis, Mais und andere Grundnahrungsmittel steigen seit Monaten. In vielen Entwicklungsländern bringt dies die Menschen in Existenznöte. In Haiti kam es zu Revolten, nun verteilt die UNO dort Lebensmittel. Ähnliche Entwicklungen gab es zuvor auf den Philippinen, im Senegal und in vielen anderen Ländern.
Die steigende Nachfrage und das knappe Angebot gelten vielfach als die Ursache für die Preisexplosion. Doch die Bundestagsfraktion der Grünen hat nun einen weiteren Schuldigen ausgemacht: die Hedgefonds-Branche. Die Manager dieser spekulativen Geldanlagevehikel hätten nach Meinung von Fraktionsvize Bärbel Höhn Agrarrohstoffe als "neue Goldgrube" entdeckt, was wesentlich zu dem Preisanstieg beitrage. "Die Bundesregierung muss sich im Rahmen der G8 dafür einsetzen, dass Spekulationsgeschäften mit Grundnahrungsmitteln ein Riegel vorgeschoben wird", forderte Höhn in einem Interview mit den Dortmunder "Ruhr-Nahrichten". Konkret verlangte sie schärfere Transparenzregeln und Handelslimits an den Terminbörsen für Agrarrohstoffe.
Tatsächlich legen viele Zahlen den Schluss nahe, dass an den Rohstoffmärkten der Einfluss professioneller Investoren deutlich zugenommen hat. So sind einer Untersuchung von Macquarie Research zufolge die Anlagen in Rohstoffindexfonds zwischen 1998 und 2007 von zehn auf 142 Milliarden Dollar gestiegen. Doch noch entscheidender: Allein in der ersten beiden Monaten diesen Jahres kamen weitere 30 Milliarden hinzu. Und auch aus Deutschland gibt es Zahlen, die diesen Trend beweisen. So wurden allein im Februar 140 Zertifikate auf Rohstoffe emittiert – doppelt so viele wie im Jahr zuvor.
Diese Überschwemmung des Rohstoffmarktes mit Geld von Anlegern hat in den vergangenen Jahren zu einem drastischen Wandel geführt. "Das Resultat ist, dass Investoren gerade dabei sind, die dominanten Spieler an den Rohstoffmärkten zu werden", so Frédéric Lasserre, Chefanalyst für Rohstoffe bei der Société Générale. Sie kaufen an den Warenterminbörsen in New York und Chicago Kontrakte auf Weizen, Mais, Soja oder andere Rohstoffe. Das entscheidende dabei ist, dass es im Ergebnis keinen Unterschied macht, ob jemand einen Rohstoff physisch, im Lebensmittelladen oder als Großhändler kauft oder aber ob ein Anleger nur auf dem Papier in diesen Rohstoff investiert. Beides wirkt am Markt als Nachfrage und steigert den Preis.
Und diese zusätzliche Nachfrage durch Investitionen wurde in den vergangenen Monaten tatsächlich zu einem großen Teil von Hedgefonds erzeugt. Sie setzten auf Rohstoffe als Ausgleich gegenüber dem sinkenden Dollarkurs und der steigenden Inflation. Dennoch wehrt sich die Hedgefondsbranche dagegen, nun als Schuldiger für die steigenden Lebensmittelpreise herhalten zu müssen. "Ich glaube nicht, dass die Spekulation den Preis treibt", sagt Simon von Oppenheim, Manager bei Integrated Alternative Investments, einem Anlageberater, der für seine Kunden die besten Hedgefonds aussucht und der somit die Branche genau kennt.
Entscheidend sei vielmehr die steigende Nachfrage der Schwellenländer, wo die Menschen mehr Geld hätten, um sich eine bessere Ernährung zu leisten. Hinzu komme der Trend zu Biokraftstoffen. All dies führe dazu, dass die physische Nachfrage nach Lebensmitteln drastisch steigt und das Angebot nicht Schritt hält. So sinkt in den USA in diesem Jahr beispielsweise die Anbaufläche für Mais um acht Prozent. Gleichzeitig wird dort aber ein Viertel der Maisernte für die Ethanolherstellung verwendet.
Dennoch: "Die bei einzelnen Rohstoffen erwarteten Defizite können sich drastisch verschärfen, wenn Finanzinvestoren auf einen Aufwärtstrend der Preise setzen", stellt Jochen Hitzfeld von der Unicredit fest. Wenn also die Nachfrage nur leicht steigt, führt dies aufgrund des Einflusses der Spekulanten dazu, dass der Preis gleich explodiert. Umgekehrt kann er aber auch drastisch einbrechen, wenn es plötzlich leichte Überschüsse in der Produktion gibt. Und Hitzfeld rechnet damit, dass derartige Schwankungen noch zunehmen.
Das ist weder für Produzenten noch für Verbraucher wünschenswert. Ob allerdings die Forderung nach Handelsbeschränkungen an den Terminbörsen aus diesem Dilemma führt, ist mehr als fraglich. Zum einen läuft inzwischen ein Teil des Handels mit Agrarrohstoffen schon außerhalb der Börsen. Zum anderen aber müssten derartige Limits in den USA durchgesetzt werden, da dort die wichtigsten Warenterminbörsen beheimatet sind. Doch dort denkt bisher niemand an solche Einschränkungen.
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