Spekulationen
Am Ölmarkt droht die Blase zu platzen
Die derzeitigen Ölpreise lassen sich fundamental nicht mehr rechtfertigen. Analysten ziehen immer häufiger Vergleich zum Internet-Crash im Jahr 2000. Privatanleger können inzwischen aber auch beim Öl auf fallende Kurse setzen. Aber auch diese Papiere sind nicht ohne Gefahr.
Die Geschichten ähneln inzwischen allzu deutlich jenen aus der Zeit des Neuen Marktes. So explodieren beispielsweise in der Türkei die Preise für Esel wegen des hohen Ölpreises. Denn viele Bauern steigen vom Traktor wieder auf das archaische Transportvehikel um. Ähnliche absurde Nachrichten gab es auch 1999 – kurz bevor die Internetblase platzte. So ist es kein Wunder, dass inzwischen auch immer mehr Experten Parallelen zu jener Zeit ziehen und warnen. "Was derzeit am Rohölmarkt läuft, kann man nicht mehr fundamental rechtfertigen", sagt Alfred Roelli, Chef-Anlagestratege der Schweizer Privatbank Pictet. "Das ist einfach eine Blase." Unterstützung findet er dabei bei Bernd Berg, einem Hedgefondsspezialisten, der gerade an der Universität Tübingen über den Einfluss von Spekulanten am Ölmarkt promoviert hat. "Die Spekulationsblase ist vergleichbar mit der Technologieblase Ende der 90er-Jahre", sagt er.
Die Preise entfernten sich immer mehr von den Fundamentaldaten. "Die Ölnachfrage aus den USA dem größten Ölverbraucherland, lässt bereits nach, auch die Nachfrage aus Indien und China stagniert." Trotzdem haben sich die Preise seit Dezember von rund 95 auf fast 140 Dollar erhöht. Ursache dafür sind Berg zufolge Index- und Pensionsfonds, die seit 2005 immense Geldsummen in den Markt investieren. "Sie sind für die Preisexplosion verantwortlich." Diese Investoren legen ihr Geld in Öl und andere Rohstoffe an, weil die Preise schon seit einiger Zeit steigen, sie laufen also einfach einem Trend hinterher. Hinzu kommt, dass sich mit anderen Anlageklassen gegenwärtig wenig verdienen lässt und viele Investments in Rohstoffe derzeit als Inflationsschutz betrachten.
Wie groß der Einfluss dieser Investoren ist, zeigt ein einfacher Vergleich. Seit 2005 ist der Nachfragezuwachs, der auf weltweite Anlagen in die gängigen Rohstoffindizes zurückgeht, größer als das Plus bei der Nachfrage aus China. "Das spekulative Kapital der Pensions- und Investmentfonds fließt in einen relativ engen Markt und ist daher für einen Großteil des rasanten Preisanstieges der vergangenen Monate verantwortlich", sagt Berg.
Nun wäre das kein Problem, wenn dieses Kapital langfristig im Markt gebunden bliebe. Die Preise würden nur verfallen, wenn diese Investoren ihr Geld irgendwann wieder abziehen. Genau das befürchtet jedoch Alfred Roelli. "Rohstoffe gehören nicht permanent in ein Portfolio", sagt der Anlagestratege, der schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist. "Langfristig ist das tote Materie." Daher sei es nur vernünftig, wenn die Fonds ihr Rohstoffengagement irgendwann wieder zurückfahren – und damit die Blase platzen lassen.
Die Frage ist jedoch, wann dies geschieht. Roelli glaubt, dass dieser Zeitpunkt nicht mehr allzu weit entfernt ist. Unterstützung erhält er dabei von Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg. Auch er sieht schon in Kürze eine Korrektur kommen. Ein Hinweis darauf seien die heftigen Preisschwankungen der vergangenen Tage, als der Preis teilweise um mehr als zehn Dollar schwankte. Solch hohe Volatilität deute meist darauf hin, dass der Höhepunkt kurz bevorstehe.
Ein wichtiger Unterschied zu den Zeiten des Neuen Marktes besteht indes: Heute steht auch Privatanleger eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung, mit denen sie auch auf fallende Kurse setzen können. Eine recht günstige Variante sind dabei so genannte Exchange Traded Commodities (ETC). Diese Börsen gehandelten Papiere bilden einen Rohstoffindex eins zu eins ab und zeichnen sich durch besonders günstige Managementgebühren aus. Erst seit Dienstag sind dabei an der Deutschen Börse auch so genannte short ETCs gelistet, die sich spiegelverkehrt zum Verlauf des Basiswertes verhalten: Sinkt dessen Wert, steigt der Kurs des ETC. Reverse-Bonus-Zertifikate profitieren ebenfalls von sinkenden Kursen des Basiswertes, garantieren aber zusätzlich einen Bonus, sofern der Basiswert während der Laufzeit einen bestimmten Kurs niemals berührt oder überschreitet. Mit Knock-Out-Zertifikaten lassen sich die Gewinnmöglichkeiten potenzieren. Allerdings enthalten sie jeweils eine Schwelle, deren Berühren zum Totalverlust führt. Dafür sind die Gewinnmöglichkeiten umso höher, je näher der aktuelle Kurs des Basiswerts schon an dieser Schwelle liegt.
Bei all diesen Papieren sollten sich Anleger jedoch auch der Gefahren bewusst sein. Denn auch wenn sich derzeit eine spekulative Blase an den Rohstoffmärkten gebildet hat, so können die Preise dennoch noch einige Zeit weiter steigen. Auch 1998 warnten manche Experten schon vor dem Platzen der Internetblase – und waren damit anderthalb bis zwei Jahre zu früh dran. In dieser Zeit konnten Anleger mit Aktien der späteren Pleiteunternehmen noch viel Geld verdienen. Auch wer zu früh geht, den bestraft die Börse.

















