Essen

Evonik macht den Lachs zum Vegetarier

2,6 Kilo Futterfisch braucht es, um ein Kilo des Speisefisches zu züchten. Der Essener Chemiekonzern will das ändern

Essen. Eine Million Tonnen Fisch und Meeresfrüchte verspeisen die Deutschen jedes Jahr. Am häufigsten landet der Lachs auf dem Teller. Wegen seines hohen Anteils an Omega-3-Fettsäuren wirkt er sich positiv auf die Gesundheit aus. Wenig vorteilhaft ist der Fisch und dessen Massenzüchtung allerdings für die Umwelt. Das will der Essener Chemiekonzern Evonik nun gemeinsam mit dem niederländischen Konzern DSM ändern. Der Lachs selbst soll weniger Fisch fressen.

Immer häufiger stammt der beliebte Speisefisch aus Aquakulturen, etwa aus Norwegen oder Chile. Fangquoten begrenzen seit Jahren die Anzahl der Tiere, die aus dem Meer gefischt werden dürfen, um ihre Bestände zu sichern. Die weltweit kontinuierlich ansteigende Nachfrage können daher nur die Aquakulturen decken. 2015 stammte laut UN-Ernährungsorganisation schon die Hälfte aller vom Menschen verzehrten Fische aus Aquakulturen, Tendenz steigend. Das Problem: Der Lachs ist ein Raubfisch und benötigt andere Fische als Nahrung – und diese werden weiterhin aus dem Meer gefischt. Rund 2,7 Millionen Tonnen Sardellen, Sprotten, Heringe und andere Fische verarbeitet die Fischindustrie jährlich zu Mehl und Öl. Das sind etwa 17 Prozent des weltweiten Fangs an Wildfisch. Der landet schließlich als Futter in Aquakulturen.

Anders gesagt: Für ein Kilo Zuchtlachs braucht es 2,6 Kilo Wildfisch. Angesichts der überfischten Meere ist das alles andere als nachhaltig. Die begrenzte Menge von Futterfischen beschränkt auch die Aquakulturen in ihrem Wachstum. Die Industrie spürt das längst beim Preis für Fischöl. Der hat sich seit 2005 vervier- bis verfünffacht. Evonik und DSM könnten von dieser Entwicklung profitieren. Ihr Joint Venture Veramaris will ab 2019 ein aus Algen gewonnenes Öl auf den Markt bringen, um das heute übliche Fischöl zu ersetzen.

Essenziell für das Wachstum der Zuchtfische sind die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Diese werden von Algen produziert, Fische nehmen sie mit der Nahrung auf. Gewinnt man die Fettsäuren direkt aus Algen, spart das den Umweg über Futterfische. "Wir machen die Lachse sozusagen zu Vegetariern", sagt Reiner Beste, Chef der Evonik-Ernährungssparte. In den USA will der Chemiekonzern für 200 Millionen US-Dollar eine Produktionsanlage bauen. Sie soll 15 Prozent des jährlichen Bedarfs an den Fettsäuren der Lachszuchten decken können. Langfristig gesehen könnte so der Fischanteil am Lachsfutter gegen null gehen, hofft Beste.

Nicht ganz überzeugt ist die Umweltschutzorganisation Greenpeace. "Die Gewinnung von Omega-3-Fettsäuren aus Meeresalgen kann durchaus dazu beitragen, überfischte Speisefischbestände zu schonen", sagt Meeresbiologin Sandra Schöttner zwar.

Sie fordert aber, die Aquakulturen müssten umweltschonend betrieben werden. Denn das Futter sei nur eines der Probleme der Aufzuchtanlagen: Häufig kämen Antibiotika zum Einsatz. Das Bakterienmittel gelange in das die Aquakulturen umgebende Wasser, ebenso Futterreste und Exkremente, was ganze Ökosysteme an den Küsten zerstöre. Das Wachstum der Aquakulturen an sich sei daher ein Problem.

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