Berlin

Digitaler Zählerzwang wird teuer

Deutsche Hausbesitzer bleiben durch eine Änderung des Gesetzes in letzter Minute auf Kosten für Umbauten sitzen

Berlin. Auf Millionen deutsche Haushalte kommen durch den Zwangseinbau von kommunikationsfähigen digitalen Stromzählern hohe Handwerkerrechnungen zu. Nach Informationen der Berliner Morgenpost wurde das entsprechende Gesetz, das die Umstellung auf die neuen Geräte regelt, kurz vor der Verabschiedung durch den Bundestag am Donnerstag auf Wunsch von Lobbyisten entscheidend geändert. Damit müssen Verbraucher Kosten in zum Teil vierstelliger Höhe selbst tragen.

Mittels eines kurzfristigen Antrags, der im Bundestagsausschuss nicht mehr breit diskutiert wurde, brachte die Union auf Betreiben des Stromriesen RWE und des Energieverbands BDEW eine kleine, entscheidende Änderung in das Gesetz. Demnach entfällt die im Entwurf der Bundesregierung vorgesehene Regelung, dass die Einbaukosten "einschließlich der Installationsvorrichtungen" vom Messstellenbetreiber getragen werden. Dieser Betreiber ist in der Regel ein Energiekonzern oder ein Stadtwerk. Ein RWE-Manager hatte in einer Veranstaltung laut Branchenaussagen die Änderungen vorab als Lobbyerfolg kenntlich gemacht.

Das Streichen der drei Wörter hat eine gewaltige Wirkung – und zur Folge, dass insgesamt Handwerkerrechnungen in Milliardenhöhe auf deutsche Hausbesitzer zukommen. Denn beim Einbau der neuen Stromzähler sind häufig umfangreiche Arbeiten notwendig. So passen die Geräte oft nicht in alte Schaltkästen, die dann komplett ausgetauscht werden müssen. Der Berliner Morgenpost liegen Berechnungen aus der Branche vor, nach denen der Einbau eines neuen Zählerschranks einschließlich Installation mit deutlich mehr als 500 Euro zu Buche schlagen kann – abhängig davon, wie modern und großzügig angelegt die Hauselektrik ist. Werden sogar noch weitere Umbaumaßnahmen etwa wegen Platzmangels notwendig, schnellen die Kosten leicht in den vierstelligen Bereich. Der Einbau einer Steuerbox, die bei Betrieb einer Solaranlage Pflicht ist, kostet den Angaben zufolge noch einmal über 500 Euro.

Beim Elektro-Handwerksverband ZVEH hieß es auf Anfrage, die Kosten seien pauschal nicht zu beziffern. Auch eine Durchschnittsangabe oder Schätzung wollte der Verband nicht treffen. Die Einsilbigkeit verwundert wenig: Der Verband hatte – wie auch die Zählerhersteller und Teile der Energiebranche – für die Einführung lobbyiert. Insgesamt winkt zusätzlicher Umsatz im zweistelligen Milliardenbereich.

Zahlen für den Einbau müssen Millionen Hausbesitzer und Haushalte. Ab 2017 sollen die Messstellenbetreiber bei Verbrauchern mit mehr als 10.000 Kilowattstunden Bedarf pro Jahr die digitalen Geräte installieren. Auch Besitzer von Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung über sieben Kilowatt wären dann betroffen – mehr als eine Million Fälle. Gleichsam müssten auch die Betreiber einer kleineren, aber neuen Grünstromanlage ein digitales Messsystem installiert bekommen. Auch das wurde erst in letzter Minute in den Gesetzentwurf gebracht. 2020 soll der Zwangseinbau bei Haushalten mit einem Verbrauch über 6000 Kilowattstunden folgen, davon wären rund 2,5 Millionen Stromzähler betroffen. Ein derart hohen Verbrauch erreichen in der Regel nur Familien in großen Häusern und mit vielen Geräten. Ob auch bei kleineren Verbrauchern ein solches System installiert wird, darf der Messstellenbetreiber entscheiden. Gegen sein Votum könnten sich Verbraucher nicht wehren. In der Branche wird erwartet, dass Millionen Haushalte dazukommen. Simple digitale Zähler ohne zusätzliche Funktionen, aber auch ohne hohe Kosten bekommen nach und nach alle Haushalte.

Installation und Betrieb sind ein lukratives Geschäft. Die Kosten jenseits der selbst zu tragenden Umbauten im Haus, also für Gerät und Einrichtung und Betrieb des Zählers, bezahlen die Verbraucher über einen dauerhaften Aufschlag auf ihre Stromrechnung. Bei einem Verbrauch zwischen 6000 und 10.000 Kilowattstunden pro Jahr sind das 100 Euro pro Jahr. Die Installationskosten, die ursprünglich auf alle Verbraucher umgelegt hätten werden sollen und damit über einen längeren Zeitraum verteilt worden wären, kämen laut dem Gesetz nun noch obendrauf.

Deutschlands oberster Verbraucherschützer ist empört über die Regelung. "Es ist eine Zumutung, dass die große Koalition in letzter Minute beschlossen hat, dass Verbraucher nicht nur die Kosten für Smart Meter, sondern auch für mögliche Installationsarbeiten bezahlen müssen", sagte Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) dieser Zeitung. "Verbraucher werden über Gebühr zur Kasse gebeten und haben keine Chance, den Einbau abzulehnen."

Die Bundesregierung begründet die Einführung der intelligenten Messsysteme mit einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Demnach haben Verbraucher einen Mehrwert, weil sie den Stromverbrauch besser kontrollieren und neue, flexible Tarife wählen können. Der Nutzen ist umstritten, zahlreiche Pilotstudien stellen nur auf minimale Einsparungen nach dem Einbau fest. VZBV-Chef Müller sagt: "Es ist nach wie vor fraglich, ob sich diese Mehrkosten überhaupt über weniger Verbrauch und eine sinkende Stromrechnung kompensieren lassen."

"Zwangsbeglückung" der Haushalte empört die Grünen

Auch die grüne Opposition im Bundestag ist entsetzt. "Obwohl das Gesetz schon seit Monaten vorliegt, beschließen Union und SPD jetzt kurz vor der Abstimmung noch einen Änderungsantrag, der für die Stromkunden weitreichende Folgen hat", sagte Fraktionsvize Oliver Krischer. "Für uns ist klar, dass es keine 'Zwangsbeglückung' mit Smart Metern für Haushalte geben darf."

Drei Monate vorher muss der Messstellenbetreiber darüber informieren, dass er den Einbau des digitalen Zählers plant. Ob dabei allerdings auch die möglichen Installationskosten schon angekündigt werden, bleibt unklar. Auf jeden Fall empfehlenswert ist es, sich nach einem alternativen Messstellenbetreiber umzuschauen, der Einbau und Betrieb häufig günstiger anbietet. Diese Möglichkeit sieht das Gesetz vor.

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